Ich hatte das erste Buch von Nora Gantenbrink gelesen, ihre Kurzgeschichten-Sammlung. Das fand ich sehr toll. Als ich sah, worum es in ihrem ersten Roman geht, hatte ich ein bisschen die Sorge, es könnte alles sehr schwer oder pathetisch werden. Aber das passiert nicht, weil Nora Gantenbrink nicht den Fehler macht, die komplizierten Dinge umständlich zu erklären. Sie erzählt einfach. Und das kann sie sehr gut. Die Geschichte ist: Die Musikjournalistin Marlene versucht herauszufinden, wer ihr Vater war. Als er noch lebte, war er meistens nicht da. Er war auf Reisen, manchmal monatelang, mit Freunden unterwegs, feiern, Drogen, schöne Frauen. Auf einer dieser Reisen steckte er sich mit Aids an. Irgendwann war er tot. Zurück ließ er Schulden, jede Menge Fragen und ein Foto von sich und der Frau, die ihm die Krankheit mitgegeben hatte. Und dann gibt es noch Oleg, Marlenes besten Freund, der gern mitkommen würde auf die Suche nach den Spuren, aber nicht darf. Im Grunde ist es eine Geschichte darüber, was Liebe so anrichtet, wenn sie nicht gezeigt, erwidert oder einfach nicht vorhanden ist. Es geht um Freundschaft in verschiedenen Abstufungen und darum, wie man mit Fragen umgeht, auf die es keine Antwort gibt. Nora Gantenbrink erzählt das alles in vielen kleinen Episoden, Erinnerungen und Erlebnissen, immer lakonisch, manchmal nachdenklich und an einigen Stelle in seiner bemitleidenswerten Tragik auch so lustig, dass einem das Lachen unangenehm ist – als der todkranke Vater seine Tochter zum Beispiel nötigt, zusammen mit ihr und dem Morphiumtropf aus dem Krankenhaus zu verschwinden, einen Ausflug in die Stadt zu machen und eine Currywurst zu essen. Danach stolpern sie in eine Ausstellung. Das alles geht leider nicht gut aus. Aber so ist das ja nun mal oft im Leben. Und trotz allem bleibt am Ende ein warmes Gefühl, weil’s vielleicht auch ganz gut ist, einzusehen, dass man manchmal nicht mehr machen kann, als das wenige Schöne, das man zu greifen bekommt, zu schätzen. Ein sehr tolles Buch. Weil’s keine sechs gibt, leider nur fünf Sterne.
Ein must read! Dieser Roman ist so authentisch, die Reise der Protagonistin zum Vater und zu sich selbst so wundervoll skizziert, dass man, wenn man einmal angefangen hat, das Buch nicht mehr zur Seite legen kann. Die Beschreibungen über Marlenes Jugend lassen einen selbst nostalgisch an die eigene Heimat und erlebten Geschichten zurückdenken. Deswegen ist der Roman viel mehr als eine Geschichte über einen besonderen Vater. Die Charaktere, Geschehnisse, Orte an die Marlene reist, sind so stark beschrieben, dass man denkt selbst vor Ort zu sein und die Personen zu kennen. Es steckt so viel Liebe zum Detail. Ich liebe diese Schreibe! Und ich wäre auch gerne Olegs beste Freundin. Und Marlenes auch.
Da ich im Jahr nur maximal 5 Bücher lese suche ich mir diese besonders gut aus.DAD ist so herzlich, lustig, traurig, tiefgründig, authentisch und wirkt dabei zum Glück im besten Sinne -unbemüht-.Es bietet zudem eine anregende Projektionsfläche für eigene Erinnerungen um das provinzielle Aufwachsen in den 90ern!Klare Kaufempfehlung!