Es müssen nicht immer 700, 800, 900 Seiten an Biographie sein, um den Lebensweg eines Menschen sinnvoll nachzuvollziehen und, wie Nolte es gelingt, in Bezug auf Hans-Ulrich Wehler die beiden zentralen Momente dieser facettenreichen Person vor die Augen des Lesers zu stellen.Zum einen den Historiker Wehler, der mit klarem Blick, mit je außerordentlich fundierter und treffender Analyse reflektierender Zeitzeuge der Geschichte war. Genauer gesagt, der Kulturgeschichte, der soziologischen Sicht auf Werden und Sein der Gesellschaft.Ein historischer Zweig, ein Herangehen an die Wissenschaft der Geschichte, die Wehler an der Universität Bielefeld mitbegründet und Zeit seines Schaffens unermüdlich vorangetrieben hat.„Geschichte nicht als Politik- und Ereignisgeschichte, sondern als Sozialgeschichte mit traditions- und gesellschaftskritischem Impuls“ zu betrachten und zu betreiben. Was er in seinem Hauptwerk, die „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ gipfeln ließ, sich bei Weitem aber nicht darin erschöpfte. Mannigfaltig ist ein Nachlass, unermüdlich seine Betrachtung der Zeit aus den Geschehnissen der Zeiten heraus.Und zum anderen den (streitbaren) Intellektuellen mit öffentlicher Präsenz (nicht in den Talk-Runden der Mediengesellschaft, wohl aber in vielfachen schriftlichen Einlassungen, Artikeln, Büchern, in denen sich Wehler immer wieder gegen Vereinfachungen (z.B. in der Vereinbarkeit zwischen dem Islam und der westlichen Wertegemeinschaft) oder gegen, in seinen Augen, gravierenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen (die „Schere zwischen Arm und Reich“ und damit die zunehmenden sozialen Verwerfungen und trennenden Entwicklungen der letzten Jahrzehnte).Pointiert, in polarisierendem Ton, immer aber den „Finger auf die Wunde“ legend, Wehler war ein „Wortmächtiger“ und „Wortwirksamer“ Kopf inmitten teilweise gravierender Veränderungen im gesellschaftlichen Miteinander.Sein ehemaliger Schüler, Paul Nolte, macht es sich zur Aufgabe, die vielfachen Facetten der Wirksamkeiten, aber auch die biographischen Prägungen und die in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gewonnene Haltung Wehler nachzuvollziehen. Unprätentiös, immer an der Sache, flüssig und verständlich schlägt Nolte im Buch so den Bogen zwischen privater Entwicklung und fachlicher Entfaltung seines ehemaligen Mentors und vermittelt dem Leser so in bester Weise auch den Kern des Ideengebäudes Wehlers und führt noch einmal die gesellschaftliche Betrachtung dieses aktiven und wachen Geistes thematisch vor Augen.Eine kompakte, dennoch alles Wesentliche aufnehmende und treffende Biographie und ein Stück gedanklicher Zeitgeschichte mit immer noch hochaktuellen und wichtigen Analysen aktueller gesellschaftlicher Fragen.
