Leni weint - Péter Nádas Gebunden
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Leni weint - Péter Nádas Gebunden

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Produktbeschreibung

Leni weint | Essays | Péter Nádas | Buch | 528 S. | Deutsch | 2018 | Rowohlt, Hamburg

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Stefan Proust 18.04.2024 amazon.de
Zitat von Peter NadasDer ungarische Schriftsteller Peter Nadas erhebt in seinen Essays seine erzählerische Stimme gegen die europäische Geschichtsvergessenheit der Gegenwart und fragt nach den Gründen und Ursachen der globalen populistischen Wende und dem Rückfall in die politische Regression. Er tut dies ohne "Gestus der Klage oder des Beschwerdeführens gegen den Weltlauf." Der Systemwechsel in den osteuropäischen Regionen, der Übertritt vom Staatssozialismus in die Demokratie, von der Planwirtschaft in die freie Marktwirtschaft war eine "völlig unerprobte historische Aufgabe, ohne Vorbild, ohne entsprechende Literatur." Die osteuropäische Bevölkerung musste nach dem Zerfall des Sowjetimperiums das Studium der Demokratie mit einem Grundkurs beginnen aber dieses Studium ist immer noch nicht abgeschlossen und die Absolventen sind noch lange keine überzeugten und engagierten Demokraten. In seinem Aufsatz "Der Stand der Dinge" in dem er sich über das Scheitern einer dritten Modernisierung Ungarns Gedanken macht verweist Nadas daraufhin, "dass die ungarische Gesellschaft über keine starken demokratischen Traditionen verfügt und es verblüffend wenige glaubwüridge Demokraten gibt." Nach der Wende, nach dem Fall der Mauer kann in keinem einzigen Land der Region davon die Rede sein, "dass die Bevölkerung der sowjetischen Diktatur überdrüssig gewesen wäre, dass sie stattdessen die Demokratie gewollt, für sie gekämpft hätte, dass sie Methoden der Machtergreifung ausgearbeitet, die alte Ordnung hinweggefegt hätte, um eine gründlich geplante andere zu errichten, kurzum, dass sie eine Revolution gemacht hätte... Die Region akzeptierte die Demokratie wie einen ärztlichen Rat, verstand jedoch im Grunde nicht, was die Ärzte von ihr wollten."Die hier versammelten stilistisch hervorragenden Essays, Vorträge und Aufsätze (darunter viele in deutscher Erstveröffentlichung) bewegen sich auf drei Ebenen, der historisch-gesellschaftlich-politischen, der anthropologisch-psychologisch-ethischen und der poetologisch-künstlerischen Ebene. Bei seinem Blick auf das Ganze der Gesellschaft und der politische Zustände und historischen Ereignisse, bei seinen Kunstbetrachtungen und Bücherbesprechungen ist das schreibende und denkende Ich fast immer mit involviert. In seinem herausragenden Erfahrungsbericht "Der eigene Tod" steht sogar das eigene komplexe fragile vergängliche Bewusstsein im Mittelpunkt der Nahtoderfahrung. Während des dreieinhalbminütigen Herzstillstands im Krankenhaus "sind mehrere Millionen Jahre vergangen." Im Gegensatz zu den Ärzten behauptet Peter Nadas, dass man zwar das alltägliche Bewusstsein verliert, aber nicht das Bewusstsein an sich: "Mein Geist war wacher als je zuvor." An der Schwelle des Todes reift die Erkenntnis, dass der Tod "jetzt" "geschieht", dass das Ich wieder zu dem wird, "was früher ohne Körper war und nun auf ewig ohne Körper sein wird." Das vom Körper getrennte Bewusstsein "nimmt als seinen letzten Gegenstand den Mechnanismus des Denkens wahr." Peter Nadas gibt zu, dass das was da abläuft, schwer in Worte zu fassen ist, er zieht an einer Stelle