Judith Hermann erzählt die Geschichte einer Frau Anfang vierzig. Die ist geschieden, hält aber Briefkontakt zu ihrem Exmann, steht in loser Verbindung zu ihrer erwachsenen Tochter, die mit ihrem Freund durch die Welt segelt und hat sich an der Küste in einem kleinen Haus abseits des Dorfes eingenistet. Ihrem Bruder, der in der Nähe eine Kneipe betreibt, hilft sie an fünf Tagen in der Woche als Bedienung, auch für Organisation, Bestellung etc. Am Anfang ist sie allein im Haus etwas ängstlich. Das legt sich als sie mit Mimi Freundschaft schließt. Mimi ist Künstlerin, in letzter Zeit allerdings unproduktiv. Sie ist in ihre Heimat zurückgekehrt. Nicht weit entfernt hat der Bruder Arild, eigenbrötlerisch und schweigsam, den elterlichen Schweinemastbetrieb übernommen. Mimi und die Protagonistin besuchen ihn einmal. Die Begegnung bleibt einsilbig und abwartend. Aber Alkohol und ein in Gang gesetztes Grammophon mit alten Platten bringt die Dreiergesellschaft sogar zum Tanzen. Die Erzählerin und der stumpfe Arlid haben Sex miteinander. Auch später setzten sie das Verhältnis fort. Neben der pragmatischen und aktiven Mimi gibt Sascha, der Bruder der Erzählerin ein eher trauriges Bild ab. Er hat nie was Rechtes gelernt, immer nur das große Wort geführt und wenige getan. Das ist so geblieben. Schlimm ist seine hörige Liebesbeziehung zu Nike, einem vierzig Jahre jüngeren früheren Heimkind, das von seinen Eltern übel misshandelt wurde. Niki springt mit Sascha um wie es ihr einfällt. Sie kann nicht anders. Auch Arild kann nicht anders und leidet, wenn er sie zu den Trailern fahren muss und wartet bis sie wieder erscheint. Zum Schluss kommt Nike um. Sie ist überfahren worden. Ein Gewaltverbrechen vermutlich. Es ist eine stumpfe, spracharme, wenig reflektierte Gesellschaft irgendwo zwischen Außenseitertum und Psycho- oder Soziopathie. Aber sie sind nicht völlig passiv und ausgebrannt, sondern sie machen ihr Ding. Wie sie es machen ist keine Sache eines Vorsatzes, Planes oder Rollenbildes. Sie machen wie sie es machen müssen und wie es sich in den jeweiligen Situationen ergibt. Für Arild ist es nie eine Frage gewesen, ob er die Schweinmast fortführt und warum er es tut und ob er auch etwas anderes machen könnte. Durch das Buch zieht sich leitmotivisch und parabelhaft inszeniert das Gefesselt- und Gefangensein in Bedingungen, die man kaum ändern kann. Das, was heute jedem angeraten wird und fast verpflichtend geworden ist, der Unternehmer, der Manager seines Lebens zu sein und zu „investieren“ , gelingt hier keinem, außer im Ansatz vielleicht der Protagonisten, die sich entschieden hat, hierher zu kommen. Die anderen aber leben mit wenig Freiheitsgraden. Nike haust ab und randaliert mit ihrem schweren Kindheitstraum im Kopf, Arild hat lange nur seine Schweine bis er eine ungewisse und unreflektierte Beziehung zur Erzählerin eingeht. Der Exmann der Protagonistin ist eine Kombination aus Messie und Prepper. Er sammelt manisch und setzt in Stand. Immerhin mit Plan und Durchblick, denn die kommende Katastrophe ist ihm völlig gewiss. Es ist ein Leben, dass sich eigentlich durch Katastrophen und Misslingen oder die Erwartung desselben definiert. Abstiegskarrieren, Selbstauflösungen und Demontagen. Vor allen für die Männer und für Nike gilt das. Weniger für die Erzählerin und ihre Freundin Mimi. Die kommen zurecht und können sogar noch negative männliche Energie neutralisieren. Eine Marderfalle spielt eine Rolle. Aber man fängt im Allgemeinen nicht, was man will. Vielleicht eine Katze oder einen Vogel. Die lässt man wieder laufen. Ann, die Tochter der Erzählerin, war schon immer eigenwillig. Obwohl das Verhältnis zur Mutter nicht schlecht ist, sie skypen regelmäßig, entzieht sie sich sprichwörtlich der Verortung und teilt nur regelmäßig ihre Weltkoordinaten mit. Aber was sagen die über sie? Der ungreifbaren, fliegenden Holländerin Ann legt die Autorin eine der ganz wenigen reflexiv-philosophischen Worte in den Mund: „Es gibt nur das, was du gerade erlebst, und jede Erklärung, die du dafür hast, ist ausgedacht und existiert erst, wenn du sie formulierst. Ihr denkt, ihr hättet eine Bibliothek in euch, eine Sammlung, Bilder und Erinnerungen, die euch zu dem machen, was ihr seid. Gründe für das, was ihr mögt und was ihr nicht mögt. Aber diese Bibliothek ist eine Erfindung.“ Hermanns „Daheim“ ist ein spröder, lakonischer Text. Ihr Personal wetterleuchtet unvorhersehbar in der einförmigen Küstenlandschaft. Gewissermaßen Fossile in einer Hochzivilisation, die den neuen Tugenden Qualifizierung, Analyse, Aufarbeitung, Strukturierung, Planung fast sakrale Bedeutung gibt. Aber eine solche Perspektive auf das Vor- und Unbewusste, dass sich auch heute nicht wegrationalisieren lässt und mehr Einfluss hat auf uns als uns lieb ist, tut Not in unserer verkopften Welt. Das ist Judith Hermann gut gelungen.
