Das Buch fasziniert mich seit Jahrzehnten!Dass nun eine über tausend Seiten lange Komplett - Übersetzung auf den Markt kam, hat mich dann auch total begeistert ...bis ich sie in Händen hielt:Meine bisherige Übersetzung aus dem letzten Jahrtausend von Giovanni und Ditte Bandini „aus dem Englischen“ erzählte eigentlich nicht so viel weniger:Damals waren es 760 kleiner beschriebene Seiten, wenn man von früher 36 Zeilen auf die nun 30 Zeilen umrechnet,steht es nur noch ca. 900 zu 1.000, naja.DAS BUCH AN SICH IST ALLERDINGS GROSSARTIG!!!Alles, was Murakami ausmacht, steckt hier bereits drin, genial!Ein junger Japaner kündigt ohne Not seinen Job, in den 80ern des letzten Jahrhunderts in Japan eine Unglaublichkeit, Japaner blieben ein Leben lang in der gleichen Firma, Arbeitslosigkeit war undenkbar, zumal fast grundlos und selbst eingeleitet,er heißt „Toru“ wie der Protagonist aus Naokos Lächeln, Toru kann Passant heißen und der Aufziehvogel-Toru passiert gewissermaßen das Tor von der gewöhnlichen in eine andere Welt, im Original wechselt Murakami später beim Namen Toru zu einem chinesischen Schriftzeichen, das für „empfangen“ steht und Toru wird auf seinem Sofa viel empfangen:nun, der Mann sitzt arbeitslos über mehrere hundert Seiten recht entspannt auf dem Sofa, ab und zu liegt er im Nachbars-Garten oder ist auf der Gasse (=geschlossener Pfad hinter den Gärten der Nachbarn), Murakami zeichnet sensationell diese Ruhe des Ich-Erzählers, während gleichzeitig die unglaublichsten Leute recht uneingeladen ein und ausspazieren und die abenteuerlichsten Geschichten erzählen, die zuletzt in eine andere Welt führen, die wir schon in der Schafsjagd oben auf der Hütte kurz betraten, hardboiled sowieso, Kafka, in1Q84, zuletzt auch wieder bei der zweiteiligen Ermordung und in anderen Büchern des Meisters.Toru erkennt recht früh, dass er wenig über seine Frau weiß und erkennt, dass dies der Kern des Problems ist!Etwas dafür bzw dagegen zu tun, braucht recht lange beim trägen Toru, dann aber erkennt er, dass erSpoiler :in den ausgetrockneten Brunnen im Garten eines leerstehenden Hauses hinabsteigen muss,auf der Suche nach seinem inneren ausgetrockneten Ich, er muss sich seiner größten Angst stellen,dem Bösen, das sein Schwager verkörpert und letztendlich muss er selbst das auffüllen, was ihm fehlt,das kann kein anderer für ihn tun, erst dann kann er seine Frau zurückholen aus dem dunklen Reich erotischer Begierdeund er muss seine Ehe zurückgewinnen, die Noch-Ehefrau mit eigenen Händen in diese Welt zurückziehen,sonst ist mit der Ehe auch sein eigenes Ich, sein Individuum, diese Person Toru verlorenseeeehr symbolträchtig. Das Buch behandelt aber viel viel mehr!!!Spoiler ENDEBrutaler ist Mr Aufziehvogel (bzw neu die Chroniken des A-Vogels) als jedes andere Buch von Haruki Murakami,wir erleben hautnah die Häutung eines noch lebenden Gefangenen, die brutale japanische Kriegsvergangenheitwird wie in der Schafsjagd erneut thematisiert, weit tiefer gehend diesmal: Japan war nicht Opfer zweier Atombombenabwürfe sondern zuerst übelster Täter auf dem Kontinent!Murakami zeichnet mit wenigen Sätzen Bilder, die uns für immer in Erinnerung bleiben: das auftauchende U-Boot pünktlich zum Kriegsende, die Tiere im Zoo, der/die Brunnen sein wiederkehrendes Thema „Männer ohne Frauen“:das verschwundene Mädchen mit den Ohren aus der Schafsjagd,die Scheidung bei der Ermordung,diesmal verschwindet ja gleich zu Beginn die Ehefrau...die coolen, freien, etwas sonderbaren Mädchenfiguren, hier das Nachbarsmädchen,Interesse für Glatzen :-)allgemein sind es die üblichen Themen des Autors, nur viel tiefer gehend als je zuvor oder danach!Das Sitzen im Brunnen, da kann das Loch im Wald bei der Ermordung des C. nicht mithalten!Die traumartigen Erotik-Sessions sind deftiger als in 1Q84, Ermordung etc.,wenn hier auch ohne die nicht erklärbare Schwangerschaft,wieder viel mehr Fragen als Antworten, wieder viel Unglaubliches, viel Symbolik und viele Deutungsmöglichkeiten,jedenfalls alles in Bestform vorhanden, was den großen Huraki Murakami ausmacht,Für mich das beste Buch meines Lieblingsautors!