Hätte ich dieses Essay gelesen, wenn es nicht von PAUL AUSTER gewesen wäre? Vermutlich nicht. Weil es mir zu weit weg ist? Weil wir – wie Paul Auster schreibt – „auf fernen Kontinenten dem entsetzt und ratlos zuschauen, nicht weniger erschüttert, als wir es sind, wenn wir von Genitalverstümmelungen an jungen Mädchen lesen, oder dass anderswo Frauen zu Tode gesteinigt werden, wenn ihre Ehemänner ihnen Untreue vorwerfen.“? Ja, vielleicht ist es das. Doch das, was die Amerikaner mit ihren Waffen haben, die tiefe Spaltung, die die Frage durch die Gesellschaft zieht, die kulturelle Verwurzelung „der Vergottung des Waffentragens“ fühlt sich näher an als ich dachte, ähnlich nah wie die Diskussion um das Tempolimit auf unseren Straßen.Paul Auster geht das Thema persönlich und weniger wissenschaftlich an. Ausgehend von seiner Familiengeschichte, in der die Großmutter seinen Großvater erschoss und damit die Familie schwer zerrüttete, verdüsterte und traumatisierte, erzählt er seine Kindheit und Jugend im „wilden Westen“, der in den USA der 50er Jahre auch im Osten war. Schießübungen gehörten zum Ferienlager genauso selbstverständlich dazu wie das Stockbrot am Lagerfeuer. Von dort geht er zurück in die amerikanische Geschichte und kommentiert die Verwurzelung der Waffe in Privateigentum, die weit zurück in die Siedlungs- und Gründungsgeschichte der USA reicht.Es bleibt jedoch eine persönliche Abrechnung, die durch zahlreiche Schwarz-Weiß-Fotos des US-Fotografen Spencer Ostrander von mehr als 30 Schauplätzen von Amokläufen unterstrichen wird. Allesamt Plätze der Stille unter völliger Abwesenheit von Menschen, „Grabsteine kollektiver Trauer“, beklemmend, manchmal ganz friedlich wirkend, aus einer Perspektive, die der Amokläufer vielleicht eingenommen hat, bevor er sein Werk verrichtete.„Auf ein Wort stößt man […] immer wieder: Einsamkeit, unerträgliche, erdrückende Einsamkeit, es ist dieselbe Einsamkeit, die Millionen andere Amerikaner auf die eine oder andere Weise dazu treibt, Trost im Vergessen zu suchen – zu viele Drogen, zu viel Alkohol, obsessive Flucht in die Labyrinthe des Internets.“ S.114Es geht um Gefühle, um die Angst, die zu Gewalt führt und die Angst, die aus ihr entsteht und die wiederum zu blinden Entscheidungen führt. Es geht um den Teufelskreis, um das Begreifen, das Verstehen.Mich hat es sehr bewegt und auch wenn das vielleicht nicht UNSER Thema ist, so lässt sich doch auf UNSERE Themen schließen und lassen sich Parallelen denken, die Diskussionen anregen.
Das Thema Amoklauf, das gezielte Massentöten von Menschen meist durch einen einzigen Täter, hat im 21. Jahrhundert auf der gesamten Welt an Brisanz gewonnen. Auch in Deutschland häufen sich im Vergleich zum 20. Jahrhundert die Fälle von meist Jugendlichen, die an ihre Schule gingen und auf ihre Klassenkameraden und Lehrer schossen. Die Orte, an denen die Bluttaten verrichtet wurden, sind ins Gedächtnis eingebrannt. Hört man den Ort in einem anderen Kontext in den Nachrichten, sei es Hamm, Winnenden oder Coburg, denkt man sofort an das Grauen, das sich dort abgespielt hat: Ein gutes Zeichen, denn somit sind Taten wie diese noch nicht zur Gewohnheit geworden.Dass Amokläufe und Bluttaten wie an den genannten Orten in Deutschland trotz steigender Fallzahlen noch immer selten sind und man von anderen Ländern viel gravierendere Zahlen mitbekommt, hat nichts damit zu tun, dass die deutsche Gesellschaft zivilisierter oder friedfertiger wäre als z.B. die amerikanische. Dass es in Deutschland seltener zu Schießereien und dergleichen als in Amerika kommt, hängt maßgeblich mit der Frage zusammen, wie sich die Politik zu der Möglichkeit positioniert hat, jedem einfachen Bürger das Recht einzuräumen, eine Waffe zu besitzen. In Deutschland wie vielen anderen europäischen Ländern gibt es strenge Reglementierungen für den Waffenbesitz; man muss einen entsprechenden Schein machen, um eine Schusswaffe besitzen zu dürfen, und diese auch nicht in jedem Kontext bei sich tragen. Ganz anders in Amerika: Dass sich freie Bürger auch frei verteidigen können müssen – gegen welche