den Dichter Rilke heran um es wenigstens ansatzweise zu versuchen: "An der Schwelle des Todes kann ich das köperliche Dasein mit seinem Input und Output überblicken, sagte ich mir, weil die Wahrnehmung von vornherein über die Zeitlichkeit hinausgeht und nicht an die Räumlichkeit gebunden ist. Mir war, als würde ich plötzlich begreifen, was Rilke mit den stummen Engeln wollte, die uns über die Schulter schauen. Das rein sinnliche Erfassen hat mit seiner neutralen Anschauuung immer schon von dort herübergesehen, wohin ich nun glücklich und verstummt zurückkehre." In diesem neuen Zustand, der einem Schweben im All gleicht, in dieser Totalität der Zeit ist Gott "leider nicht zu entdecken, ich muss einsehen, dass er nicht existiert, ich habe mich getäuscht. Wie lächerlich war ich in meiner ganzen menschlichen Leichtgläubigkeit. Ein peinlicher Irrtum." Noch etwas kristallisiert sich heraus, dass die Geburt und der Tod, dass "das Zuerst und das Zuletzt nicht voneinander zu trennen" sind. Samuel Beckett hatte recht mit seinem Satz "Sie gebären rittlings über dem Grab", von der Ebene der Abstraktion aus schreibt Nadas diesen Gedanken fortführend: "Meine Mutter hat meinen Leib geboren, ich gebäre seinen Tod." Nach der Reanimation wird Nadas in das diesseitige Leben zurückgeholt und nach einem kleineren chirurgischen Eingriff kann er wieder in seine vertraute Umwelt zurückkehren, doch muss er in die einfachsten basalen Verrichtungen und Tätigkeiten wieder erst zurückfinden, "neu lernen, was ich vom Jammertal wusste. Ich staubsaugte. Staub, Teppich, Polster, ich bemühte mich, sie in ihrem realen Sein ernst zu nehmen."Viele seiner Essays kreisen um die Frage was es bedeutet in einer Diktaur leben zu müssen, wie man sie verarbeitet, was das mit der eigenen Psyche und Seele macht, wie sich das auf das eigene Schreiben und Denken auswirkt. In dem eindrucksvollen Essay "Großes weihnachtliches Morden" erzählt Nadas wie er sich in zwei aufeinanderfolgenden Nächten zwei verschiedene Dokumentarfilme angesehen hat die zum Inhalt die gefilmte Hinrichtung des ehemaligen rumänischen Staatspräsidenten Nicolae Ceausecus und seiner Ehefrau Elena hatte. Der Tyrannenmord ruft bei Nadas moralische und ästhetische Grundfragen auf. Er macht die erschreckende und beschämende Entdeckung, dass er kein Mitleid, kein Erbarmen mit dem vor der Kamera exekutierten Diktatorenehepaar empfindet, dass sein humanes Gewissen, dass normalerweise für rechtmäßige Urteile steht und die Todesstrafe ablehnt dieser "himmelschreiend rechtlosen und dilettantischen Komödie" gleichgültig und ohne zu protestieren zusieht. Nadas sieht genau hin, er seziert die filmische Aufnahme in lauter kleine Details: da wären die schweren dunkelgrauen Wintermäntel die das verängstigte Ehepaar trägt, "wahrscheinlich gab es in einer Geheimklausel des Warschauer Pakts eine Vorschrift, das Tragen dieser traurigen, unförmigen Wintermäntel betreffend." Da wäre der Blick von Ceausecus auf die Uhr, "er schaute auf die Uhr, ob nicht bald jemand zu ihrer Rettung herbeigeeilt käme. Er betrachtete die Uhr, als ob er im Stillen sagte, nun ja, ich verstehe nicht, aber die richtige Parteikonferenz wird schon noch beginnen." Aber es ist vor allem der Kameramann, dessen perfekter Dilettantismus, der diesem Film ästhetische Vollendung verleiht. Alles an dieser Aufnahme ist niederträchtig, hässlich und dilettantisch. Der Kamermann identifiziert sich augenscheinlich mit den Vollstreckern des Standgerichts. Der