Mein Verhältnis zu Thomas MannAuf dem Dorf in der Nähe einer obb. Kreisstadt aufgewachsen, fand ich in der Stadtbücherei neben Edgar Wallace und Ludwig Thoma auch die Werke von Thomas Mann. Mit 13 las ich den »Krull«, fand ihn ganz lustig, und bis zum Abi hatte ich die meisten anderen Sachen vom Mann-Clan gelesen. Wenn man als Proust-Leserin aber Thomas Mann liest, ist das so, als wenn eine Bentleyfahrerin auf Mercedes umsteigt: Es ist ein gutes, solides Auto, aber eben kein Bentley.Die Bücher des Mann-ClansDas beste Buch im Mann-Clan ist ohne Zweifel der »Henri IV«. Schade, daß die Franzosen so ignorant sind, dies Buch nicht zu lesen, (il manque même une version française de ce livre-là), wie überhaupt alles, was Ausländer über sie und ihre Geschichte schreiben. Die übrigen Werke von Heinrich Mann haben mich weit weniger interessiert, sie sind zum großen Teil einfach schlecht. Die Romane von Klaus Mann finde ich abgeschmackt, seine Tagebücher ein bißerl interessanter. Auch von seinem Vater Thomas sind die Tagebücher zweifellos das Interessanteste. Sie können zwar nicht neben denen von Kessler oder Spender stehen; die spannendsten Passagen darin sind jedoch die zum Ende des Ersten Weltkriegs und jene von 1933, letztere enthalten hellsichtige Worte. Von Thomas Manns Briefen und Essays habe ich nur ein paar gelesen, am meisten haben mich die »Betrachtungen eines Unpolitischen« interessiert, eine kunstvoll-gewundene Verteidigung des Wilhelminischen Deutschlands, stellenweise ganz originell. Klausens, Erikas, Katias und Golos Lebenserinnerungen sind zweitgeschichtlich nicht uninteressant, man sollte sie jedoch nicht überbewerten.Die Kurzgeschichten von Thomas MannDie frühen Kurzgeschichten sind nicht besonders gut, eher peinlich; man denke nur an die frauenverachtende Geschichte »Gefallen« (bei Kurzke auf SS 42f erwähnt). »Königliche Hoheit« könnte man als Wilhelminischen Lore-Roman apostrophieren (später mit der Leuwerik verfilmt, schnupf!) In »Tristan« und »Buddenbrooks« taucht ein Problem auf, das Thomas Mann sein Leben lang nicht mehr überwinden sollte: Sein laienhafter Historizismus. Pech für ein Volk, wenn es einen Nationalschriftsteller ohne Denkschulung hat. (G. C. Lichtenberg als Nationalschriftsteller wär mir lieber!) Der gut gemachten Detailarbeit an der Oberfläche, dem oft parodierten gravitätisch-verschmitzten Duktus, steht in der Konzeption dieser Werke eine hausbackene Geschichtsphilosophie gegenüber. Die historischen Kurzgeschichten über Lotte in Weimar, den Erwählten und Joseph und seine Brüder konnte ich trotz ernsthafter Bemühung nicht lesen, sonst habe ich alle gelesen, auch den Zauberberg, zweifellos die langweiligste Kurzgeschichte der WeltliteraturThomas Manns politische DummheitThomas Mann: »Es mag Aberglaube sein, aber in meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet ihnen an; sie sollten alle eingestampft werden.« (zit. nach Kurzke, S. 39)Reinhold Schneider? Eingestampft. Jochen Klepper? Eingestampft. Dietrich Bonhoeffer? Eingestampft. Ernst Jüngers nazi-feindliche »Marmor-Klippen«? Eingestampft (hätten die Nazis auch gern gemacht). Thomas Manns eigene Romane »Die Geschichte Jaakobs«, Berlin 1933, und »Der junge Joseph«, Berlin 1934? Eingestampft.Thomas Mann: »In der Ostzone habe ich keine schmutzigen Schmähbriefe und blöde Schimpfartikel zu sehen bekommen wie sie im Westen vorkamen.« (zit. nach Kurzke, S. 40)Ja, warum wohl nicht?Hermann Kurzke: Thomas Mann kompaktMan soll einen Schriftsteller lesen, aber nichts ÜBER einen Schriftsteller. Von diesem Prinzip bin ich bei Kurzkes Handbuch amal abgewichen. Auch den imposanten Schmöker des linksliberalen Adelsschwindlers Peter »de« Mendelssohn über Thomas Mann, »Der Zauberer«, habe ich mit Interesse gelesen, er ist gar nicht so übel. Die kiloschwere Dünndruckschwarte des evangelischen »Zeit«-Autors und Brandtredenschreibers Klaus Harpprecht, der immer genau weiß, was Thomas Mann hätte tun und empfinden sollen, habe ich nur quergelesen.Unter dem wohltuenden, Nüchternheit versprechenden Motto »Arbeitsbücher zur Literaturgeschichte« legt Hermann Kurzke die vierte Auflage seines Handbuchs über Thomas Mann vor, das zuerst 1985 erschien. Konzis, sachlich, oft auch mit essayistischer Verve charakterisiert Kurzke Thomas Manns Verfahren, das