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Die Schlacht um den Euro | Interventionen | Thomas Piketty | Taschenbuch | 175 S. | Deutsch | 2015
Bewertungen & Erfahrungen
4,5 von 5,0
4 Bewertungen
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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion13.07.2026
testmonster.de · Redaktion
Dieses Buch ist eine faszinierende und tiefgründige Auseinandersetzung mit der Eurokrise, die mich von Seite zu Seite fesselte. Thomas Piketty analysiert die komplexen ökonomischen Zusammenhänge auf eine Weise, die sowohl informativ als auch sehr spannend ist.
Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich bei diesem Buch nicht um eine Analyse der Probleme rund um den Euro, sondern um eine Auswahl von Artikeln, die Piketty zwischen 2008 und 2015 für die Zeitung ‚Liberation‘ geschrieben hat. Vielleicht mehr als in einem wissenschaftlichen Werk zeigen sich in solchen spontanen Reaktionen auf aktuelle Ereignisse die Einstellung, die Vorgehensweise und der Charakter eines Autors.Piketty zeigt sich hier als Idealtyp eines Sozialdemokraten der noch daran glaubt, mit gutem Willen und ebensolchen Argumenten wäre die Entwicklung auf andere Schienen zu bringen. Nicht zu verwechseln mit den gar nicht idealen Typen die heute in Europa die Sozialdemokratie repräsentieren und die auf jeden Zug der Zeit aufspringen um es sich in darin bequem zu machen.2008 hofft Piketty noch, dass die Finanzkrise zu einem Comeback des Staates auf der sozialen und politischen Bühne führen wird, womöglich auch zu einem NEW DEAL wie unter Roosevelt, und zu einer angemessenen Besteuerung der höchsten Einkommen, wie sie Roosevelt eingeführt hatte und wie sie in den USA fast 50 Jahre lang weit über den heutigen Sätzen lag.Im ersten der hier abgedruckten Artikel ‚Soll man die Banker retten?‘ bejaht Piketty diese Frage eindeutig. Zwei Jahre später steht unter der Überschrift ‚Rekordgewinne der Banken – ein politischer Skandal‘: *Bankenprofite und Boni gehen wieder durch die Decke, Arbeitsmarkt und Löhne sind immer noch am Boden, und dann heißt es auch noch den Gürtel enger schnallen*.Dabei ist Piketty fern von jeder Polemik oder Panikmache. Als Wissenschaftler zieht er immer das Ganze im Betracht:*Die Haushalte der EU besitzen ein Gesamtvermögen von mehr als 50 Billionen, von denen 25 Billionen auf finanzielle Vermögenswerte entfallen. Das ist das Fünffache sämtlicher Staatsschulden Europas*. Privater Reichtum ist immer größer als die öffentlichen Schulden und da sich, wie Piketty nachgewiesen hat, der Reichtum selbstreferenziell vermehrt, und sich andererseits die Staatsschulden durch die Übernahme privater Schulden in öffentliche Institutionen weiter erhöhen, führt das unweigerlich zu einer immer weiteren Konzentration des Reichtums.Für Piketty kamen die Probleme in der EU und speziell die mit dem Euro nicht unerwartet. Die Maastrichter Verträge wurden mit dem Wissen, oder besser gesagt mit der Ideologie der letzten 1980er und der beginnenden 1990er-Jahre vereinbart, und brachten *zum ersten Mal in der Geschichte eine Währung ohne Staat und eine Zentralbank ohne Regierung; eine Währung, die zwar der Spekulation auf damals 17 verschiedene Wechselkurse ein Ende setzte, dafür aber eine Spekulation auf die Zinssätze der Staatsschulden der Länder brachte*.Ein Problem, das für Piketty nur durch eine Vergemeinschaftung der Staatsschulden lösbar scheint.Je näher die Stellungnahmen zur Gegenwart kommen, desto ungeduldiger wird der an sich zurückhaltende Piketty:*Das Bedrückendste an der europäischen Krise ist die Verbohrtheit, mit der die Führung Europas ihre Politik als die einzig mögliche darstellt und jede politische Erschütterung fürchtet, die dieses schöne Gleichgewicht stören könnte*.Als ein Beispiel dafür nennt er die Behandlung der Euro-Krisenländer:*1945 hatten Deutschland und Frankreich eine Staatsschuld von über 200 % ihres BIP.1950 betrug die Staatsschuld nur mehr 30 % vom BIP. Wie kam das? Die Schulden wurden ihnen erlassen, bzw. erledigten sich durch Repudiation (Nichterfüllung der Verbindlichkeiten). Wären beide Länder so behandelt worden wie heute Griechenland, säßen sie heute noch auf ihren Schulden.*Dieser letzte Artikel, geschrieben 2015, trägt auch den für den sanften Piketty schon fast zornigen Titel:*Was muss noch passieren, damit sich Europa bewegt?*