(die Schweden haben aus meiner Sicht den falschen Japaner gewählt)Die neue Übersetzung der sehr guten Ursula Gräfe, seine Stammübersetzerin, ist toll, natürlich direkt aus dem Japanischen, die Sätze erkennbar näher am Original, kurz und knackig, die alte Übersetzung mit eher langen Sätzen nahm keine Rücksicht darauf, dass Murakami in jungen Jahren den Anfang immer erst auf englisch mit eingeschränktem Vokabular schrieb und dann ins Japanische rückübersetzte, wodurch ja sein sehr spezieller Stil unter anderem entstand. Ähnlich zu Becketts Schreibversuchen auf französisch, entsteht so ein Rhythmus aus wenigen Worten und kurzen Sätzen, ein Ton, den Murakami zuvor intuitiv bei Vonnegut (und Brautigan) gespürt hat.Auch Frau Gräfe ist nicht unfehlbar, so stand in der alten Übersetzung zB auf S21 etwas von einem „zweigeschossigen“ Haus, was dann auch viel mehr Sinn ergibt als Frau Gräfes Neuübersetzung S.22: „ ... die geschlossenen Läden des einstöckigen Gebäudes waren verwittert und die Geländer der Fenster im ersten Stock von Rost überzogen ... “ Trotzdem: tolle Übersetzung! Jetzt lesen sich diese Chroniken wie ein echter Murakami!Der Meister wird übrigens auf der zweiten Silbe betont: muRAkami, wir sagen ja immer muraKAmi,so werden viele Murakamis und die Stadt zwar tatsächlich ausgesprochen, aberHaruki Murakami hatte in Japan eine Radiosendung, in der er sich selbst am Ende immer namentlich verabschiedete, man versteht zwar als Europäer nix außer den letzten zwei Worten, (=die Japaner nennen übrigens immer zuerst den Nachnamen und danach den Vornamen), kann man auf YouTube finden, gleich aufs Ende springen und lauschen: die zweite Silbe des Nachnamens gibt den Ton an!Beim dann folgenden Vornamen wird das HA betont, also die erste Silbe. Vielleicht liegt diese ungewöhnliche Betonung am Kansai-Dialekt, den er sprach, bis er zum Studieren nach Tokyo kam und sich dort recht schnell Hochjapanisch angewöhnte(?) Als Schwabe klingt mir das recht plausibel, gell?Kenzaburo Oe und Murakami haben ein gespanntes Verhältnis, ( kann man googeln) umso mehr Gewicht hat deshalb Oes Aussage zum Aufziehvogel:Murakami ist imstande, auf die Erwartungen eines großen Publikums einzugehenund zugleich mit unverbrüchlicher Treue Themen nachzugehen,die zutiefst in ihm selbst liegen, das Werk ist schön und bedeutend!So, was für ein schönes Schlusswort, dann nur noch mein Fazit:Sensationelles Buch!Wer Murakami mag und die alte Übersetzung noch nicht im Schrank hat: UNBEDINGT KAUFEN!Die Fans des Autoren, die natürlich das alte Buch schon haben: UNBEDINGT KAUFEN!Vielleicht nicht so viele neue Szenen, wie man eigentlich erhoffen konnte,aber die Sprache ist viel näher am Original! Jetzt ist der Aufziehvogel ein echter Murakami!Wer einen neuen spannenden und phantasievollen Autoren auf Nobelpreis-Niveau sucht,(bis der andere Japaner den Preis bekam, wurde Murakami stets als Kandidat gehandelt)wer nicht am Schluss jedes Rätsel gelöst haben muss: LOS!
Eine Gasse ohne Eingang, ein Vogel der nicht fliegen kann, ein Brunnen ohne Wasser.Im Leben von Toru Okada scheint der Fluss in Stocken geraten zu sein und auf einmal geschehen die sonderbarsten Dinge. Um zu sich selbst zu finden muss er in den tiefsten Brunnen steigen und anfangen zu fliegen - so wie der Aufziehvogel der jeden Tag von einem Baum aus die Welt aufzieht. Wird er es schaffen die Wand zu durchbrechen."Die Chroniken des Aufziehvogels" ursprünglich 1998 in der deutschen Übersetzung erschienen, jedoch aus der Englischen Übersetzung übertragen und um 250 Seiten gekürzt, da der Übersetzer meinte, dadurch würde er die Logikfehler Murakamis beseitigen. Will mir nicht vorstellen wie der Roman gekürzt ausgesehen hat."Die Chroniken des Aufziehvogels" ist das wohl Expressionistischste was Murakami je verfasst hat. Es beginnt wie immer relativ "normal", es passiert nicht viel und gleichzeitig doch enorm viel. Und wie immer gerät die ganze Geschichte in einen magischen Strudel bis alles so ist wie es nicht ist. Verwirrend, magisch, seltsam, verrückt und komplett abgefahren. Immer wieder gibt es Zeitsprünge, was dazwischen passiert wird der Leser nie erfahren. Desto weiter der Roman fortfährt, desto Bruchstückhafter die Erzählung, desto verrückter und desto seltsamer. Und auf einmal der Schluss, wie die leise Brandung der Wellen. "Die Chroniken des Aufziehvogels" ist wie ein langer Albtraum, das Ende wie das erleichterte aufwachen danach.Wo soll man anfangen? Der Roman ist ein schillerndes Werk, das man nicht so recht beschreiben kann, etwas was man erleben muss. Furchtbar grausam in dem einem Moment, Hoffnungsvoll im nächstem. Viel Liebe zum Detail. Abgründe der Persönlichkeit.Es ergeht mir wirklich selten so wir hier, aber ich weiß einfach nicht wie man diesen Roman noch beschreiben sollte. Wenn ich beschreiben sollte um was der Roman geht, könnte ich nur sagen: Um alles und nichts.