Mord der Despoten befriedigt die kleinlichsten Rachegelüste. Sowohl die Richter als auch die Despoten sprechen im Grunde die gleiche Sprache, "sie sind gleich dumm, gleich hässlich, ungebildet, grob und banal." In der letzten Szene wird das schreckliche Selbstbildnis einer Diktatur vollendet: der nervöse und zitternde Arzt wird vom Kameramann aufgefordert den Kopf des getöteten Tyrannen hoch zu heben, "wir wollen sehen, dass er tot ist!" ruft er dem zögernden Arzt zu: "Wenn er das tut, wenn er seine Rolle als Arzt aufgibt, zertrennt er ein viele tausend Jahre altes Gelöbnis, das seine Person und seinen Beruf noch mit einem letzten dünnen Faden an Hippokrates bindet. Wenn er das tut, wird er das entsetzliche Urteil aller Diktaturen vollstrecken: Nichts ist heilig." Der Arzt tut es und in dieser Geste zeigt sich für Peter Nadas der ganze Teufelskreis der Diktatur. Die Lnychjustiz hatte nichts mit Gerechtigkeit zu tun und hatte keine kathartische Reinigung. Indem der Zuschauer sich "diese zerstörerische Wahrnehmung" zumutet, trägt er "die Logik der Diktaturen ins nächste Jahrtausend hinüber."Wer den voluminösen Roman "Parellgeschichten" und die Memoiren von Peter Nadas gelesen hat, der weiß bereits, dass kein zweiter Gegenwartsautor so genau und intensiv die Schrecken des 20. Jahrhunderts mit seinen ethnischen Säuberungen, Massenvernichtungen und Völkermorden zu beschreiben weiß wie Nadas. Für Nadas gehört die Beschäftigung mit Auschwitz und dem Holocaust, diesem unsäglichen Versuch, das europäische Judentum vollständig zu entrechten, zu plündern und auszurotten, "nicht zu den Geschichten oder Themen, die man am Dienstag erledigt und am Mittwoch vom Tisch wischt. Diese Sache verjährt nicht." In seinem Essay "Imre Kertesz und sein Thema" betont Peter Nadas, dass die Realität von Auschwitz "zum universalen Maßstab für Ethik, Politik und Recht geworden" ist. Auschwitz war weder ein Betriebsunfall in der europäischen Geschichte noch kann es keine kirchliche oder weltliche Absolution für diese menschliche Katastrophe geben. Auschwitz hat das Bild des Menschen verändert: "Das Bild des Menschen in der europäischen Kultur ist ohne Auschwitz fortan nicht mehr vollständig darstellbar. Auschwitz erscheint uns im gleichgültig-ätherischen Lächeln der Mona Lisa, seine Leichen türmen sich hinterm Isenheimer Altar. Gott ist nicht tot. Doch Maske, Schminke, Schleier helfen nicht mehr weiter. Das jahrtausendalte Idol der Selbstvergötterung und des Selbstmitleids ist in den rauchenden Schloten von Majdanek und Sobibor, auf den Bahnhöfen von Debrecen, Miskolc und Pécs, in den Krematorien von Auschwitz und Ravensbrück wahrhaftig und endgültig zunichte geworden."Der Umgang mit Auschwitz nach dem Zweiten Weltkrieg war von vielen Ressentiments begleitet, der Deutschenhass war nicht nur in der Heimat von Nadas Alltagsrealität, er und die Frage nach der Kollektivschuld erfüllte eine Funktion in der politischen Landschaft Ungarns und Resteuropas, worüber Nadas in seinem Essay "Die Geheimen Tressore des Rassismus" schreibt: "Man sprach von den Untaten der Deutschen, von den Missetaten der Faschisten, von den Gräueltaten der Nazis. All diese Bezeichnungen waren unterschiedslos an den Namen des deutschen Volkes geknüpft. Indes in meiner Heimat die Entrechtung (der Juden) Beschluss des ungarischen Parlaments war, die Deportation auf das Konto der ungarischen Regierung und der ungarischen Gendarmerie ging, die lokalen Verbrechen und Massaker von