Beim 11. September denken die meisten u.a. an die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001. Der Militärputsch unter dem chilenischen General Augusto Pinochet vom 11. September 1973 hingegen, seine Vorgeschichte, sein Geschehen und seine Folgen, sind bei vielen aus dem Gedächtnis verschwunden.Die vorliegende Graphic Novel „Die Jahre von Allende“ beschäftigt sich mit eben jenem chilenischen 11. September im Jahr 1973 und versucht sie dem Vergessen zu entreißen. Einem Vergessen ähnlich dem bezüglich des 9. November in Deutschland (1918 - 1938 - 1989).Wer eine gute Graphic Novel lesen und eintauchen möchte in die Atmosphäre dieser bewegten und bewegenden Jahre, der kommt hier auf seine Kosten.Es gelingt sowohl die Vielfalt der AkteurInnen als auch die gesellschaftlichen Entwicklungen, die Interessen und die Vielfalt ebenso wie die Verstrickung in die (auch internationale) Politik (u.a. CIA) und die Interessen (Kupfer, Banken, etc.) der plastisch und anschaulich werden zu lassen.All das aus der Sicht eines „Gringos“, eines US-amerikanischen Journalisten, der in den Strudel dieser Entwicklungen hineingerissen wird, alle Seiten kennend und natürlich die eine oder andere Sympathie entwickelt („Mich beeindruckte, wie sie sprachen: überzeugt, klar, kämpferisch.“ (S. 48)).Dabei schildern die Autoren bzw. Grafiker Carlos Reyes und Rodrigo Elguete die Vorgeschichte, den Putsch und seine Nachwirkungen auf Chile. „Wohin das alles führen würde, konnte man sich noch nicht vorstellen ... Ich wusste nur, dass es gerade spannend wurde ...“ (S. 24): Genau das erzählt uns die Graphic Novel „Die Jahre von Allende“. Sie berichtet vom Wahlkampf, dem Wahlsieg der „Unidad Popular“ („Volksfront“) unter Salvador Allende, den Hoffnungen und Träumen von einem gesellschaftlichen Wandel, den Konflikten der Allende-Regierung mit ArbeiterInnen, aber auch mit der Wirtschaft und vieles mehr. Die Graphic Novel versteht es anschaulich die gesellschaftlichen Entwicklungen und Spannungen, die Sicht der Regierung der „Unidad Popular“, der Wirtschaft, aber auch rechter und linker KritikerInnen wie AnhängerInnen der chilenischen MIR darzustellen. „Revolutionäre Veränderung heisst immer Konfrontation.“ (S. 47)„Egal wer gewinnt, arbeiten gehen muss man weiterhin. (...) Sollen sie sich doch gegenseitig fertig machen und das Land uns überlassen - denen, die arbeiten.“ (S. 18) Die Worte eines Taxifahrers, einfach, aber durchaus klar und sympathisch.Es kam zu Landbesetzungen durch arme LandarbeiterInnen oder Betriebsbesetzungen durch ArbeiterInnen. Vieles von dem wurde nachträglich von der Regierung „legalisiert“ und es kam zu Konflikten mit eben diesen Basisbewegungen.Die Regierung unter Allende verstaatlichte viele zuvor private Unternehmen. Schnell trat der Staat an die Stelle des privaten Kapitals und forderte: „Wir müssen mehr produzieren.“ (S. 55). Das alte Lied, bereits bekannt aus sovielen „Revolutionen“, wirklichen oder vermeintlichen, verratenen oder gescheiterten. Ob in Russland 1917 ff., Deutschland 1918/19, Spanien 1936-39 ... Der Staat organisierte die Ausbeutung und die Lohnarbeit.„Das Vaterland erobert seine Unabhängigkeit.