"Kritische Gauner bleiben anonym, um ungestraft das Schlechte loben und das Verderbliche herabsetzen, also das Publikum zu betrügen zu können. Man soll ihnen stets als solchen begegnen und in dem angemeßenen Ton mit ihnen zu reden; statt Herr Recensent!"Nach diesem Diktum eine Besprechung zu schreiben, fällt nicht leicht. Aber so war er eben - dieser Arthur Schopenhauer: boshaft und überheblich und kein Freund der Kritiker. Mehr solcher Boshaftigkeiten sind nachzulesen in den "Senilia - Gedanken im Alter"; erschienen in Zusammenhang mit dem bevorstehenden 150. Todestag des große Philosophen und Schriftsteller am 21. September.Nicht nur die Kritker hat er aufs Korn genommen. Vor allem - und das ließ ihn nicht los - waren es seine "Erzfeinde" Hegel, Fichte und Schelling, an denen er sich zeit seines Lebens rieb. Nur Kant ließ er neben sich gelten - und beschäftigte sich mit ihm auf Augenhöhe. Die anderen "Sophister" wie die gesamte akademische Philosophie überhaupt haben ihn und sein Werk nicht beachtet. "Die Philosophie-Profeßoren haben redlich das Ihrige gethan, um dem Publiko die Bekanntschaft mit meinen Schriften wo möglich auf immer vor zu enthalten.... Beinahe 40 Jahre hindurch bin ich ihr Caspar Hauser gewesen...". Er rächt sich, indem er vom "ekelhaften Hegeljargon" spricht, von der "Hegelei" und von "Hegelianischen Flausen" und lässt auch die anderen "Kollegen" nicht ungeschoren.Nein, er hat seine Bissigkeit, seine Boshaftigkeit nicht verloren in den letzten Jahren seines Lebens. Zu finden zuhauf in den "Senilia - Gedanken im Alter". Dabei handelt es sich um ein Notizbuch von 150 Seiten, in das der Philosoph Tag für Tag seine Gedanken, Meditationen, Lesefrücht, Beschimfgungen und so weiter eingetragen hat. Auch hier aber erscheint er noch einmal - wie der Herausgeber Franco Volpi in seiner Einleitung betont - als "ein Meister der Lebenskunst", der sich im Alter vom dem Misanthropen und Meckerer, der er war und immer auch blieb, zu einem glücklichen und zufriedenen alten Weisen gewandelt hatte.In vielen Passagen der "Senilia" beschäftigte sich einer der besten Stilisten und Schriftsteller mit der "Sprachverhunzung"! "Empörend ist es, die deutsche Sprache zerfetzt, zerzaust und zerfleichst zu sehen, und oben drauf den triumphirenden Unverstand, der selbstgefällig sein Werk belächelt..."Angefangen hat Arthur Schopenhauer dieses Buch im April 1852. Geführt hat es bis zu seinem Tode am 21. September 1860. Längst war er berühmt. Nicht nur durch sein Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung", sondern auch durch die "Parerga und Paralipomena" mit den "Aphorismen zur Lebensweisheit". Die "Senilia" können gut und gern als Fortsetzung, ja als Vermächtnis gelten. Noch einmal erschließt sich in diesem Werk, das Franco Volpi und Ernst Ziegler in einer mustergültigen Edition, bei der besonders der Kommentar- und Anmerkunsgapparat zu loben ist, herausgegeben haben, die ganze Gedankenwelt, die großartige Philosophie - ergänzt um interessane Hinweise auf Wesen und Charakter des Arthur Schopenhauer.