"So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen", versprach Jesus - Aber wie kann man "an seiner Rede" bleiben, wenn man in Unkenntnis über Zeit und Zusammenhänge bleibt, unter welchen sie verfasst wurde? Bernhard Lang, Professor für altes Testament (Forschungsschwerpunkte Bibelwissenschaft, bes. Religions- und Kulturgeschichte des Alten Testaments; Kulturgeschichte des Christentums) gelingt es, den Leser zweitausend Jahre zurückzuversetzen, in die Zeit Jesu Wirkens. Er legt die vorherrschenden philosophischen und religiösen Strömungen offen, in deren Umfeld Jesus aufwuchs. Anhand zahlreicher Übereinstimmungen belegt Lang, dass Jesus, nachdem er den Beruf des Zimmermanns gewählt hatte, sich eine bestimmte Form des jüdischen Kynismus zur Lebensphilosophie erkor, die weltoffener und Sinnenfreudiger war, als jene asketische Schule, die Johannes der Täufer für sich gewählt hatte. Spannend ist es nun, zu sehen, wie viel von dem, was von Theologen als Gottes verbindliches Wort, aus dem Munde Jesu gelehrt wird, auf Lehrmeinungen Kynischer Ethik zurückgeht. Man kann dann natürlich fröhlich darüber streiten, ob Gott womöglich Kyniker ist. Plausibler erscheint es, vieles von dem, was als Wort Gottes für verbindlich erklärt wird, als Privatmeinung Jesu anzusehen. Seine private Entscheidung zur Ehelosigkeit, als Kynische Lebensmaxime erkannt, könnte die Katholische Kirche vom Zölibat befreien, wenn es als solche anerkannt würde, denn über seine - Kynische - Ablehnung von Familie ist man ja auch hinweggegangen und seiner Aufforderung, als Wanderprediger, nur mit dem notwendigsten versehen, umherzuziehen, kommt ja auch kein Priester mehr nach, von Bischöfen und Kardinälen ganz zu schweigen. Man muss sich freilich darüber im klaren sein, dass die befreiende Kraft der Wahrheit, von der Jesus spricht, nicht nur darin besteht, das von ihm gesagte historisch-kritisch einzuordnen. Man muss konstatieren, dass er eine Kynische Lebenshaltung als befreiend empfiehlt, schon allein deshalb lohnt das Buch, denn man erfährt, was darunter zu verstehen ist: Wer Kyniker ist, ist König. König ist er, weil er nicht mehr in den weltlichen Systemrationalitäten von Macht, Reichtum und Prestige gefangen ist. Er ist frei. Und das ist gültig, unabhängig davon, ob man eine von Jesus offenbarte göttliche frohe Botschaft darin sieht, oder eine Philosophie. Göttliche Philosophie? Die Frage muss jeder für sich selbst entscheiden. Das Buch ist ein hilfreicher Einstieg dazu.