den ungarischen Pfeilkreuzern begangen wurden. Das öffentliche Bewusstein hat die Verantwortung für die Leichen von 564507 ausgeraubten und ermordeten Menschen dennoch an die Deutschen delegiert. Nicht an die nazistischen Kriegsverbrecher, sondern an jeden Deutschen. An Nietzsche, an Wagner. Seit dem Zweiten Weltkrieg galt in Europa der Deutschenhass als legitimer Rassismus." Auf der anderen Seite zielt die Sehnsucht der Deutschen nach einer "deutschen Normalität" wie sie in der "Walser-Bubis-Debatte" ins öffentliche Bewusstsein trat auf eine deutsche Geschichte, "die frei ist von der moralischen Last des singulären nazistischen Völkermords. Es ist als fragten die Debattierenden, wann sie zum Sprachgebrauch der Zeit vor dem Bankrott zurückkehren dürfen." In dieser exemplarischen Debatte hat der Auschwitz-Begriff keinen Auschwitz-Inhalt, Auschwitz ist hier nicht ein realer Schauplatz von Leiden, Mord, Erniedrigungen und Zerstörung oder eine Metapher für die Conditio Humana, sondern er wird zum "Emblem für jenen anderen Schock, den sie (die Deutschen) erlitten, als sie sich ihrer vollständigen und bedingungslosen Kapitulation sowie ihrer Ausgrenzung bewusst wurden."Die Themen sind breitgefächert und vielschichtig, neben der Politik und Geschichte nimmt die Literatur und die Kunst eine wichtige Rolle ein. Es handelt sich um kein standardisiertes Wissen oder konventionelle Kunstbetrachtungen. Bei der Besprechung der Tagebücher von Thomas Mann zum Beispiel gelangt Peter Nadas am Ende seiner Besprechung bei dem erotischen Verhältnis Thomas Manns zu seinem heranwachsenden Sohn Klaus das ein Tabu darstellt, weil wir in einer Kultur leben, die zwar die Vaterliebe des Sohnes als wünschenswert und notwendig ansieht, die aber "von der Sohnesliebe der Väter, um der Autorität der Väter willen" schweigt. Der Blick auf Claude Monets Gemälde "Seerosen" im Museum löst bei Nadas die Frage aus, wie die Kreativität in einer Demokratie definiert und neu bestimmt wird und welche Folgen sie hat. Doch es kommt bei all den Essays nicht auf das Was an sondern auf das Wie, nicht auf das "Gesicht", sondern auf die "Stimme". Der luzide und unaufgeregte, völlig unpathetische Schreibstil, das musikalische Formgefühl, das Hin- und Herpendeln zwischen den Ufern der Realität und der Phantasie gewährt beim Lesen, "einen analogen Wechsel von unmittelbarer Teilhabe und Freiheit zur Distanzierung", schreibt Katharina Raabe in ihrer Nachbemerkung. Das Schreiben ist für Nadas ein Mittel, "von seiner Existenz Mitteilung zu machen." ("In der Körperwärme der Schriftlichkeit) Sein tägliches Handwerk lässt sich mit der tätigen Nächstenliebe Mutter Theresas vergleichen. Sowohl Nadas als auch Mutter Theresa interessieren sich für die Not und das Leiden des einzelnen, "jenes Einzelnen, mit dem die Vorsehung sie zusammengeführt hat, der nahmhaft gemacht werden kann." In seinem diesbezüglichen Essay "Von Mensch zu Mensch" macht er darauf aufmerksam, dass Mutter Teresa "ihr Ordenshaus auf einem einzelnen Menschen gebaut (hat), einen Sterbenden, den sie auf der Straße fand und ihrem Gewissen folgend nicht dort lassen konnte." Auf der Ebene der Imagination tut Nadas nichts anderes, auch ihn führt das Schicksal mit Menschen zusammen, mit der kleinen Einschränkung dass es sich hier um vorgestellte Menschen handelt, auf jedenfall aber mit Menschen, "die außer mir niemand kennenlernen würde, wenn ich nicht einen in allen Gliedern wahrhaften Satz über sie schreiben würde."
