Gesellschaftlich-politische Bewegungen führen zu Gegenbewegungen, und je unnachgiebiger und moralisch überlegener sich eine bestimmte Gruppe im Kampf um das angeblich Gute, Wahre, Schöne geriert, desto heftiger wird der Widerstand ausfallen. Ausgehend von den US-Küstenuniversitäten, bestimmt seit mittlerweile knapp drei Jahrzehnten der Kriegsschauplatz der Identitätspolitik das Geschehen mittlerweile auch in Deutschland und Europa. Wenn Bernd Lucke nicht mehr in der Lage ist, seinem Beruf als Hochschullehrer nachzugehen, weil er niedergebrüllt, bespuckt und körperlich angegangen wird und die von den Grünen geführte Hamburger Wissenschaftsbehörde das als legitime "diskursive Auseinandersetzung" bezeichnet, wird deutlich, dass es bei diesem Kampf um die Substanz geht. Viele gute Bücher sind in den vergangenen Jahren bereits über die zunehmende Radikalisierung der Identitätskrieger geschrieben worden: Douglas Murray, Francis Fukuyama und Mark Lilla argumentieren in ihren lesenswerten Darstellungen gegen das totalitäre Anspruchsdenken der selbsternannten Minderheitenadvokaten an. Dass in Deutschland Ähnliches noch nicht zu Papier gebracht worden ist, sagt viel über den deplorablen Zustand unseres auf Anpassung gepolten Wissenschaftsbetriebes aus. In seinem Buch "White" betrachtet der Schriftsteller Bret Easton Ellis – in Deutschland vor allem bekannte für seinen Roman "American Psycho" – das Phänomen nun aus gänzlich unwissenschaftlich-subjektivier Sicht und steht dabei in analytischer Tiefenschärfe den vorher genannten Herren in nichts nach.Nein, für Trump habe er 2016 nicht gestimmt, betont Ellis mantraartig, freilich nur aus dem Grund, da er aus Prinzip nicht an Wahlen teilnehme. Er sieht sich als eine Art Seismologe des gesellschaftlichen Wandels an, der in Los Angeles quasi im Zentrum des linksliberalen Projektes der Identitätspolitik lebt. Angetrieben von einer sich als weltoffen, liberal und moralisch überlegen sehenden Elite, definierten sich immer mehr Menschen ausschließlich über einen bestimmten Aspekt ihrer Identität – vor allem ethnisch oder sexuell – und sehen sich dabei von einer auf Unterdrückung gepolten Machtmatrix umgeben, die es zu zerstören gelte. Mittlerweile, so Ellis, ähnele die Linke dabei dem Feind, den sie zu bekämpfen vorgebe: "This is why it seemed to many of us in that summer that the Left was morphing into something it had never been in my lifetime: a morally superior, intolerant and authoritarian party that was out of touch and lacked any coherent ideology beyond its blanket refusal to credit an election in which someone they didn’t approve of had, at least legally, technically, won the White House." (242)Dass das progressive Amerika über die Trump-Wahl nicht hinwegkommt, überrascht wenig. Dass es aber auch erbarmungslos gegen leicht von der Norm abweichende Meinungen in den eignen Reihen vorgeht, weiß Ellis aus eigener Erfahrung zu berichten. 2013 wurde er zuerst zu den GLAAD (Gay And Lesbian Alliance Against Defamation) Media Awards eingeladen, nur um dann prompt wieder ausgeladen zu werden. Easton Ellis, der selbst schwul ist, hat sich vorher kritisch darüber geäußert, dass ein schwuler Schauspieler die Hauptrolle in "50 Shades of Grey" übernommen hat. Für GLAAD war das genug, um ihn für immer zur einer persona non grata zu erklären und ihm abzusprechen, ein "richtiger" Schwuler zu sein, was immer das auch sein mag. Anhand dieses Beispiels beklagt Ellis den "threatening groupthink of progressive ideology" (91), der nahezu den gesamten Kulturbetrieb in den USA – und dabei vor allem die Filmindustrie – im Griff habe.Heftig attackiert er den Kern der Identitätspolitik, sich über eine imaginierte Opferrolle zu definieren. Dies sei im Grunde nichts anderes als die Weigerung, sich auf erwachsene Weise mit den Herausforderungen des Lebens auseinanderzusetzen: "But victimising oneself is like a drug – it feels so delicious, you get so much attention from people, it does in fact define you, making you feel alive and even important while showing off your supposed wounds, no matter how minor, so people can lick them. Don’t they taste good?" (139)Doch die Identitätskrieger haben das Rad überdreht. Wahrscheinlich waren sie selbst davon überzeugt, die Mehrheit des Landes zu repräsentieren, obwohl es eben nur die Mehrheit der ökonomisch-medialen Elite war. Das andere Amerika, für das der Feldzug der LGBT-Community schlicht keine Relevanz für die eigene Lebenswirklichkeit hat, hat sich 2016 zu Wort gemeldet und Trump als personifizierte Antithese zum politisch korrekten Neusprech der Identitätskrieger ins Weiße Haus gewählt: "Disgust with this victim culture, which expolded during the Obama era, also proved to be an onimous factor later that year with the election of Donald Trump." (141)Trump als Gegenbewegung zum Absolutheitsanspruch der Identitätspolitik – diese Interpretation hat sich mittlerweile durchgesetzt. Woraus sich die Frage ergibt, wo Deutschland gerade steht. Die Entwicklung hat bei uns ein paar Jahre verspätet eingesetzt und befindet sich gerade auf ihrem vorläufigen Höhepunkt – auch die aktuelle Hysterie um das Thema Klimawandel kann hier eingeordnet werden. Wollen die deutschen Identitätskrieger von den USA lernen und einen deutschen Trump verhindern, müssen sie jetzt abrüsten und anerkennen, dass die Themen Gender und Klima im Grunde lediglich Modethemen für saturierte Postmaterialisten ohne existentielle Probleme sind, die bei weitem nicht die Mehrheit in unserem Land darstellen. Die Realität jedoch sieht anders aus. 68% der Deutschen geben an, bei bestimmten Themen nicht mehr offen die eigene Meinung zu sagen, da sie Angst vor beruflichen oder sozialen Konsequenzen haben. Amerika lehrt uns, dass sich diese schweigende Mehrheit dann eben in der Wahlkabine Gehör verschafft.
Es wird als "erstes non-fiction book" von B.E. Ellis bezeichnet. Das stimmt auch, wobei es gar kein Roman ist wie seine sonstigen Bücher, sondern mehr ein Selbstgespräch bzw Memoiren mit eingestreuter Gesellschaftskritik zu aktuellen Themen.In Ellis-typischem lakonischen Plauderton erfährt man viel über seine Karriere / den Werdegang. Dabei lässt er über Vergangenes und auch jetziges den ein oder anderen Kommentar ab..Liest sich gut weg, ist sicherlich auch mutig (1. kein Roman 2. er vertritt zu tagesaktuellen Themen teilweise nicht die Mainstream-Meinung). Insgesamt aber kein Buch, das man "braucht"..Für Fans wie mich durchaus eine Anschaffung wert.