meist darin bestehe, »daß in der bürgerlichen Form die ihr zugrundeliegende, meistens schäbige und unbürgerliche Wahrheit aufgedeckt wird«. (S. 69) Dies freilich ist Manns Erfindung nicht.Kurzke bringt zudem die wichtigsten Daten zur Biographie. Der schäbige Brief Ernst v. Weizsäckers, in dem dieser die Ausbürgerung Thomas Manns verlangt, ist soeben erst an die Öffentlichkeit gelangt; Kurzke konnte ihn noch nicht kennen.Der Dichter als DenkerIch habe allerdings mit der Methode Kurzkes das Problem, daß er so tut als sei Thomas Mann ein Denker. Dabei war Thomas Mann ein Dichter, der sich zu seinem und unserem Pech gern als Denker vorgestellt hat. Darunter litt sowohl sein Dichten als auch das Denken. Philosophieren konnte er schon gar nicht. Überaus kunstvoll dagegen vermochte er sein Halbgedachtes zu formulieren.Altsprachliche Bildung ging Thomas Mann ab, und seine Referenzgrößen gehen nur bis ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Er hatte die Angewohnheit, das wenige, das er wußte, möglichst breit auszuwalzen.Das Problem der deutschen Literatur ist, daß sie sich zu oft als Denkliteratur präsentiert. Da treten keine Menschen, sondern Ideenträger auf. Das ist bei Thomas Mann ebenso der Fall wie bei Musil. Zudem denkt Thomas Mann oft in Scheinantagonismen. Der bekannteste ist »Bürger vs Künstler«. Die Antinomie Bürger vs Künstler, aus der sich ein Teil der Dialektik in Manns Kurzgeschichten speist, war schon zu seiner Zeit eine Scheinantinomie; hierfür ist er selbst das beste Beispiel. Heute, in der postindustriellen Gesellschaft, brauchen wir gerade Künstler im Bereich des Wirtschaft. Die ökonomische Zukunft liegt in den Ideen, weniger im Kapital oder der Business Administration.Kurzke geht Thomas Mann oft genug auf den Leim, nimmt dessen Scheinantagonismen als gegeben an und läßt kritische Distanz und Interpretation, aus dem sich eine geistige Physiognomik erst ergäbe, weitgehend vermissen. So läßt er den von Mann in überaus fragwürdiger und interpretationsbedürftiger Weise verwandten Begriff der »Décadence« einfach im Raum stehen. Zudem vermengt er permanent auf unzulässige Weise Biographie und Werk.Kurzkes Buch wäre in Ordnung, wenn es um einen Kulturtheoretiker ginge, sagen wir Jacob Burckhardt oder Max Weber. Thomas Mann aber ist ein Dichter und Schriftsteller, und diese Kleinigkeit ist Kurzke leider entgangen. Er hat zur Stilkunst, zur literarischen Verfahrensweise und zur dichterischen Qualität von Thomas Mann keine Beziehung, aber diese sind es, warum Mann als Dichter berühmt wurde und nicht das Halbgedachte seiner intellektuellen Vorarbeiten.So müßte das Buch heißen: »Thomas Mann als Kulturtheoretiker« und nicht: »Thomas Mann: Epoche Werk Wirkung«.»Wirkung«Und wenn man schon »Wirkung« im Untertitel ankündigt, dann muß man auch eine Wirkungsgeschichte bieten. Hinweis auf ein paar TV-Features und Verfilmungen reicht hier nicht. Es gab zahlreiche Umfragen unter Schriftstellern »Was halten Sie von Thomas Mann?«, es gab eine angelegentliche Mann-Rezeption etwa bei Wolfgang Koeppen, Walter Kempowski oder Uwe Tellkamp. Hier erfahren wir jedoch nichts darüber.Reine VermutungenDie Reden »Deutsche Hörer!« in denen Thomas Mann mit den Nazis abrechnet, gehören zweifellos zu den klassischen Texten und sind das Härteste, was gegen die Nazis geschrieben wurde, nur noch mit Passagen in Jüngers »Strahlungen« oder Karl Krausens »Dritter Walpurgisnacht« zu vergleichen. Kurzke macht sich indes aus diesen Texten nicht besonders viel. »Seine Stimme muß den Deutschen aber sehr, sehr fern vorgekommen sein.« (S. 222) Reine Vermutung! Hier wäre Genaueres zur Rezeption der Radioansprachen gefragt. Auch die Tagebücher hängt Kurzke tief, offenbar weil der Dichter selbst sie als ohne literarischen Wert bezeichnete. Vielleicht war das ja ironisch gemeint. Kenner allerdings schätzen die Tagebücher z. T. sogar am höchsten in Manns Gesamtwerk. Zudem wird das Tagebuch im deutschen Sprachraum traditionell unterschätzt, anders als in England oder Frankreich.Ein Schmankerl zum Schluß (nicht bei Kurzke)»Ist es Thomas Mann doch gelungen, was allen auffällt, nicht unbemerkt zu lassen und diese seine Vorzugsstellung niemandem vorzuenthalten.» (Carl Schmitt)CCHat irgendein Werk von Thomas Mann den Zauber von »Immensee«?