Neulich unkte man an dieser Stelle angesichts der Veröffentlichung von „Der Tod von Wolverine“ noch, der Reihe „Marvel Must-Have“ wäre das Material ausgegangen, das diesen Titel wirklich verdienen würde. „Astonishing X-Men: Begabt“ belehrt einen nun mit Nachdruck eines Besseren – das man es hier mit einem veritablen Klassiker zu tun hat, steht völlig außer Frage.Weniger klar ist hingegen, auf welchen Korpus man dieses Prädikat hier anwenden soll. Joss Whedon (zunächst als Showrunner der TV-Serie „Buffy – The Vampire Slayer“ und dann als Regisseur von „The Avengers“ zu Ruhm gekommen) begann die Serie im Juli 2004 und blieb ihr dann für 24 Ausgaben treu. Den „Must-Have“-Status verdienen dabei alle diese Hefte, von denen hier allerdings zunächst einmal nur die erste Hälfte neu aufgelegt wird.Whedon unterteilt seine Serie in sechsteilige Handlungsbögen, die in Folge ein größeres Ganzes ergaben. „Begabt“ (im Original: „Gifted“), wie der Untertitel des Sammelbandes lautet, bezieht sich eigentlich auf den Namen des ersten Sechsteilers, der Zweite trägt firmiert unter „Gefährlich“ bzw. „Dangerous“. Als Zeichner stand Whedon in beiden Fällen John Cassaday („Planetary“) zur Seite, der ihn bis zum Ende seiner Amtszeit begleitete.Aus den Vollen konnten die Beiden allerdings nicht gerade schöpfen: Jean Grey hatte just ihr Leben ausgehaucht und Professor X, der die Leitung der Gruppe abgetreten hatte, galt als verschwunden. Doch Whedon wählte keinen billigen Ausweg sondern machte aus der Not eine Tugend und stellte ein bewusst dysfunktionales, abgenagtes Team-Gerippe in den Mittelpunkt, das mehr Baustellen als tatsächliche Kompetenzen zu haben schien.Cyclops und Emma Frost teilten sich nun nicht nur die Leitung der Schule, sondern auch das Bett. Lehraufträge erhielten Beast, Wolverine und Kitty Pride – und das war auch schon alles. Ein Rumpf-Team also mit begrenzten Kräften, das gerade einmal so geeignet schien, die eigene Haut retten zu können. Zu allem Überfluss mussten sie sich in einer Welt behaupten, die zunehmend ambivalenter und undurchschaubarer wurde.Die erste Zerreißprobe folgt auf dem Fuße, als ein Pharma-Konzern mit der Nachricht an die Öffentlichkeit tritt, man habe ein Heilmittel für das Mutanten-Gen gefunden. Während dies einen Keil zwischen die X-Men zu treiben droht, bahnen sich auf extraterrestrischer und (geheim-)politischer Ebene bereits neue Bedrohungen zusammen, die ein entschlossenes Handeln auch über ethische Grenzen hinweg erfordern…Whedon erledigt seinen neuen Job von der ersten Seite an mit einem Selbstbewusstsein, das man arrogant nennen müsste – wäre es nicht so gerechtfertigt. Selten ist ein Autor bei der Arbeit zu bestaunen, der es aus dem Stand versteht, seine Figuren derart treffsicher zu lenken und gleichzeitig allen Banalitäten und Allgemeinplätze aus dem Weg zu gehen. Es ist eine Performance, die mindestens in die Top 5 der umfangreichen „X-Men“-Historie gehört.Dabei gelingt es ihm, seine eigene Handschrift zu erhalten, ohne sie der Serie aufzuzwingen. Die Dialoge sind doppelbödig und ironisieren ihr Genre (wie man es bereits von „Buffy“ kennt), müssen aber nicht als „comic relief“ herhalten, der die Dramatik des Geschehens plump mit ein paar flotten Sprüchen kontrastiert. Vielmehr weist, was oberflächlich als Witz wahrgenommen wird, auf die psychische Zerrissenheit der Figuren hin.Während Whedon also für das