In "Verqueres Denken" nimmt Andreas Speit, der bereits viele Bücher zur rechten Szene publiziert hat und als einer der Experten auf diesem Gebiet gilt, die "Querdenker" zum Anlass, Kontinuitäten nachzuspüren. So zeigt er Parallelen in den Weltbildern der sogenannten Querdenker, anthroposophischer Bio-Milieus, rechtsextremer Kreise und der Tierrechtsbewegung auf. Dabei geht es ihm weder um eine Gleichsetzung noch eine Unterstellung, diese verschiedenen Gruppierungen könnten als homogene Milieus dargestellt werden. Allerdings eint viele Mitglieder in diesen sehr unterschiedlichen Gruppen eine Ablehnung der Moderne, gepaart mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Verschwörungsdenken und einer Vorstellung von Freiheit, die letztlich nur die eigene ist und mit (gruppenbezogener) Menschenfeindlichkeit einhergeht.Fundiert und mit Rückgriff auf aktuelle Studien und Forschungsergebnisse ebenso wie mit einem historischen Rückblick ordnet er gegenwärtige, antidemokratische, antimoderne "Alternative Weltbilder" als eine dritte Lebensreformbewegung ein und legt Kontinuitäten ebenso wie Unterschiede zu vorherigen Bewegungen um die Jahrhundertwende und Mitte der 1960er offen. Dabei zeigt Speit fundiert, dass Wissenschaftsfeindlichkeit, die Ablehnung der Moderne und Idealisierung von Natur weder rein rechte noch linke Phänomene sind und es auch nie waren, sondern dass sich in diesen Bewegungen historisch immer schon Menschen aus verschiedenen Lagern trafen und über gemeinsame Weltanschauungen auch zueinander fanden.Daher ist die Analyse - gerade, wenn man selbst einem eher linken "Lager" entstammt, nicht immer sonderlich bequem. So geht Speit deutlich mit einem der Aushängeschilder vieler Tierrechtler*innen, Peter Singer, ins Gericht und zeigt dessen Behindertenfeindlichkeit auf. Auch die Anthroposophie, die oft eher als weltfremde, ökolinke Spiritualität wahrgenommen wird, ordnet er differenziert in all ihrer Vielfalt, aber auch Anschlussfähigkeit an völkische und rassistische Narrative, ein und schließlich müssen sich auch die Grünen den Vorwurf gefallen lassen, in ihrer Gründungsphase rechten Akteur*innen Raum geboten zu haben.Das umfangreiche Quellenverzeichnis ermöglicht eine weitere Auseinandersetzung mit den Themen über das Buch hinaus. Das Buch bietet eine aktuelle, differenzierte und fundierte Übersicht über die genannten Milieus und ist daher sehr zu empfehlen.
Bei manchen Mitmenschen wäre die Frage angebracht, auf welchem Planeten, in welcher Welt sie leben. Andreas Speit zeigt in seinem Buch „Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“, wie es zutreffend auf der Buchrückseite heißt, daß „in alternativen Milieus Werte und Vorstellungen kursieren, die alles andere als progressiv und emanzipatorisch sind“.Speit zeigt faktenreich und beispielhaft anhand der „Corona-Rebellen“, der ImpfgegnerInnen, der Anthroposophie, der Anastasia-Bewegung und der Vegan- und Tierrechtsbewegung auf, welch „verqueres“ und zum Teil menschenverachtendes Denken dort vorherrscht und welche Zusammenhänge und Verbindungen bestehen. Dabei zitiert er aus vielerlei Quellen, zeichnet Entstehungsgeschichten (organisatorisch und theoretisch) nach, verweist aber auch auf Widersprüche und Kontroversen z.B. in der Vegan- und Tierrechtsbewegung.Besonders die Kapitel „Verklärungen und Verharmlosungen. Impfkritik und Alternativmedizin“ sowie „Verunsicherung und Versteinerungen. Ambivalenzen der Anthroposophie“ sind sehr interessant. Wahrscheinlich hätte eine Erfahrung wie die, welche die Menschen mit dem Corona-Virus 2020 in Spanien hatten, viele Menschen dazu bewegt, einer Impfung gegen das Corona-Virus positiv