Dieses Buch stellt keine besonderen Ansprüche an den Leser. Es handelt sich um eine lose Aneinanderreihung von Vorgefundenem und Erlebtem, in einem sprachlich monotonen, einschläfernden Stil: „Ich sagte, ja. Ich sagte, noch kommt offenbar jedenfalls niemand. Ich räumte weiter auf […].“ Gefragt wird hier nicht, zumindest nicht im schriftlichen Ausdruck, es wird immer nur gesagt – selbst wenn eine Frage förmlich nach dem ihr zustehenden Satzzeichen schreit. Wer zuvor möglicherweise den aktuellen Roman von Juli Zeh („Über Menschen“) gelesen hat, beide Werke kommen sich thematisch sehr nahe, der wird hier wohl eher enttäuscht werden.Mir ist bewusst, dass ein solcher Erzählstil durchaus in der Lage ist, das Besondere einer Landschaft oder von Personen abzubilden. Aber will man wirklich seitenlang den doch oft sehr flachen Gesprächen ohne Tiefgang lauschen. Selbst wenn man der Meinung ist, dass ein mehr oder weniger sprachloser Schweinebauer auch in einem Roman mal zu Wort kommen sollte. Würde er doch nur sprechen! Er ist mehr ein Mann des Handelns, auch im Bett, wo er mit dem Finger in sie eindringt: „[…] eine Aufforderung, er bereitet mich noch einmal vor.“Wenn man diese und einige andere Abstriche am Roman vorgenommen hat, dann kann man sich schon an manchen Passagen erfreuen, erfährt so einiges über die Sehnsucht der Protagonistin einen für sie passenden Leben zu finden und über einen besonderen, einen unaufgeregten, direkten Menschenschlag. All dies findet in einer Landschaft statt, die nicht näher definiert wird: „östliche Küste“. Die beschriebenen Tidenhübe sprechen eigentlich gegen die Ostsee … Aber was solls.Die Geschichte spielt über zwei Zeitebenen, wobei die vergangene („vor fast dreißig Jahren“) eher das Besonders der Jetztzeit betont und darauf verweist, wie zufällig unser Leben verläuft. Und wie doch, ganz symptomatisch, bestimmte Seinszustände und Gedankengänge zueinanderfinden, so als seien sie einem Automatismus entsprungen. Diese Verknüpfungen finden hier einen leichten Anklang und wenn man sich darauf einlassen kann, führt es auch zu eigenem Nachdenken über solche Verbindungen: „Dass es nur das gibt, was du gerade erlebst, und jede Erklärung, die du dafür hast, ist ausgedacht und existiert erst, wenn du sie formulierst. Ihr denkt, ihr hättet eine Bibliothek in euch, eine Sammlung, Bilder und Erinnerungen, die euch zu dem machen, was ihr seid. Gründe für das, was ihr mögt und nicht mögt. Aber diese Bibliothek ist eine Erfindung.“Solche neurophilosophischen Ausführungen sind allerdings selten, was natürlich an den Hauptakteuren dieser Geschichte liegt. Sie geben halt nicht mehr her, so könnte man flapsig sagen. Für den großen Rest ist der eigene Kopf gefordert. Nur sinkt dieser doch häufiger herunter.