Intime zuständig ist, besorgt Cassaday Schauwerte und Spektakel, dass einem bisweilen noch heute der Atem stocken kann. Sein bis in die Gegenwart populärer Breitwand-Stil ist klar filmisch angelegt und stellte damals nahezu alles was die Konkurrenz (Amtsvorgänger Frank Quitely vielleicht einmal ausgenommen) zu bieten hatte, gnadenlos in den Schatten. Ein wilder Ritt, ein wahres „Must-Have“.WEITERLESEN: Drei Autoren-Zeichner-Teams, die „X-Men“ in die Spur brachtenRoy Thomas/Neal Adams: UNCANNY X-MEN #56 (1969): Abseits des tragfähigen Grundkonzeptes der Mutanten hatte Stan Lee den X-Men nichts Nennenswertes abgewinnen können. Nachfolger Roy Thomas erledigte seinen Job deutlich besser, hob aber erst ab, als er ein junges Zeichentalent an Bord holte, dessen dramatisch-innovativer Stil zunächst die Serie und dann den ganzen Superheldencomic revolutionierte.Len Wein/Dave Cockrum: GIANT SIZE X-MEN (1975): Nachdem die ursprüngliche Serie mangels Erfolgs eingestellt worden war, revitalisierten Wein und Cockrum dem Titel, indem sie ein neues Team zusammenstellten, das zur Rettung der alten „Gruppe X“ ausgeschickt wurde. Ihr Händchen für die Auswahl der Charaktere war exzeptionell: Mit Wolverine, Storm, Colossus und Nightcrawler waren gleich vier Fan-Favorites von Anfang an dabei.Chris Claremont/John Byrne: X-MEN #108 (1977): Wein zog bald weiter und übergab die Feder an Chris Claremont, der die Serie (sowie diverse Ableger) bis in die frühen 1990er leiten sollte. Cockrum setzte seine Arbeit zunächst fort, machte nach zwei Jahren aber für den Newcomer John Byrne Platz. Damit war eines der größten Kreativ-Teams des Superheldencomics geboren, das für „X-Men“ Klassiker am laufenden Band produzierte.
Astonishing X-Men von Joss Whedon. Das geht runter wie Öl.Doch was macht diesen Whedon Run so besonders. Hier eine kleine Auswahl:Endlich wieder einheitliche Kostüme, die Rückkehr von Kitty Pryde (die tatsächlich Anleihen der Vampirjägerin Buffy hat, bei dem Autor nicht verwunderlich), die „Wiedergeburt von Colossus, die Rückkehr des Hellfire Clubs, die Einführung der Weltraumschutzorganisation Sword, deren Leiterin Abigal Brand, der Geheimnisvolle Ord vom Planeten Breakworld (die gerne die Erde in einem Erstschlag vernichten würden, um der Zerstörung ihrer Welt durch einen X-Men zu verhindern), der uns seit Jahrzehnten bekannte Gefahrenraum der plötzlich menschliche Gestalt annimmt, dann als Danger bekannt, nur um ihren (ja der Gerfahrenraum ist weiblich) Schöpfer Charles Xavier zu vernichten, menschliche Schicksale der Schüler, die nicht nur namenlose Statisten sind, ein Mutantenheilmittel, was nicht nur Beast in Versuchung führt und und und.Der Impact den Joss Whedon ab 2004 auf die X-Men hatte, ist ähnlich groß wie der seiner Vorgänger Chris Claremont, Jim Lee und Grant Morrison.In diesem Must Have werden die ersten 12!! Hefte der Serie abgebildet, was bei weitem nur als (sehr großer) Tropfen auf den heißen Stein betrachtet werden kann. Ja ich möchte nun mehr. Denn die bereits begonnenen oder angedeuteten Handlungsstränge sind spannend, fesselnd und sowas von hot.Fazit: Es ist ein Band der hoffentlich nur der erste von vielen Whedon Must Have Bänden sein wird. Denn die Storys werden in ihrer Intensität nur noch von den genialen Zeichnungen John Cassadeys übertroffen. Vergessen wir den Whedon JL Cut, hier bei den X-Men passt einfach alles. 5/5