Gefahren auch immer – gehört (so zumindest von einer hörbaren Masse propagiert) zu den Grundrechten des amerikanischen Bürgers.An der Frage, ob es strengere Auflagen oder zumindest Hürden geben müsste, um an eine Schusswaffe zu kommen, spaltet sich die amerikanische Gesellschaft wie an vielen anderen politischen Reizthemen auch, die an die vermeintliche Kern-DNA des Landes greifen. Die verheerenden Zahlen allerdings, die aus der Freiheit der amerikanischen Bürger, sich eine Waffe kaufen zu können wie jeden anderen Artikel auch, resultieren, regen immer mehr zu einer kritischen Diskussion auch in den USA an. Jahr für Jahr sollen rund 40 000 Menschen durch Schussverletzungen ums Leben kommen, was ungefähr derselben Zahl von Verkehrsunfällen entspricht. Statistisch gesehen kommen in Amerika Tag für Tag hundert Menschen – suizidal, ermordet oder durch Schusswaffeneinsatz der Polizisten – durch Kugeln zu Tode. Die Verletzungen innerer und äußerer Natur, die die Opfer, die nicht tödlich getroffen werden, ein Leben lang mit sich herumtragen, sind hier noch nicht eingerechnet.Die Brutalität und den Irrsinn der Zahlen, die selbst auf die große amerikanische Gesamtgesellschaft erhoben ungeheuerlich sind, zusammenzutragen und sie in ihrer Grausamkeit darzustellen hat sich der amerikanische Autor Paul Auster zur Aufgabe gemacht. Auster, bekannt durch seine erfolgreichen Romane wie die New-York-Trilogie (1985-1987), Timbuktu (1999) oder 4321 (2017), zählte zu den wichtigsten und zugleich auch amerikakritischsten literarischen Stimmen seiner Nation. Er wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren und starb am 30. April 2024 in Brooklyn, New York, nach längerer Krebserkrankung. Seine letzten, zu Lebzeiten veröffentlichten Werke erschienen beide 2023: Der Roman Baumgartner und sein Essay Bloodbath Nation, indem er sich mit den amerikanischen Waffengesetzen und ihren Folgen auseinandersetzt.Paul Auster hat die Form des literarischen Essays in dem in einer Übersetzung von Werner Schmitz bei Rowohlt erschienenen Bloodbath-Nation Buch auf kongeniale Art und Weise umgesetzt. Er sieht in der Gattung des Essays sowohl die Möglichkeit, Fakten gebündelt zusammenzutragen und sie erörternd zu durchdenken, als auch, persönliche Geschichten, Anekdoten und Weltansichten unverändert mit den Fakten in Beziehung zu setzen. Die Frage, warum er sich im Gegensatz zu anderen namhaften amerikanischen Schriftstellern der Gegenwart, die mit Sicherheit ähnliche Ansichten vertreten wie er, auf so intensive Art und Weise literarisch mit dem Skandal des freien Waffenbesitzes auseinandersetzt, erklärt sich z.B. durch den ersten von fünf Teilen, in die der Essay untergliedert ist. Hier schildert Paul Auster seine eigene Familiengeschichte, die Frage des Todes seines Großvaters väterlicherseits, den er nie kennenlernte. Während er mütterlicherseits beide Großeltern hatte und väterlicherseits doch immerhin eine Großmutter, stand für ihn stets die Frage im Raum, was mit dem Vorfahr geschehen ist, den er nie kennenlernte. Austers Vater verweigerte ihm die wahre Antwort auf diese berechtigte Frage des Kindes, indem er ihm bei jeder Nachfrage eine andere Geschichte erzählte. Mal sei der Großvater im Ersten Weltkrieg gefallen, mal bei einem Unfall ums Leben gekommen und wieder ein anderes Mal bei einem Jagdunfall getötet worden.Auster beschreibt, dass ihm als Kind selbstverständlich klar war, dass ein Mensch nur einmal und auf eine Weise ums Leben kommen kann und hörte nicht auf, nachzubohren, bis er die Wahrheit nicht etwa über seinen Vater oder einen seiner Onkel, sondern über die Mutter erfuhr: Die Großmutter war es, die in Anwesenheit eines ihrer Söhne den Vater mit einer zu Hause befindlichen Waffe erschoss. Weil man sie vor Gericht für unzurechnungsfähig erklärte, wurde sie für die Bluttat, die die Familie seither überschattete, nie zur Rechenschaft gezogen. Eine Tat, die – so analysiert Auster naheliegend – nicht hätte stattfinden können, nicht hätte passieren müssen, wenn der Besitz einer Pistole nicht völlig selbstverständlich wäre.Austers