Die 10. Auflage des Duden knüpft „an Interessen von Lehrenden und Lernenden in Universität und Schulen und der allgemeinen Öffentlichkeit“ an. „Die speziellen Bedürfnisse von Lehrenden und Lernenden des Deutschen als Fremdsprache“ werden berücksichtigt, so dass sich die Grammatik „gewinnbringend im Unterricht und im Selbststudium einsetzen lässt.“ (Vorwort, S. 21). – DAS sei punktuell einer prüferischen Durchsicht unterzogen!Bereits auf dem Umschlag wird deutlich, wie sehr die Grammatik sich gegenüber Vorauflagen geändert hat. Der „Satz“ ist Basis der Grammatik, nicht mehr der Weg vom Laut über das Wort und den Satz bis hin zum Text, wie die Vorauflage oder die strenge Wortbasierung der dritten Auflage 1973, die ich noch zu Schulzeiten mit Taschengeld erwarb. Die 10. Auflage Grammatik gliedert sich in die Hauptabschnitte Satz, Wortgruppe und Wort, ergänzt durch im Inhaltsverzeichnis blau unterlegte Exkurse, z. B. Text, Stil, Gesprochene Sprache, Sprachwandel etc.(1) Die Syntax wird dargestellt anhand des „Feldermodells“, wobei das „Feld“ in seiner Position, immer bezogen auf das Verb, das als „Satzklammer“ bezeichnet wird, durch Wortbildungen und Syntagmen näher bestimmt wird: Vorfeld, Mittelfeld oder Außenfeld links, Außenfeld Rechts, auch Vorvorfeld oder Nachfeld. Die Terminologie wird in Tabellen und im Text dargestellt. Sie hat lt. Autor des Eingangsabschnitts wohl eine durchaus 100-jährige Forschungsgeschiche und –diskussion.Wenn man sich auf diese neue Syntaxterminologie einlässt, die durchgängig in der gesamten Grammatik durchgehalten wird, findet man die meisten seiner Fragen gelöst. Wie übrigens auch mit den Grammatiken aus Vorauflagen. Meine Beschäftigung mit Linguistik ist Stand 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, danach ging der Weg in eine ganz andere Richtung. Fremdsprachen erlernen oder rekapitulieren fand noch statt. Wenn diese Erfahrung angesetzt wird, so bezweifle ich, dass die allgemeine Öffentlichkeit oder Deutsch als Fremdsprache Lernende die 10. Auflage der Dudengrammatik über die ersten 10 Textseiten aushalten. Der gewünscht axiomatische Aufbau ist in Ordnung, klappt aber nicht ganz. Definitionen von „Phrase“ oder „Prädikat“ erfolgen z. T. nach Verwendung in früheren Axiomen. Das ist ein Versehen des Autors oder des Lektorats. Schwerwiegender ist jedoch, dass m. E. das didaktische Umfeld, Fremdsprachengrammatiken, insbesondere auf VHS-Niveau, immer noch wortbasiert mit der Terminologie des Lateinunterrichts arbeiten. Man muss sich schon mal Tesnière und Chomsky beschäftigt haben, um eine Grundoffenheit zu haben für die neue Terminologie und neue Theorien, wie sie z. T. in Stefan Müller, Grammatiktheorie, vorstellt und die in der vorliegenden Grammatik verarbeitet werden.Der Syntaxteil wird abgeschlossen durch die Behandlung der Tempora und der Negation.Im Exkurs zur Syntax finden sich Hinweise zur Differenzierungen von Präteritum/Perfekt. Als Gegner dieser Differenzierung ist mir natürlich das Kapitel „Der oberdeutsche Präteritumschwund“ (ohne Fugen-s,) wichtig, welches unter „Variation und Sprachwandel“ den Präteritumerhalt (ebenfalls ohne Ad-s-vent-s-kranz-S) und seinen Schwund als diatopische Erscheinung von Nord nach Süd darstellt. Das könnte dann dem Fremdsprachenlerner auch gefallen!(2) Die aus der traditionellen Grammatik bekannten „Satzteile“ werden unter „Wortgruppen und Satzbausteine“ als „Phrasen“ behandelt. Der Leser, der seine grammatischen Kenntnisse aus der Fremdsprachendidaktik bezieht, wird sehr wohlwollend mit dem Ansatz umgehen müssen. Die Fragen an eine Grammatik findet man gelöst.Entgegen der normativen Haltung des Duden aus dem vorigen Jahrtausend findet sich unter „Gesprochene Sprache“ im Wortgruppenkapitel ein progressives Kapitel „son, sone – ein neuer Artikel?“ Es wird ein komplettes Deklinationsschema für „son“ < „so ein“ auf S. 554 vorgestellt. Ob man der Autorin des Abschnitts folgt, mag jeder selbst entscheiden. Ich finde es jedenfalls positiv, dass diese Erscheinungen aufgenommen und besprochen werden. In der Beurteilung von Sprachverwendung gibt es zu viele Nasenrümpfinterpretationen, die oft zur Etablierung von Machtstrukturen und Gesprächsabbrüchen genutzt werden. (Aber andere Baustelle!)Nicht Nachvollziehbares fehlt in dem Werk natürlich auch nicht. Die Bedeutung der beiden Sätze „Maria wäscht die Haare ihres Kindes“ und „Maria wäscht ihrem Kind die Haare“ sollen sich lt. Autorin dahingehend unterscheiden, dass der erste Satz im Gegensatz zum zweiten so verstanden werden kann, dass Maria ihrem Kind die Haare abgeschnitten hat und jetzt wäscht. (S. 505) – Kein Kommentar!(3) Das letzte Kapitel betrifft das Wort mit den zu erwartenden Konjugations- und Deklinationsmustern, wobei diese in meiner Grammatik von 1973 breiteren Raum einnehmen und m. E. klarer sind. Insofern denke ich, dass die Bezugsgruppe aus dem Vorwort hier besser bedient werden könnte. Die Wortbildung mit gerade mal 27 Seiten ist m. E. deutlich zu kurz. Wobei mein Benchmark, Hans Marchand, Categories and Types of Present-Day English Word-Formation aus Olims Zeiten (60er Jahre) sicher ungerecht ist heranzuziehen.Fazit: Die 10. Auflage der Duden-Grammatik wurde von akademischen Lehrern in der Tradition einer akademischen Diskussion geschrieben wurde. Dass diese Grammatik einer allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich wird, glaube ich nicht. Da hat die Marketingabteilung im Vorwort mitgemischt. Die Grammatik verwendet moderne Analysemethoden und entsprechende Terminologie, auf die sich der Leser einlassen muss. Will er dies nicht, so wird er mit dem Register seine Fragen klären können, aber Grammatik als Feierabendlektüre scheidet aus.