25 Jahre, sagt man, sollten nach dem Tod einer Person verstreichen, um sich biografisch dem Verstorbenen zu nähern. Nun sind nach Wehlers Tod gerade einmal vier Jahre vergangen. Paul Nolte, Professor for Geschichte an der FU BErlin und einstiger Student bei Wehler, präsentiert mit dem kleinen Büchlein zwar keine minutiöse Nachzeichnung des Lebensweges, aber sehr wohl einen biografischen Abriss, wie man ihn bspw. von Rowohlts Bildermonografien kennt - wobei auf Bilder leider verzichtet wurde. Ohne Anhang ist der Text etwa 160 Seiten lang.So oder so: Die Ironie des Buches liegt gerade darin, dass nun Wehler, der Biografien für im Grunde unwissenschaftlich hielt, nun eine wenn auch kurze Darstellung zuteil wird - sind doch gesellschaftliche und ökonomische Strukturen die eigentlichen Schubkräfte historischer Prozesse, wohingegen der Einzelne ruhig verschwinden mag.Hans-Ulrich Wehler verschwindet denn auch in Noltes Monografie nicht, bleibt aber als Person durchaus weniger greifbar, als man annehmen könnte. Nolte widmet sich in einzelnen Kapiteln dem Bielefelder Universität und der Entstehung der und zeigt Einflüsse, Abhängigkeiten und das Eingebundensein in Strömungen. Die Prägungen der skeptischen 45-Generation, die Entstehung der Bielefelder Universität aus der Reformbewegung, die Erfahrung des Auslandsaufenthaltes - wie Jürgen Habermas hätte Wehler sagen können, ein typisches Kind der Reeducation zu sein. Immun blieb Wehler folglich vom Ungeist marxistischer Orthodoxie wie aber auch von kulturmarxistischen Theorien Frankfurter Provenienz.Jenseits dieser Abhängigkeiten zeigt uns Nolte den Historiker aber eben auch als Agens. Als Störenfried, Alphatier, Netzwerker und notorisch polarisierender Polemiker. Angefangen bei der Doktorarbeit bis hin zur Gesellschaftsgeschichte, die nicht nur eine Emanzipation vom Lehrbetrieb bedeutete, sondern im weiteren Verlauf auch eine zunehmende Fokussierung auf Weber, wie Nolte überhaupt nachweist, dass Marx für Wehler schon im Kaiserreich-Buch eher zeitdiagnostischer Kommentator denn theoretischer Stichwortgeber war. So etwa, wenn Wehler mit Marx im Bismarckreich als eine Verkörperung des Bonapartismus erkannte, aber später mit Max Weber als charismatische Herrschaft interpretiert wurde.Interessant sind die Einlassungen zum Historikerstreit. Nicht nur, weil Wehler der eigentliche Stichwortgeber hinter dem Habermas-Essay "Eine Art Schadensabwicklung war", (und für dessen handlangernde Recherchedienste der Verfasser Paul Nolte zuständig war), sondern auch, weil schon mit dem Bonner Regierungswechsel 1982 Wehlers Grundzuversicht in eine seit Brandt/Schmidt für selbstverständlich gehaltene "Sozialdemokratisierung" der Bundesrepublik nachhaltig erschüttert wurde - die Schärfe der Polemik Wehlers speiste sich fast schon verschwörungstheoretisch aus dieser als politisch verstandenen Niederlage im Zuge der konservativen Tendenzwende. Nicht von Ungefähr fürchtete Wehler nach der Veröffentlichung des fiesen Essays "Entsorgung der deutschen Geschichte?" Klagen von Hillgruber, Stürmer und Nolte, welche aber ausblieben.Zu unkritisch ist Nolte mit dem Islam-Kritiker Wehler, der dem offenbar Merkel-treuen Nolte nicht so recht in den Kram passen will. Wehlers Polemiken speisten sich sicherlich nicht aus einer historischen Analogisierung der Türkei mit dem deutschen Kaiserreich, (im Sinne eines dynamischen Kapitalismus in Verbindung mit politischer Reaktion) , sondern waren grundsätzlicher, was bei Wehler vor allem hieß: Weberianischer Natur. Wehlers Einlassungen gegen den "kriegerischen Monotheismus" Islam sind offenkundig an Webers Islam-Bild geschult, auch unterschlägt Nolte in diesem Zusammenhang Wehlers längeren Aufenthalt in Berlin , wo der Historiker mit der türkischen Immigration direkt konfrontiert wurde. Die Integration, so sagte Wehler einmal der TAZ ein Jahr nach dem 11. September 2001, "misslingt hier, drastisch."Alles in allem liefert Nolte einen interessanten und gut leserlichen Abriss. Blickt man auf benachbarte Publikationen des Verfassers, so erscheint der biografische Essay eher als Fingerübung und gedankliche Ergänzung zur großen Nipperdey-Biografie. Dem Wehler-Bild fügt Noltes Buch unterm Strich aber schon jetzt eine interessante Nuance hinzu: Jenseits von Hochschule & Lehre, public intellectual und Talk-Show-tauglicher Polemik zeigt uns Nolte Wehler als Calvinisten hugenottischer Abstammung, dessen bürgerliches Leistungsethos tief in der (assimilierten) deutschen Bürgerlichkeit des 18. und 19. Jahrhunderts wurzelt, aber auch damit verbunden ein Werk, das wie im Nachhall das Pathos großer deutscher Historiografie aus dem 19. Jahrhundert durchweht.