Vom Verfasser der viel diskutierten Veröffentlichung "Das Kapital im 21. Jahrhundert" liegt nun ein neue (deutsche) Veröffentlichung vor. Allerdings unterscheidet sie sich wesentlich von der umfangreichen Analyse in Pikettys "Hauptwerk" zur kapitalistischen Wirtschafts- und Vermögensentwicklung. Es handelt sich ausschließlich um Kommentare zum wirtschaftspolitischen Tagesgeschehen, beginnend mit dem 30. September 2008 und der Frage "Soll man die Banker retten?" (S.25) und endend mit der Frage "Was muss noch passieren, damit sich Europa bewegt?" (S.172) Januar 2015.Der Titel "Die Schlacht um den Euro" ist in sofern etwas irreführend. Piketty liefert weder eine ausführliche Analyse der Euro-Problematik noch setzt er sich mit den verschiedenen bereits vorhandenen alternativen Standpunkten zur Krisenlösung auseinander. Was er stattdessen liefert, sind Kommentare (Interventionen) zum wirtschaftspolitischen Tagesgeschehen (nicht nur in Europa) auf Basis seiner im "Das Kapital im 21.Juhrhundert" ausgearbeiteten Position, dass Wirtschaftswachstum und Vermögen kein gesetzmäßiges Gleichgewicht bilden. In sofern lässt sich die neue Veröffentlichung auch als eine Art Kontrollmaßstab lesen, wie sich Piketty nun als kritischer Ökonom im sich ändernden Tagesgeschehen theoretisch bewährt.Man darf hier jedoch keine Systematik erwarten und auch die Gliederung des Inhalts in drei Teile sollte man nicht als inhaltliche Gliederung verstehen (sie basiert vielmehr auf den zeitlichen Ablauf der Beiträge). So folgt beispielsweise nach einer Auseinandersetzung mit der Frage "Soll man die Mehrwertsteuer senken?" (S.33), ein Kommentar zur (verfehlten) Analogie von "Obama-Roosevelt" (S.36) Ebenso sind die Beiträge zur Krise in Europa verstreut, wenngleich sich im dritten Teil ("An die Urnen, Bürger") (S.111ff) gleich 9 thematisch zusammenhängende Beträge zur Euro-Problematik befinden.Inhaltlich lassen sich die Stärken und Schwächen in dieser Veröffentlichung zum Euro überraschend einfach unterscheiden. Sofern es um Pikettys Grundthese, der "Ungleichheit zwischen der Kapitalrendite (r) und dem Produktionswachstum (g), die man in die Ungleichheit r>g fassen kann" geht (S.150f), sind die Ausführungen interessant und lesenswert. Wer von Piketty bisher nichts gelesen hat, kann hier einen zumindest groben Eindruck seiner Stärken gewinnen. Was umgekehrt das "europäische Projekt" betrifft, präsentiert Piketty nur immer wieder seine feste Überzeugung von der Notwendigkeit eines mehr demokratischen und auf Vermögens- und Einkommensausgleich bedachten föderalistischen Europas, was bei einer einheitlichen Währung auch die Fiskalpolitik und vor allem die Schulden vergemeinschaften muss. Hier passiert also nicht viel an neuen Gedankengängen und was Piketty da für unausweichlich für einen Weiterbestand der EU hält, erfordert für mich noch einiges an Diskussion. Teilweise überschätzt er auch die angeblich progressive Rolle der deutschen Regierung.Das Buch zu bewerten ist in sofern nicht ganz einfach. Mir ging es jedenfalls beim Lesen so, dass mich durchaus manche Kommentare - trotz Kenntnis seines Hauptwerks - fesselten. Z.B. zu der Methode, wie Vermögende ihr Vermögen steuerlich kleinrechnen (S.75). Ebenso gefiel mir die Verteidigung Griechenlands (S.66 und S.92) oder die Kritik am IWF (S.153). Auch zu der Kritik, dass Piketty das Schuldenproblem vernachlässigt (so bes. Daniel Stelter), fand ich Interessantes. Etwas schmunzeln musste ich bei dem Vergleich von Steve Jobs, den "Armen", mit Bill Gates (S.100). Andererseits langweilte mich etwas Pikettys wiederholte Beschwörung einer gerechteren EU. Auch war mir manches zu speziell französisch oder einfach aus heutiger Sicht zu sehr veraltet. Und natürlich findet man bereits angesprochene Schwächen in Pikettys Hauptwerk auch hier. Dass ich trotzdem mit vier Sternen bewerte liegt vor allem daran, dass ich anbetracht mancher Fundamentalkritik auch nach Lektüre dieser Neuveröffentlichung überzeugt bin, dass Piketty immer noch besser ist, als viele seiner Kritiker.
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Letzte Aktualisierung: 22.09.2026 18:14 Uhr.