Was geschieht, wenn ein brillianter Kopf sich auf ein Gebiet wagt, auf dem er keine Expertise besitzt? Denn Russel mag zwar zeitlebens Philosoph gewesen sein, aber eher ein solcher, der sich mit Logik und Mathematik auseinandersetzte und nicht mit praktischer Lebensphilosophie. Natürlich trifft ein solch dilettierendes Genie schon aufgrund seiner großen Gaben oftmals die Wahrheit; Zu anderen Malen gräbt er mit unangemessenem Aufwand und mit Bemühung seiner ganzen Lebenserfahrung Dinge aus, die anderen schon als Gemeinplätze gelten mögen - erfindet das Rad also noch einmal, zum x-ten mal sozusagen. Und so ist auch Russels Text über das Glück: Zum Beispiel gibt er sich als Atheist zu erkennen, kommt aber aufgrund seiner (durch eigene Erfahrung gewonnenen) Lebensweisheit zu der Feststellung, dass wahres Glück nur dort möglich ist, wo "man" über sich, sein kleines Ich, hinausgeht, dort wo man sich einer größeren Sache verpflichtet, oder seine eigene Bedeutung in spontaner Sympathie zu den Mitmenschen, und zwar möglichst zu allen, relativiert. Der atheistische Philosoph rät uns also zu einer Form der "Selbsttranszendenz", ganz im Einklang mit den Lehren der Religionen, allerdings ohne deren Metaphysik. An anderen Stellen ist er dann nicht ganz so tiefsinnig, eher liebenswert schrullig, wenn er ganz unbelastet von modernen psychologischen Erkenntnissen, seine Gedanken zum besten gibt, worin wohl die Ursache für das Unglück der meisten Menschen liegen könnte; Wenn er etwa Personen beschreibt, welche die Psychologie als "narzisstisch gestört" diagnostizieren würde, erklärt Russel, sehr eigensinnig, dies seien eben besonders talentierte junge Menschen, denen in ihrem engstirnigen Umfeld nicht die Möglichkeit geistiger Entfaltung gegeben worden wäre...Aber, trotz dieser manchmal etwas laienhaften "Ätiologien", habe auch ich schon zu Anfang dieser kleinen Schrift einen tiefsinnigen Gedanken entdeckt, den ich sogleich für mein Leben übernommen habe - nämlich den, dass eigentlich niemand für irgendjemanden eine "Anleitung zum Glück" schreiben kann, da eben das Glück der Person A nicht das Glück der Person B sein könne, und jeder es sich gleichsam selbst "erobern" müsse. Soviel Ermutigung sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, und seinem eigenen Wesen, seinen Gedanken und Gefühlen zu trauen, tut einfach gut!
Einiges (wie die Rolleninterpretation der Frau) mutet zwangsläufig etwas verstaubt an, für ein Werk das 1930 verfasst wurde erscheinen die Inhalte aber dennoch äußerst aktuell.Unterhaltsam, verständlich und mit einer feinen Prise verschmitzten Humors nimmt Russell die Themen aufs Korn, die nach seiner Meinung für das Glück (oder Unglück) der Menschenverantwortlich sind. Konkurrenz, Langeweile, Schuldgefühle, Verfolgungswahn etc. Die Kernbotschaften sind ebenso einleuchtend wie simpel. Glück ist durchaus nicht nur eine Frage von Stand, Reichtum oder Ansehen, sondern hängt im Wesentlichen von unseren inneren Einstellung zu den Dingen des Lebens ab. Sich selbst nicht so wichtig nehmen, von anderen keine Dinge erwarten, die man selbst nicht liefern kann, sich nicht an einer Sache festbeißen usw. Alles durchaus sehr praktische Erwägungen die sich auf das tägliche Leben beziehen und insofern geeignet sind das eigene Verhalten und die eigenen Einstellungen kritisch zu hinterfragen. Das muß nicht bedeuten, dass man deshalb morgen ein glücklicher(er) Mensch wird, ist aber auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung!