„70/71“ ist das mittlerweile vierte Buch von Klaus-Jürgen Bremm, das ich gelesen habe, und ich muss sagen, es gefällt mir bislang am besten. Bremm zeichnet hier sehr detailreich, thesenfreudig und spannend wie in einem Roman die Ursachen, den Verlauf und die Folgen dieses großen europäischen Konfliktes nach, lässt aber dabei – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – wichtige „Nebenkriegsschauplätze“ nicht außer Acht. Insbesondere die Exkurse zu mentalitätsgeschichtlichen Aspekten der Epoche, zu der inneren Organisation des französischen Heeres einschließlich seiner Rekrutierungspraxis, aber auch die Einblicke in das Alltagsleben der einfachen Soldaten, deren Schicksal in der Kriegsgeschichtsschreibung gerne mal zu kurz kommt, finde ich sehr gelungen.Die hohe Dichte an Informationen – ein Punkt, der mir schon in seinen anderen Publikationen positiv aufgefallen ist – finde ich beeindruckend. Bremm versteht es, quasi en passant, manchmal in Form netter Anekdoten, wichtige Hintergrundinformationen zu geben und Einordnungen vorzunehmen, ohne dabei erschöpfend auf sie eingehen zu müssen. Der Lesefluss wird so nicht durch weite Ausladungen gestört, allerdings wird man ohne ein gewisses historisches Wissen einige Anspielungen sicher nicht verstehen. Das Buch ist also nicht unbedingt für diejenigen geeignet, die sich zum ersten Mal mit dieser Materie beschäftigen wollen.Bremms Untersuchung stützt sich auf eine breite Literaturbasis, wobei er insbesondere die vorhandenen Quelleneditionen und Memoiren erschöpfend ausgewertet hat. So lässt er – wörtlich oder indirekt zitiert – immer wieder Augen- und Zeitzeugen des Krieges aus Politik, Militär und Gesellschaft die Geschehnisse begleiten, was das Ganze sehr lebendig macht: Wie haben beispielsweise Marx und Engels den Krieg eingeordnet, wie bewertete der US-amerikanische General Philip Sheridan als Kriegsbeobachter die militärischen Operationen beider Parteien, was dachte der russische Dichter Dostojewski, als er bei Kriegserklärung die sächsischen Regimenter durch Dresden paradieren sah …?Als militärischer Laie fiel es mir mitunter etwas schwer, Bremms sehr ausführlichen Schilderungen der Operationen und Truppenbewegungen zu folgen, jedoch erleichtern die zahlreichen Karten im Buch das schnelle Zurechtfinden bzw. Nachvollziehen.Das Lektorat des Verlags hätte zwar an manchen Stellen etwas aufmerksamer sein können (z. B. S. 185 „Jeder Tag, am dem“ statt „an dem“; S. 257 „Friedrich Eber“ statt „Ebert“), nichtsdestotrotz ist das Buch eine absolute Kaufempfehlung für alle, die sich mit dem Krieg von 1870/71 beschäftigen und neue Einblicke in die Thematik erhalten wollen.
Das Buch gibt einen ausgezeichneten Überblick über die Entstehung dieses Kriegs, den Verlauf und die Folgen in Deutschland und Frankreich. Es handelt sich eher um eine politische Analyse als um eine militärhistorische Darstellung, was mir persönlich auch sinnvoller erscheint, denn die meisten Entscheidungen waren politischer Natur, und nicht militärischer. Trotzdem werden die wesentlichen militärischen und strategischen Bewegungen und Kampfhandlungen ausreichend detailliert beschrieben. Einige Karten und zeitgenössische Bilder runden das Buch ab. Man sollte auch erwähnen, dass die gebundene Ausgabe bezahlbar bleibt, das ist heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr
Von Seite 7 bis 288 führt Klaus-Jürgen Bremm informativ und kurzweilig durch die Ereignisse des Preußisch-Französischen Krieg. Anschaulich erklärt er die Ausgangslage, die Einschätzungen, die Gedankengänge und Planungen der beteiligten Mächte bzw. deren Anführer, Militärs und Politiker. Man bekommt einen guten Überblick über das Gesamtbild und einen Blick ins Detail, wenn es notwendig zum allgemeinen Verständnis wird. Die wichtigsten Schlachten haben ein eigenes Kapitel und leider nur teilweise auch ausreichend Kartenmaterial um den Überblick zu behalten. Auch wird eingegangen, was der normale Soldat während einer Schlacht überhaupt mitbekommt, ebenso die Schrecken des Krieges und die auf beiden Seiten unzureichende Versorgung der Verwundeten. Auch ein kurzer Abriss über die Folgen des Krieges fehlen nicht. Was ich vermisst habe, ist eine Übersicht der Truppenstärke, Verluste und Zusammensetzung in tabellarischer Form, so dass man die relevanten nackten Daten auf einem Punkt massiert hat und sich nicht alles zusammen suchen oder Wikipedia aufrufen muss. Auch eine detaillierte Vorstellung mit Gegenüberstellung der verwendeten Gewehre und Geschütze wäre nicht verkehrt gewesen, da besonders die Überlegenheit der einen oder anderen Waffe nicht nur Kriegsentscheidend war, sondern auch erst den Gedanken ausgelöst hat, hier und jetzt einen Krieg vom Zaun zu brechen. Die zehn Seiten hätten drin sein müssen. Hier und da hätte buchstäblich mehr drin sein müssen. Schade.