Essay ist sowohl psychologisch als auch soziologisch-analytisch aufgebaut. Für ihn ist die Frage, wie Menschen zu Tätern werden, wie sich ihr Verhältnis zu einer Schusswaffe konstituiert und was sie antreibt, zum Äußersten zu greifen, ebenso wichtig wie die Erörterung der gesellschaftspolitischen Ursachen der freien Waffengesetze. Kritisch an der eigenen Kindheit entlanghangelnd, wo er selbst eine Art Verrohung im Umgang mit Schusswaffen feststellt, über Erfahrungen von Freunden wie einem Arzt, der beinahe täglich im Krankenhaus mit Opfern von Schießereien konfrontiert ist, geht Auster tief in die Vergangenheit Amerikas zurück. Er analysiert das verquere Selbstverständnis der sich selbst für großartig haltenden und als großartig inszenierenden Gesellschaft und kritisiert sie für diese heuchlerische, sachfremde Selbststilisierung scharf. Eine intensive Auseinandersetzung mit den brutalen Verbrechen an den Indigenen findet sich ebenso, wie eine Abrechnung Austers mit den totgeschwiegenen Verbrechen in Zeiten der Sklaverei. Dass eine Nation für sich selbst Freiheitsrechte ohne Ende beansprucht, im Laufe ihrer Geschichte allerdings permanent dadurch aufgefallen ist, die anderer beschnitten zu haben, bringt der Essay nüchtern und wenig emotional zur Sprache.Allgemein ist Ernüchterung ein gutes Stichwort um den Eindruck zu beschreiben, den man nach der Lektüre des Essays mitnimmt. Denn an der Tatsache, dass man weiß, dass sich an den Waffengesetzen durch Austers Wortmeldung ebenso wenig ändern wird wie an den vielen Toten der Vergangenheit, die ihr Leben verloren aufgrund dieser völlig widersinnigen Ordnung, wird sich nichts ändern. Literatur wie diese hat die Kraft, darzustellen, hat die Kraft, aufzudecken: Doch hat sie auch die Kraft, zu verändern? Auster muss zumindest ein bisschen daran geglaubt haben, muss darauf gehofft haben, Zögernde und Zweifler aufrütteln zu können mit diesem Text. Klar ist, dass er in den europäischen Ländern, in die er übersetzt wurde – so auch in Deutschland – auf ein selbstverständlich bedeutend wohlwollenderes, einheitlicheres Echo stößt als in der Nation, an die er eigentlich gerichtet ist: Die Vereinigten Staaten von Amerika.Bloodbath Nation ist nicht nur ein Essay von Paul Auster, sondern ein gemeinsames Buchprojekt des Schriftstellers und eines in Amerika recht bekannten Fotografen namens Spencer Ostrander. Der 1984 in Seattle geborene, seit den Nullerjahren in New York lebende Künstler hatte schon einmal ein Buch in Textkooperation mit Paul Auster gestaltet und untermalt das Geschriebene in Bloodbath Nation mit eindrücklichen Fotografien. Etwa die Hälfte des Buches besteht aus Text, die andere aus Fotografien, auf denen meist verlassene Orte von Amoktatorten zu sehen sind. Ergänzt um die Daten des Vorfalls und die Opfer- und Verletztenzahlen werden einfache Straßenkreuzungen, die Fassade von Häusern oder die hochgestellten Stühle auf den Tischen eines leeren Cafés zu düsteren, bedrückenden Orten, führt man sich ihre Geschichte vor Augen. Dass die Fotos zudem in Schwarz-Weiß gehalten sind, trägt zu der besonderen Atmosphäre dieser in Dialog mit dem Text Austers stehenden Fotografien bei. Das Grauen intellektuell, aber eben auch durch die visuellen Eindrucke gespiegelt zu bekommen, ist ein großer Kunstgriff dieses Buches, der die Lektüre zu einem prägenden, nachhaltigen Erlebnis macht.Vor dem Hintergrund einer amerikanischen Literatur, die häufig selbstkritisch aber auch ebenso häufig selbstglorifizierend wirkt, ist der Blick zweier Künstler, die mit ihrer Heimat eng verbunden sind und sie dennoch stark kritisch reflektieren, erfrischend. Dass jede Nation ihr Päckchen zu tragen hat, dass es kein Land mit einer reinen politischen Kultur, einer reinen, unbefleckten Geschichte gibt, haben Paul Auster und Spencer Ostrander erkannt und sich darzustellen getraut. Es ist schade, dass Auster die weitere Entwicklung der auch zu Wahlkampfzeiten aktuell wieder heiß geführten Debatte um die Waffengesetze nicht mehr weiter miterleben konnte.Auch vorhandene Rezensionen:- Timbuktu- Buch der Illusionen