gegenüberzustehen, da dies nicht nur ein Schutz für sich selbst, sondern auch für andere ist. ImpfgegnerInnen in Deutschland wird von Pflegekräften, welche die Pandemie in Spaniens Pflegeheimen und Krankenhäusern erlebt haben, mit Skepsis begegnet. Sie haben das Virus erlebt und empfinden die Impfung als Schutz und Konsequenz aus der Pandemie, nicht als Allheilmittel.Im ersten Kapitel „Herzensliebe und Hass. Protest und Conspirituality“ beschäftigt sich Speit u.a. mit den „Querdenkern“ und anderen Erscheinungen. Bereits im Vorwort schreibt er in Bezug auf Coronaleugner und Querdenker: „Der vermeintliche Protest für die Freiheitsrechte aller ist letztlich ein Protest für das eigene Recht, sich zu verhalten, wie man gerade will. Die Demonstrant:innen denken nicht quer, sie denken egoman.“ (S. 8) Es ist der Egoismus des bürgerlichen Individuums, bekannt aus der Konkurrenz, der sich auch hier bei den „Corona-Rebellen“ zeigt, hier selbst- und gemeinschaftszerstörerisch wirkt. Verkürzt gesagt, stirbt für sie die „Freiheit“ mit der Maske und den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie und die Bundesrepublik wird für sie aufgrund dieser Maßnahmen zur „Corona-Diktatur“. Dies sagt viel über sie, ihr Freiheitsverständnis und ihre gesellschaftliche Wahrnehmung. Der Staat zeigt derzeit nur, über welches Potential er auch in der Demokratie verfügt. Gleichzeitig sehen wir uns einer weltweiten Pandemie gegenüber, welche eine Bedrohung für die Gesundheit aller Menschen bedeutet, was für einige im Krankenhaus, auf der Intensivstation, bei Post-Covid oder auf dem Friedhof endet. Sicher: „Hier soll dann der Einzelne das bewältigen, was das Ganze ihm antut“, wie es Peter Brückner in anderem Zusammenhang in „Sozialpsychologie des Kapitalismus“ schrieb. Ein Teil der bürgerlichen Individuen reagiert aggressiv egoistisch nach dem Motto „Ich will keine Maske tragen, was schert mich der Rest, was schert mich die Gesundheit anderer“ mit den bekannten Folgen. Dieses Verhalten zeugt von einer unheimlichen und gewaltigen Ingnoranz gegenüber den am Virus Erkrankten und Verstorbenen. Die gleichen Menschen, die über „Impfzwang“ und „Maskenpflicht“ jammern (Masken zum eigenen Schutz und zum Schutz anderer zu tragen, kommt ihnen nicht in den Sinn und empört sie), haben nichts am Zwang zur Lohnarbeit auszusetzen. Ein Leben lang oft für ein lächerliches Gehalt für einen Chef zu buckeln („stummer Zwang der Verhältnisse“), daran haben wohl die meisten von ihnen nichts auszusetzen, schließlich können sie sich dort als egoistische Konkurrenzsubjekte und als Shopping-Kings und -Queens selbstverwirklichen. Das ist die Realität der bürgerlichen „Freiheiten“.Es ist schon ein Paradox: Da wird das Masketragen (ein Schutz für sich und andere) als Ausdruck einer „Diktatur“ gesehen. Jahrelang tagein und tagaus sich und seine Arbeitskraft anderen zu verkaufen, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, d.h. die Fremdbestimmung über die eigene Lebenszeit und Arbeitskraft, scheint kein Grund für Kritik zu sein, wird als „Freiheit“ akzeptiert. Vielleicht als „Freiheit“, welche der notwendige (?) Preis für das Paradies des Konsums und der Supermärkte ist. Aber das macht diese Freiheit der einen nicht minder zur Unfreiheit der anderen, zum Diktat, das ihnen ihr Leben und die Verausgabung ihrer Arbeitskraft, die Art der Verrichtung und den Aufenthalt vorschreibt, d.h. diktiert.Wie weit der „Freiheitsdrang“ gehen und wie zerstörerisch, gar tödlich er sein kann, mußte nicht nur ein Kassierer in Idar-Oberstein am eigenen Leib erfahren, der von einem Kunden, der keine Masken tragen wollte, erschossen wurde. Körperliche Angriffe gegen Busfahrer sind ebenfalls an der Tagesordnung.Speit zitiert u.a. aus einer Rede eines Corona-Leugners, in der es heißt: „Wenn wir zusammenhalten, werden die Masken bei denen fallen, die uns beherrschen und bevormunden wollen.