Siri G. 18.04.2024 amazon.de
31 Essays aus 25 Jahren (1989 bis 2014) versammelt dieser über 500 Seiten starke Band von Péter Nádas. Der ungarische Schriftsteller und Fotograf wurde 1942 in Budapest geboren, wurde bereits in jungen Jahren zum Vollwaisen und durfte in den 70ern sieben Jahre lang nicht publizieren. Nach Zwischenstation in West-Berlin lebt er heute wieder in Budapest und in einem Dorf in Westungarn.Der titelgebende Essay bezieht sich auf Leni Riefenstahl, die im September 1939 Zeugin des Konskie-Massakers wurde, bei dem über 20 Menschen durch Genickschuss ermordet wurden. Nádas beschreibt die Szene folgendermaßen: „Am selben Tag, als Hitlers weltweit gefeierte Hofkünstlerin, die wundervolle und charmante Leni Riefenstahl, morgens Zeuge der tatsächlichen Abschlachtung realer Menschen wurde, um daraufhin, von diesem hautnahen Anblick und den peinlichen Begleitgeräuschen des Massenmords überwältigt, in mädchenhaft hysterisches Weinen auszubrechen, indes ein Fotograf ihres Stabs noch die Zeit und Geistesgegenwart aufbrachte, um, die günstigen Lichtverhältnisse nutzend, die beispiellose Szene zu verewigen, meldete sich abends die wohlbekannte Stimme des CBS-Korrespondenten mit den Worten: „Guten Tag, Amerika! Hier spricht William L. Shirer aus Berlin.“ (290)Sprachgewaltig und bisweilen detailversessen sind seine Texte, an denen man sich abarbeiten kann. Neben einem seiner Hauptthemen – der Geschichte Ungarns und des ehemaligen Ostblocks – geht es u.a. um bekannte und weniger bekannte Menschen, um Literatur, Kunst, Moral und vor allem um Nádas selbst. Der letzte Essay, den ich bereits vorher kannte, behandelt sogar seinen Tod. Am 28. April 1993 hatte der Autor in Budapest einen Herzinfarkt und schleppte sich noch mehrere Stunden damit durch die Stadt. Dieses Nahtod-Erlebnis verarbeitete er in dem 45 Seiten umfassenden Text „Der eigene Tod“.Kennzeichnend für Nádas Literatur sind die außerordentliche Beobachtungsgabe und die Sprachgewalt des Autors. Hier treffen Ästhetik und Analyse, Erforschung der subjektiven Erinnerung und sprachliche Radikalität aufeinander. Hinzu kommt stets eine ordentliche Prise Pessimismus. Es ist weiß Gott keine unterhaltsame Lektüre, die sich mal so nebenbei konsumieren lässt. Fast jeder der Texte muss verdaut werden, aber gerade dieser Umstand macht den Reiz aus.Péter Nádas gehört meiner Meinung nach zu den besten zeitgenössischen Erzählern. Seine Texte sind klug und kritisch, scharfsinnig und voller Leidenschaft. Er scheut sich nicht, vieles zu hinterfragen, das in der öffentlichen Diskussion zum Tabu erklärt wurde, etwa die anhaltende Bedeutung der Schattenwirtschaft im ehemaligen Ostblock: „Wenn die Schattenwirtschaft ihre Positionen nicht im Moment der Freiheit aufgegeben und ihre weitverzweigten Netzwerke legalisiert hatte, warum sollte sie das nach zwanzig Jahren erfolgreichen Betriebs tun. Die Schattenwirtschaft will ihre geheime Struktur, ihre Logistik, ihre bereits als gemeinsame Sprache verwendete Gaunersprache und ihre wirklich nicht als salonfähig zu bezeichnenden Verhaltensregeln in den geordneten Kapitalismus hinüberheben. […] Warum sollte sie sich nicht bewahren wollen, was sie mit jahrzehntelanger Arbeit auf Kosten aller und gegen alle aufgebaut hat. Sie will es nicht aus Dummheit und Bösartigkeit hinüberretten, sondern weil sie nichts anderes kennt.“ (125) Auch der Sozialismus kommt nicht gut weg: „[D]enn es gibt keinen Sozialismus außer dem real existierenden. Seine Fehler sind nicht personengebunden, sondern funktionsbedingt, seine Vergehen symptomatisch.“ (115)Immer wieder unternimmt Nádas den Versuch, menschliches Verhalten zu deuten – vor allem im Zusammenhang mit den Beschädigungen, die Diktaturen angerichtet haben: „Eine heranwachsende Generation das Leben lehren oder sie zum Überleben erziehen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Wer im Überleben sozialisiert wurde, kann auch später nur um den Preis schwerer Prüfungen aus dem Kokon seiner Willfährigkeit schlüpfen.“ (117) Und: „Kaum etwas ist grauenvoller und niederträchtiger als die menschliche Vergesslichkeit, wenn sie dem Überleben oder der Wahrung des Scheins moralischer Unbeflecktheit dient.“ (136)Sprachlich hat mich Péter Nádas bisweilen an den leider relativ wenig bekannten ungarischen Schriftsteller Béla Hamvas erinnert. Wenn eine außerordentliche Beobachtungsgabe und die Fähigkeit zu präzisen Analysen aufeinandertreffen, kommt quasi zwangsläufig etwas Spannendes dabei raus. Ich kann die Lektüre nur empfehlen!
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