Portrait des brillanten Kunsthistorikers Aby Warburg dessen Leben auch unter religiösen und politischen Aspekten beleuchtet wird.Der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866 -1929) ist eine der großen Ikonen der Kulturwissenschaften. Er beschrieb sich selbst einmal so: "Jude von Geburt, Hamburger im Herzen, im Geiste ein Florentiner" und ergänzte „Ich bin wissenschaftlicher Privatbankier, dessen Credit so gut ist, wie der der Reichsbank.“ Als ältester von fünf Brüdern sollte er die renommierte Privatbank Warburg übernehmen. Mit dreizehn Jahren trat er sein Erstgeburtsrecht an der Bank jedoch an seinen jüngeren Bruder Max ab. Der erinnerte sich später: "Der höchste Blankoscheck, den ich je ausgestellt habe.“Gegen den Willen der Familie, die ihn lieber als Rabbiner gesehen hätte, belegt Warburg in Bonn die Fächer Kunstgeschichte und Archäologie. Die Zeit des Studiums beschreibt er als einen Zwei-Fronten-Krieg, zwischen seiner orthodoxen sephardischen Familie und dem latentem Antisemitismus seiner Umgebung. Er schrieb an seine Mutter: „Liebe Mama,…dass unser mit Recht so beliebtes, deutsches Volk sich, mit obrigkeitlicher Erlaubnis jetzt so recht darin gefällt, jeden Juden zuerst als einen fremden Eindringling von zweifelhaften Manieren anzusehen, so bin ich deprimiert…. Dieses Volk hier ist widerlich: ich kann des Tages nicht ausgehen, ohne ein paar Mal hinter mir her constatiert zu hören: Desch ischt e Jud.“In Florenz, dem Inbegriff der Renaissance, begegnet er seiner zukünftigen Frau Mary Hertz. Dies ist ein Wendepunkt in seinem Leben. Hier findet er auch sein Dissertationthema, das Werk Botticellis. Mit seiner neuen interdisziplinären Untersuchungsmethode begründet er die Ikonographie. Er verwendet die Geschichte, die Soziologie, psychologische und ökonomische Erkenntnisse zur Erhellung der Entstehung und Formgebung von Kunstwerken. Die Erkenntnis, dass die Vorbilder der Bilder Botticellis nicht in der Malerei sondern in der Literatur der Antike lagen, etwa bei Horaz und Homer, erregte Warburg großes Aufsehen.Heftige Auseinandersetzung mit dem Vater erfolgen wegen der Eheschließung mit der jungen Künstlerin Mary Hertz, der Tochter eines protestantischen Hamburger Reeders und Senators. Warburg löst sich vom Judentum und bezeichnet sich selber als Dissident. Eine Universitätskarriere blieb ihm trotzdem verwehrt. Politisch verstand sich Wartburg seit der Mobilmachung 1914 national und in erster Linie als Deutscher, wie er selber sagte, „endlich als vollwertiges und integriertes Mitglied der Gesellschaft.“ Je weiter der Krieg fortschritt, umso mehr wollte er sich die bedrohliche Lebenswelt jedoch vom Leibe halten. Er begann sich damals mit dem Verhältnis von Mythos und Logos zu beschäftigen. Nach dem 1. Weltkrieg fiel er in eine tiefe Depression und musste sich 6 Jahre in verschiedenen Sanatorien aufhalten.Das Buch dokumentiert die intellektuellen Abenteuer Warburgs, seine faszinierende Reise nach Neu-Mexiko und das Zusammenleben mit den Pueblo-Indianern, was ihn an die Anfänge der Zivilisation erinnert, „dass trotz aller Bemühungen der Aufklärung die menschliche Ratio immer wieder von Irrationalem bedroht, dass die Vernunft immer wieder durch einen Angstreflex gefährdet wird“.Seit 1904 hatte er, mit finanzieller Hilfe der Familie, den Aufbau der Kulturwissen-schaftlichen Bibliothek Warburg begonnen. Die Biografin Karen Michels deutet den Bibliotheksausbau im Jahr 1924 als therapeutischen Eingriff/ Rekonvaleszenz nach dem psychotischen Zusammenbruch Warburgs am Ende des Ersten Weltkriegs. Die interdisziplinär angelegte Bibliothek erhält ein eigenes Gebäude und wandelt sich im Laufe der Zeit von einer Privatbibliothek in ein geistiges Zentrum Hamburgs. Seiner Sammlung haftete bis 1922 das Stigma einer jüdischen Bibliothek an. Dies veränderte sich erst als Warburg den Titel „Honorarprofessor“ verliehen bekam.Viele seiner Erkenntnisse sind Fragmente geblieben. Seine Aufsehen erregenden Vorträge wurden von ihm nicht schriftlich fixiert. Warburgs zentrales Projekt war die Erforschung des Bildgedächtnisses der Menschheit von der Antike bis in seine Zeit. Der "Deutsche jüdischen Glaubens" und frühe Europäer versuchte mit seinem Wirken eine humanistische Anti-Position gegen den wachsenden Antisemitismus zu bilden. Für ihn bedeutete der latente Antisemitismus den Rückfall des Denkens in mythischen Irrationalismus. 1929 starb Aby Warburg, seine Bibliothek umfasste einen Buchbestand von 60 000 Bänden. Mit Hilfe der Warburg Brüder gelang die Emigration der Bibliothek und ihrer acht jüdischen Mitarbeiter nach London, wo sie 1944 in die Universität integriert wurde.Eine kongeniale Ergänzung des Buches stellt das Vorwort des Kunsthistorikers Martin Warnke - Mitherausgeber der Studienausgabe von Aby Warburgs gesammelten Schriften - dar, das sehr präzise auf die gewinnbringende Verbindung zwischen der Warburg-Bibliothek und der Warburg-Bank eingeht.Aby Warburgs Werdegang wird hier in einer gut lesbaren und reich bebilderte Biographie vorgelegt. Sehr schön gestaltet führt Sie in Warburgs Leben und Denken ein. Das Buch eignet sich hervorragend Warburg einem breiten LeserInneschaft bekannt zu machen.