“ (S. 24) Dieses Zitat sollte mensch einmal wirken lassen. Im Endeffekt heißt dies, daß es erst seit der Einführung der Maskenpflicht Menschen gibt, „die uns beherrschen und bevormunden wollen“. Haben sich also die Machtverhältnisse durch die Pandemie so gravierend geändert? Bevormundung und Beherrschung durch andere gab es nicht zuvor, wurde nicht benannt, erkannt oder angesprochen? Pharma- und andere Konzerne gab es vor Corona und wird es danach geben, solange es den Kapitalismus gibt. Und sie werden Profite auf Kosten der Menschen machen, solange es diese zulassen. Auch aus dieser Pandemie wie aus jedem Krieg und jeder Krise werden einige dieser Konzerne und auch PolitikerInnen als Gewinner hervorgehen, andere als Verlierer.Speit hat uns in „Verqueres Denken“ eine Menge interessanter Fakten geliefert. Aber am Ende bleibt nicht nur das Gefühl, daß etwas fehlt. Es ist die Frage der Perspektive bzw. Alternative zu dem geschilderten „verqueren Denken“, um die sich Speit meiner Meinung nach herumdrückt. Es ist die Frage, was aus seinen Schilderungen des irrationalen Denkens folgt, wie dem zu begegnen ist. Auch wie mit der Erkenntnis der zerstörerischen kapitalistischen Produktions- und Wirtschaftsweise umzugehen ist, wie auf all das zu reagieren ist.Das Denken der fälschlicherweise als „Querdenker“ bezeichneten Menschen hat nicht viel mit wirklichem „quer denken“ zu tun, d.h. quer zum Mainstream denken, denn genau dort setzt es an: es äußert sich u.a. in Egoismus und nimmt Bezug auf bürgerliches Gedankengut, das dem Mainstream nicht fremd ist. So kommt das angebliche „Rebellentum“ der „Corona-Rebellen“ ins Stocken und entpuppt sich als Etikettenschwindel. Denn wogegen wird „rebelliert“: gegen ein paar Masken, Maßnahmen und Statistiken und wofür? Rebellieren sollte mensch für etwas, für das es sich lohnt. Aber die Welt scheint für viele dieser „Rebellen“ vor der Corona-Pandemie in Ordnung gewesen zu sein. Wo war ihr Protest gegen hohe Mieten, das Überhandnehmen von Überstunden, Umweltverschmutzung, Konzernpolitik oder für bessere Arbeits- und Arbeitsbedingungen?Das von Speit geschilderte „verquere Denken“ lediglich als abstrus, gefährlich oder irrational abzutun oder zu entlarven, ändert nichts an den Verhältnissen. Ebenso wenig wie das „verquere Denken“ selbst. Beides neigt zum Verklären, zum Konservieren, statt zum Verändern und Beheben gesellschaftlicher Probleme.Der Verweis auf die Irrationalität des „verqueren“ Denkens allein reicht nicht aus. Es geht um Ursachen dafür, daß es solches Denken gibt und vor allem, daß es Menschen gibt, die scheinbar ein Bedürfnis nach solchem Denken haben. Und natürlich muß es darum gehen, diesem Denken Perspektiven und Alternativen entgegenzustellen. Dies bleibt das Buch von Andreas Speit uns leider schuldig.Die Gesellschaft, in der wir leben, ist eine, die auf Ausschluß basiert, ihn manifestiert und zelebriert, da die Wohlfühlzone bedroht scheint und da die Probleme der Welt „stören“. Aus diesem Grund gab es 2015 einen Aufschrei und gibt es jetzt Proteste gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen und für eine imaginäre „Freiheit“. An der täglichen „Unfreiheit“, welche die Lohnarbeit für Millionen Menschen bedeutet, war keine Kritik zu vernehmen. Die Proteste der „Corona-Rebellen“ sind zudem egoistisch und zugleich selbst- und gemeinschaftszerstörerisch, da sie die konkrete Gefahr für Gesundheit und Leben ignorieren und