Die Geschichtsprofessorin Valerie Hansen hat ein faszinierendes Buch geschrieben. 30 Jahre hat so ist zu lesen, daran gearbeitet:Sie erzählt die Geschichte des Welthandels in den Jahrhunderten um das Jahr 1000.Wer einen Geschichtsunterricht erlebt hat, in dem Europa der Nabel der Welt war und es Europäer waren, die ab 1500 den Rest der Welt nach und nach entdeckten, lernt auf einmal, dass schon vor 1000 Jahren der "Rest" der Welt enge Handelsbeziehungen unterhielt. Zu Land und zu Wasser wurden tausende von Kilometern zurückgelegt, um Waren auszutauschen.Prof. Hansen spekuliert nicht, sondern prüft archäologische (nicht zuletzt gesunkene Schiffe!) und die wenigen schriftlichen Funde sehr sorgfältig, nennt auch widersprüchliche Interpretationen.Die Globalisierung um das Jahr 1000 war nicht viel anders als die heutige: Es entstanden Lieferketten mit spezialisierten Berufen, es wurde für den Export produziert, Bootsbau und Navigation wurden verbessert. Entlang der Handelsrouten und in den Zielhäfen gab es Niederlassungen der fremden Fernhändler.Angesichts der modernen grünlinken Globalisierungsgegner, die zurück in die Steinzeit wollen, ist es beruhigend zu erfahren, dass Globalisierung keine kapitalistische Verschwörungstheorie ist.Es wäre beckmesserisch zu sagen, die Globalisierung um das Jahr 1000 wäre keine richtige, weil sie nicht wirklich weltweit gewesen wäre, sondern sich vor allem auf die Gegenden um den Indischen Ozean, Südostasien, Ostasien und Afrika beschränke und dort jeweils auf die Wohlhabenden. (Was laut Hansen zumindest für China nicht gälte.)Was mir manchmal zu viel wurde, sind die ständig wechselnden Namen der Herrscher, Stämme, Völker und Reiche. Da habe ich manches Mal schnell weiter geblättert. Das tut aber meiner Begeisterung kaum Abbruch.
In acht Kapiteln (zuzüglich Prolog und Epilog) widmet sich Autorin Valerie Hansen der Welt im Jahr 1000. Dabei meint Hansen das Wort "Globalisierung" im Titel des Buches ernst und schreibt über alle Erdteile. Nach einem Einführungskapitel widmet sich Hansen der Entdeckung Amerikas durch die Vikinger und ihre letztendlich gescheiterten Versuche dort Fuß zu fassen. Anschließend beschreibt Hansen ausgehend von den Maya Handelskontakte in Amerika um das Jahr 1000, die von den Inka in Südamerika über die Maya in Mexiko bis in das Gebiet der Mississipa-Kultur reichten.Danach wechselt Hansen den Ort des Geschehens ins heutige Russland, in der um das Jahr 1000 die Rus einen Herrschaftsbereich etabliert hatten. Hansen schreibt in diesem und folgenden Kapitel über die arabische Welt im Jahr 1000 viel über den Sklavenhandel der Zeit (aus Osteuropa ins byzantinische Reich und aus (Zentral)Afrika in die islamische Welt). Ein weiterer Schwerpunkt dieses Kapitels ist der Goldhandel aus dem heutigen Ghana. Kapitel 7 wandert dann ostwärts nach Zentralasien, wo sich der Islam erfolgreich bis an die Grenze des heutigen Chinas ausbreitete. Die beiden darauffolgenden behandeln dann Reisen und Handel in Südostasian und schlussendlich China, als "globalisiertesten Ort der Welt" im Jahr 1000.Wie sich schon an dieser Beschreibung des Inhaltsverzeichnisses ablesen lässt, ist das Buch durchaus ambitioniert. Thema und eine renommierte Autorin (Professoring in Yale) ließen mich auf ein tolles Buch hoffen. Für meinen Geschmack gelingt es Hansen allerdings nicht eine zusammenhängende Story zu Formen. Die verschiedenen Abschnitte des Buchs lesen sich unzusammenhängend. Sie subd jeweils mit Informationen vollgepackt, allerdings verliert sich dadurch oft der Faden. Hansen hat eine Vorliebe für lange Auflistungen verschiedenen Handelsgüter, die irgendwo gefunden oder Dokumentiert wurden. Das mag explarisch natürlich interessant sein, um die Ausmaße des "Welthandels" im Jahr 1000 zu verstehen, aber nach einer gewissen Zeit wird es dann irgendwann langweilig. Hinzu kommen für mich einige Details die mich beim lesen gestört haben, für die ich ein paar Beispiele nennen möchte, die in sich natürlich nicht dramatisch sind, aber symptomatisch sind:1. Im Kapitel über die Wikinger erklärt Hansen, dass der Hauptgott der Vikinger Thor war und sie auch andere Götter wie Freya oder Odin anbeteten. Das Odin der Hauptgott war ist kein Geheimnis, was Hansen nicht wissen kann.2. Das Buch wendet sich offensichtlich an geschichtlich interessierte Leser. Die Erklärung, dass es im Jahr 1000 noch keine Reformation gegeben habe und daher orthodoxe und katholische Kirche die beiden großen Strömungen waren, wirkt auf mich unfreiwillig komisch.3. Auf Seite 164 schreibt Hansen, dass "niemand in der Song Dynastie Chinas daran glaubte, dass die Welt im Jahre 1052 untergehe" (meine Übersetzung) und auf Seite 166 lese ich: "Der Glaube an den Weltungergang im Jahre 1052 wurde von verschiedenen Mächten im buddhistischen Block geteilt: Der Song-Dynastie in China, der Liao-Reich, Japan und Korea" (wieder meine Übersetzung). Also das genaue Gegenteil bezüglich der Song-Dynastie was zwei Seiten zuvor behauptet wurde. Was stimmt nun?4. Das Buch wiederholt sich häufig. Ich weiß nicht, wie oft ich letzten Kapitel gelesen habe, dass das Haupthandelsgut von Südostasien nach China Aromastoffe waren - ich denke 20 Mal ist nicht übertrieben.Die beschriebenen, beispielhaften Beobachtungen haben mir den Spaß am Buch etwas vergällt, insbesondere die fachlichen Ungereimtheiten, sähen Zweifel, wie gut recherchiert andere Informationen sind.Zum Schluss möchte ich aber noch zwei positive Aspekte erwähnen: Hansen hat eine erfreulich "uneuropäische" Perspektive. Man kann bei viel über uns üblicherweise weniger vertraute Geschichte lernen. Zweitens ist es Hansen seht gut gelungen zu verdeutlichen und herauszuarbeiten, wie sich "religiöse Blocks" um das Jahr 1000 auf der Welt etabliert haben, die teilweise bis heute bestand haben. Beispielsweise sei der orthodox-christliche Block erwähnt, oder der islamische Block, der bis an China grenzt und auch heute noch Bestand hat (man denke an die uighurische Minderheit im Westen Chinas).Mein Fazit: Ein spannendes Thema, aber letztlich war die Autorin überambitioniert. Man kann viel Neues lernen (ob man den Fakten trauen kann ... ?!), aber das Buch wirkt stellenweise wie ein zusammenhangloses Sammelsurium an Anekdoten und Fakten. Ich gebe drei Sterne und würde das Buch vermutlich nicht noch mal anschaffen.