Norbert Scheuer wurde durch seinen Roman "Überm Rauschen" 2009 einem größeren Publikum bekannt, weil das Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Der Roman erzählte die tragische und traurige Geschichte des Leo Arimond und seiner Familie und lobte die Kraft der Erinnerung:"Erinnerungen und Träume treiben vorbei, es gibt keinen Unterschied zwischen unseren Vorstellungen und der Wirklichkeit, alles sinkt irgendwann auf den Grund des Flusses, in stiller Erinnerung.""Überm Rauschen" war ein Buch voller Poesie, eine mitleidlose Schilderung eines Familiendramas mit vielen an ihrer Seele verletzten Menschen, und eine wunderbare Anleitung zum Angeln.Gleichzeitig war das Buch eine Studie mit großem psychoanalytischem Tiefgang und eine hoffnungsvolle Einladung zu mehr Lebensfreude.Wohl durch den Erfolg des Buches angeregt, entschloss sich der C.H. Beck Verlag ein Jahr später, Norbert Scheuers 1999 bei Schöffling & Co. erschienenes Erstlingswerk "Der Steinesammler" noch einmal neu herauszugeben. Doch leider ist diesem Buch bisher genauso wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden wie 1999. Und das ist schade.Denn die Geschichte von Anton Braden, die Scheuer in diesem Buch erzählt, erinnert an die von Leo Arimond. Der junge Anton Braden lebt in Keldenich in der Eifel, und seit seiner frühen Kindheit sammelt er leidenschaftlich Steine. Wie die meisten Leute aus dem Dorf, Bauern und andere oft Ungelernte, arbeitet Anton in den Steinbrüchen und im Zementwerk. Doch er ist anders, das nehmen die Dorfbewohner und seine Kollegen auch wahr:"Er war für sie etwas besonderes, jedenfalls war er nicht so wie die anderen in Keldenich, die sich in das Leben gefügt hatten, die an kein Geheimnis mehr glaubten.""... die an kein Geheimnis mehr glaubten..." - das ist eine Schlüsselformulierung in einem Buch voll wunderschöner Sprache, genauen Menschenporträts und beeindruckenden Landschaftsbeschreibungen. Man spürt fast auf jeder Seite, wie der Autor seine Heimat, die Eifel, liebt und Achtung und Respekt hat vor dem einfachen Leben der Menschen dort. Wie in seinen späteren Büchern, kreist sein Schreiben schon hier um die Wünsche und die Enttäuschungen der Menschen, um die Schönheiten und die Brüche des Lebens, um Scheitern und Neubeginn.Das ist auch das Lebensthema des jungen Anton Braden, der Milli liebt, eine junge Frau aus seinem Dorf, die ihn jedoch immer wieder bitter enttäuscht. Norbert Scheuer beschreibt die Gedanken- und Lebenswelt dieses Mannes mit ungeheurer Sensibilität und ein feiner Poesie.Dieses Buch hätte bei seiner Neuauflage mehr Beachtung verdient.
Was mir gefällt an den Büchern von Nobert Scheuer besonders gefällt ist seine Sprache. Seine Sprache ist sehr ruhig, ohne glamourösen Ausdruck. Er erzählt (jedenfalls ist das mein Eindruck) so, dass mir die Personen lebendig vor Augen stehen und ich mich als Beobachter der Personen, Handlungen, Ereignisse wiederfinde. Zu diesem Buch fällt mir der Ausdruck "Anti-Heimatroman" ein. So wie es Anti-Kriegsromane gibt, die Erlebnisse im Krieg so darstellen, dass man sich wünscht, wirklich nie in kriegerische Ereignisse hineingezogen zu werden, so schreibt er über "Heimat".