Mögen Sie Hunde? Fühlen Sie sich auf den britischen Inseln zu Hause? Glauben Sie, dass die Menschheit ihr Ende selbst verursachen wird? Hoffen Sie dennoch wider diese triste Wahrscheinlichkeit? Bravo, dann greifen Sie zu diesem Buch!Denken wir uns an die hundert Jahre in die Zukunft. Der Meeresspiegel ist markant angestiegen, die Zivilisation zusammengebrochen. Eine Katastrophe unbekannter Entstehungsgeschichte – the Gelding – hat unsere Spezies unfruchtbar gemacht und an den Rand der Extinktion gedrängt. Vielleicht leben noch zehntausend Menschen weltweit, mehr aber nicht.Einer dieser Überlebenden ist der jugendliche Griz, der mit seinen Eltern, zwei Geschwistern und den Terriern Jip und Jess auf Mingulay wohnt, einem winzigen sturmumtosten Inselchen der Äußeren Hebriden. Griz und Familie „gehen auf Viking“, was heißt, dass sie mit Booten zu anderen Inseln übersetzen und in den verlassenen und verfallenden Häusern nach brauchbaren Utensilien suchen. Wobei Griz ein Träumer ist, der weniger nach verwertbaren Gegenständen Ausschau hält als nach Büchern. „I lose myself in stories. I find myself there too.“ Zwei Sätze von schöner und einfacher Charakterbeschreibung.Eines Tages taucht ein rotes Segel am Horizont auf, das einen Fremden nach Mingulay spült: den rotbärtigen Brand, einen gewitzten Geschichtenerzähler und Meister der Lüge; einen modernen Loki. Er stiehlt Griz‘ Hündin Jess und sucht mit ihr das Weite. Weibliche Hunde sind sehr selten geworden, es kommen fast nur Rüden zur Welt. Womöglich ein Nebeneffekt des Gelding? Der junge Schotte nimmt mit seinem tapferen, struppigen Freund Jip per Boot die Verfolgung des Diebes auf. Er hat sich geschworen, Jess zu befreien.Klingt auf den ersten Blick nach Young-Adult-Literatur, was aber zu kurz greift. C.A. Fletcher schuf einen Roman für alle Altersklassen. Der schottische Autor beschreibt eine postapokalyptische Heldenreise mit Herz, eine waghalsige Odyssee vom Inselchen Mingulay bis tief ins britische Herzland in Norfolk. Die Geschichte fließt aber nicht linear dahin, die Reiseroute ist reichlich mit Twists und Turns gepflastert.Fletcher gestaltet es spannend, indem er nicht explizit schreibt, Griz befindet sich jetzt in den Ruinen der Stadt XY, sondern überlässt es den Leser*innen selbst herauszufinden, wo das Geschehen gerade abläuft. Alles, was er beisteuert sind Andeutungen und Fragmente, wie zum Beispiel die Inschrift eines Denkmals vor einem langsam verfallenden Stadion. Fußballfans wissen mit einem Wimpern- und einem aufgeregten Herzschlag, dass sie in Old Trafford stehen. Ein anderes Beispiel ist eine Hafenpromenade samt Stahlfachwerkturm, was für Englandreisende klarmacht, man ging in Blackpool an Land.Kennzeichnend für diesen Roman ist auch die Auflösung der Dichotomie männlich-weiblich, was zum Finale hin immer klarer wird, ja, wie ein Faustschlag einsetzt. Mit einem Augenzwinkern benennt Fletcher Griz‘ französische Wegbegleiterin John Dark. Für mich war auf den ersten Blick klar, Jeanne d’Arc klingt phonetisch durch. Weiterer Bonus: Am Rand eingestreute Anspielungen nehmen Bezug auf bekannte literarische Werke. All diese Details finde ich sehr vorteilhaft für die Geschichte; wie kleine, bunte Blüten auf sich weiterästelnden Erzählsträngen.Wenn mich etwas im Buch stört, dann die Beschreibung der Wölfe, die in dem sonst realistischen Szenario arg daneben geht und alt tradierte Märchenängste neu bedient. Diese Klischee-Befeuerung hätte besser keinen Platz auf den Seiten gefunden.Was mir besonders gefiel: die enge Bindung des Hauptprotagonisten zu seinen Hunden. Weg von der verqueren Ansicht „sind doch nur Tiere“, hin zum „sie sind Familienmitglieder“. Beide Daumen hoch dafür.Was das Ende angeht: Viele werden es mögen, andere sicher die Augen rollen. Geschmackssache. Unverhandelbar für die Stärke des Romans bleibt für mich Griz‘ „apokaloptimistische“ Grundeinstellung, die meiner Meinung nach dem Martin Luther zugeschriebenen Satz folgt: „Und wüsste ich, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Oder eben meinen Hund retten…
Die Story - vor allem in der jetzigen Zeit - war toll. Und da es in Großbritannien spielt auch ohne den amerikanischen Heldenepos oder den Gut-gegen-böse-Quatsch. Würde ich gerne verfilmt sehen. Leider ist das Ende etwas schwach, da zu abrupt und inhaltlich einfach, geraten.