leugnen statt andere, alternative Antworten zu finden.Wenn Tausende von Menschen auf die Straße gehen, für eine vermeintliche „Freiheit“ demonstrieren und eine Menge Energie in diesbezügliche Internetaktivitäten, etc. stecken, stellt sich die Frage, wo der Großteil dieser Menschen war, als Rentenkürzungen beschlossen wurden (Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre, Absenkung des Rentenniveaus) oder als die Hartz-IV-„Reformen“ („Armut per Gesetz“) eingeführt wurden. Diese Maßnahmen waren ein realer und konkreter Angriff auf die Lebensverhältnisse vieler Menschen, der eine Menge Widerstand und Protest erfordert hätte, um sie ggfs. abzumildern oder aufzuhalten. In anderen Ländern wie z.B. Frankreich gab es in den letzten Jahren immer wieder große Proteste gegen die Pläne einer Anhebung des Rentenalters oder neuer Arbeitsgesetze. Für eine reale, konkrete Verbesserung der Lebensverhältnisse lohnt es sich aufzustehen.In Ergänzung zu Speits Buch sei Peter Bierls Buch „Die Legende von den Strippenziehern. Verschwörungsdenken im Zeitalter des Wassermanns“ als lohnende Lektüre empfohlen. Dort heißt es u.a. zu den „Corona-Rebellen“: „Was sich rebellisch geriert, ist der enttäuschte Untertan. (...) Der Trick besteht darin, Meinungsfreiheit einzuklagen, um nicht mit Kritik behelligt zu werden. Anstelle mühsamer Wahrheitsfindung tritt die einfache Erklärung, denn Ungewissheiten scheinen viele nicht auszuhalten. Manche geben dann lieber die Eingeweihten, die großen Durchblicker. Das hebt das Selbstwertgefühl und dieser psychische Gewinn trägt zum Erfolg des einschlägigen Denkens ebenso bei wie der Umstand, dass es sich bei der Auflehnung gegen den Status Quo um eine Scheinrebellion handelt, die tatsächlich die Gesellschaftsordnung gar nicht in Frage stellt.“ Und: „Tatsächlich werden Unternehmen, die mit Erfolg an Impfstoffen und Medikamenten forschen, an einer Pandemie verdienen, ihre Aktienkurse werden steigen. Wer das nicht möchte, müsste unter anderem den Gesundheitssektor vergesellschaften, sowohl Krankenhäuser und Pflegeheime als auch Forschungs- und Produktionsstätten.“Das „verquere Denken“ kommt direkt aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, das führt uns Speit in seinem Buch deutlich vor Augen. Für Peter Bierl verweisen die Verschwörungstheorien „auf die Überzeugungen einer Gesellschaft, die das verinnerlicht hat, was im Baukasten der Verschwörungsideologien zur Grundausstattung gehört: Nationalismus, Antisemitismus, Rassismus und ein Unbehagen am ‚entfesselten Raubtierkapitalismus‘“ (Buchrücken von Peter Bierl, „Die Legende von den Strippenziehern“).Zur Corona-Thematik sei Thomas Ebermann, „Störung im Betriebsablauf. Systemirrelevante Betrachtungen zur Pandemie“ als Lektüre empfohlen.Wie üblich wird die Arbeitswelt weitestgehend ausgeklammert: das ist bei dem in Speits Buch geschilderten „verqueren Denken“ ebenso wie bei der Berichterstattung in den Medien über die Pandemie, den Klimawandel, die (Im)Migration, den Regimewandel oder Proteste. Kein Wort über die Realität der Arbeitswelt, über Arbeits- und Lebensbedingungen, über Widerspruch und Widerstand gegen das unerträgliche „Immer schneller, immer höher, immer weiter, immer mehr“ des Kapitalismus. „Der aufdiktierte Rhythmus ist ein kriegerischer Akt.“ (Dritte Wahl) Wie schrieb einst Klaus Ottomeyer in „Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen. Soziales Verhalten im Kapitalismus“: „Ohne die Konkurrenz kann man am Sozialverhalten der Menschen im Kapitalismus so gut wie nichts verstehen.“ Speits Buch gibt einen guten Überblick über einen Teil des derzeit vorhandenen und umtriebigen „verqueren Denkens“.