“ (S. 60) Es ging um „wirtschaftliche Unabhängigkeit“ (S. 60), einen anderen, staatlich organisierten Weg der wirtschaftlichen Entwicklung, keineswegs um ein Ende des Kapitalismus.Offizielle Sichtweise der Regierung der „Unidad Popular“ war folgende (u.a. angesichts der Verstaatlichung von zuvor privaten Unternehmen oder dem Kupferbergbau): Chile hat sich „seines Reichtums bemächtigt - der größten Kupfervorkommen der Welt“ (S. 74). Die Illusion einer (nichtkapitalistischen?) Insel im kapitalistischen Weltmarkt. Chile blieb Teil des kapitalistischen Weltmarktes, wenn auch „unter Kontrolle des Volkes“ (meint Kontrolle des Staates), die Lohnarbeit blieb bestimmende Realität für große Teile der Bevölkerung.Die politische Opposition und das chilenische und internationale Kapital, die zuvor von den gesellschaftlichen Macht- und Besitzverhältnissen auf Kosten der armen und arbeitenden Bevölkerung profitiert hatten, forderten nun ein Ende dieser Politik und bereiteten eine Stimmung vor, die einen Putsch, einen gesellschaftlichen Roll-back ankündigten: „Die Opposition bereitete die Stimmung vor für einen immer wahrscheinlicheren Putsch.“ (S. 92)„In einem Land, das in einer Sackgasse steckte, wo Neutralität keinen Platz hatte (...) Pläne für einen Putsch gab es viele.“ (S. 101)„Arbeiter und Polizei lieferten sich häufig Kämpfe.“ (S. 107) Hier verbirgt sich eine Perspektive jenseits der Vergötterung und Verdammung Allendes. Jenseits der Putschisten, welche den üblichen Platz für die ArbeiterInnen vorgesehen hatten: den an der Werkbank, im Büro, in der Klitsche.„Ihre Interessen verletzt, ihre Privilegien in Gefahr“ (S. 109) setzten rechte Kräfte, unterstützt von CIA & Co., auf einen Putsch. Sie kannten ihre Klasseninteressen, wußten sich zu organisieren und sich ihre Macht zurückzuholen bzw. zu sichern. Und viele ArbeiterInnen setzten auf den Staat ... und verloren ihre Perspektive, ihre Unabhängigkeit, den Kampf oder gar ihr Leben. Und nach dem Putsch viele auch ihre „Heimat“, da sie ins Exil gingen. 3.000 Menschen wurden nach dem Putsch ermordet, 30.000 Menschen gefoltert und Zehntausende gingen ins Exil. Auch heute leben übrigens noch über 6.700 Exil-Chilenen in Deutschland.„Sie scheuten nichts, um ihre Privilegien zu schützen und Chile vor der ‚marxistischen Gefahr‘ zu retten.“ (S. 48)Der Putsch Pinochets wird in „Allendes Jahre“ geschildert. Den uruguayischen Autoren Eduardo Galeano („Die offenen Adern Amerikas“) veranlassten die Vorkommnisse in Chile 1973 zu folgender Anmerkung: „Die Menschen saßen im Gefängnis, damit die Preise frei sein konnten“.So wurde Chile zum gesellschaftspolitischen Experimentierfeld, zum neoliberalen Labor. Der Militärputsch wurde vom Ökonomen und Nobelpreisträger Milton Friedman und den wirtschaftsfreundlichen „Chicago Boys“ begrüßt und läutete den Siegeszug des Neoliberalismus ein. Für das Interesse und Engagement der USA und des CIA in Lateinamerika und Chile gab es handfeste Gründe: 1968 waren 20 % aller US-amerikanischen Auslandsinvestitionen in Lateinamerika gebunden. Unter Pinochet wurden gut 500 staatliche Unternehmen privatisiert. Bis heute sind die Folgen dieses Putsches und der Politik unter Pinochet zu spüren und nicht zu übersehen. Ob niedrige Renten (auch die Rentenversicherung ist privatisiert), geringe Löhne und auch ein schlechtes und teures Bildungssystem. Seit Jahren gibt es soziale Proteste in Chile: Proteste von RentnerInnen, StudentInnen, ArbeiterInnen, ...Am Ende des Buches finden sich noch einige historische Hintergrundinformationen zur Graphic Novel und zu den in der Graphic Novel geschilderten Ereignissen: ob es dabei um Straßenkunst, Liedtexte, vorkommende Orte und Ereignisse oder Filme geht. So wird vieles für die geneigte Leserin verständlicher und nachvollziehbarer, da der Kontext klarer wird.Interessant ist sicher auch die Graphic Novel "Überlebt!" von Maximilien Loic Locatelli und Le Roy zur gleichen Thematik für die eine oder den anderen.Tolle und interessante Story, tolle Bilder und Charaktere. Tolle Graphic Novel!