Die Tatsache, dass mittelalterliche Literatur selbst bei lesebegeisterten Personen wenig Anklang findet, mag wohl vor allem daran liegen, dass man als Rezipient einige – oft durch Hörensagen bestimmte – Vorurteile gegen Texte aus dieser Epoche hat, die sich, wenn man genauer hinschaut, oftmals als nichtig erweisen. Da könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Texte aufgrund der weit zurückliegenden Zeit, in der sie entstanden sind, mit unserer heutigen Zeit nichts mehr zu tun haben. Da könnte man meinen, dass es sich nicht lohnt, sich mit den Gedanken von Menschen auseinanderzusetzen, die z.B. auf rein wissenschaftlicher Ebene noch so wenig von der Welt, auf der sie lebten, wussten. Und natürlich stellt sich – ganz abgesehen von den rein pragmatischen Aspekten, wegen derer man einen Roman lesen oder eben nicht lesen kann – auch die Frage, ob die Themen und Fragestellungen der damaligen Zeit eigentlich noch mithalten können mit den Diskussionen und Diskursen, die heutzutage geführt werden.Jeder, der sich ein bisschen mit dem Mittelalter auskennt, wird zweifellos über die besondere Bedeutung von Religion und Gottesvorstellungen für die Menschen in der damaligen Zeit wissen. Eine historische Kontextualisierung der gesellschaftlichen Situation ist für die Auseinandersetzung mit mittelalterlichen Texten unerlässlich; auch oder besonders für den Gregorius-Roman des mittelalterlichen Autors Hartmann von Aue. In der Chronologie des wohl im 13. Jahrhundert zu verortenden Autors ist der Gregorius der zweite Versroman. Ihm ging der deutlich bekanntere Erec voraus und auch die Geschichte vom armen Heinrich, die auf den Gregorius folgen soll, scheint in der Mediävistik präsenter zu sein. Gerade allerdings in Bezug auf die Frage, was uns die Texte der Vergangenheit über unsere Gegenwart aussagen können, ist der Gregorius ein besonders wichtiger und intensiver Text. Und er ist, um eine Lanze für die mittelalterliche Literatur zu brechen, auch einer jener Texte, die uns vor Augen führen, dass die klischeebelasteten Stereotypen, die wir von der Vergangenheit und der düsteren Zeit des Mittelalters haben, nicht in allererster Linie berechtigt sein müssen. Literatur erweist sich, vor allem dann, wenn ihr Entstehen schon so weit zurückliegt, einmal mehr als das Bindeglied der Vergangenheit zur Gegenwart und stellt unter Beweis, was die Menschen wirklich wussten oder dachten.Der titelgebende Gregorius ist eine historische Figur, deren Geschichte im mittelalterlichen Diskurs auf unterschiedlichste Weise diskutiert und erzählt wurde. Als er das Licht der Welt erblickt, ist er bereits mitten hineingeboren in einen tief schwelenden Konflikt. Denn so sind seine Eltern, die aus höfischem Haus abstammen, alles andere als ein normales Pärchen: sie sind Bruder und Schwester. Der Bruder, der von der besonderen Schönheit seiner Schwester und einem von Kindheit an eingeimpften Bewachersyndrom ihr gegenüber zu weit gegangen ist und die Schwester eines Nachts vergewaltigte, steht vor einem ebenso großen moralischen Konflikt wie die Mutter des Gregorius. Sie beschließen, sich Rat bei einem Freund ihres verstorbenen Vaters zu holen, der ihnen beide Buße für ihre unsittliche Tat auferlegt. Den Bruder schickt er auf Pilgerfahrt, die Mutter verdammt er zu einem Keuschheitsgelübde. Und auch wenn sie die Chance bekommt, Gregorius außerhalb der höfischen Mauern, innerhalb derer ihr Ruf aufs übelste beschädigt worden wäre, auf die Welt zu bringen, wird der Mutter nahegelegt, ihr Kind auszusetzen. Mit einer Tafel, auf der sie das Schicksal ihres Kindes niedergeschrieben hat, legt sie das Baby in ein Körbchen und schickt es aufs Meer. Von Gott geleitet überlebt der Säugling und kommt an einem fernen Ufer bei einem Abt an, der die Botschaft auf der Tafel liest und – dem Rat der Mutter folgend – das Kind ohne Wissen über seine Herkunft bei einer Fischersfamilie aufwachsen lässt. Gregorius wird eine religiöse und bürgerliche Erziehung erfahren, die ihn allerdings nicht davon abhalten soll, die Insel, auf die er getrieben wurde, eines Tages zu verlassen, als er von seiner Ziehmutter im Streit erfährt, woher er wirklich kommt.Dass das Ufer des Landes, an das ihn erneut Gottes Hand leitet, kein anderes ist als das, wo vor vielen Jahren die Mutter das Kind ihrem Schicksal überlassen hat, ist – nach Hartmann von Aue – selbstverständlich als göttliche Fügung zu verstehen. Für die Literaturwissenschaft dürfte es viel eher ein erzählerisch-kompositorischer Kniff sein, der hier als beachtlich einzustufen ist, denn als Gregorius in sein Heimatland zurückkommt und die Burg von einem Belagerer, der um die Hand seiner Mutter anhält, befreit, wiederholt sich die Geschichte. Unwissend darüber, in welcher familiären Beziehung sie zueinander stehen, heiratet der Sohn die Mutter; durch reinen Zufall stößt diese auf die Tafel, die Gregorius mit sich trägt und die sie vor vielen Jahren beschrieben hat. Der Konflikt bricht aufs Neue aus, die Mutter mahnt, dass sie zur „Hölle geboren“ sei. Während sie ihre Buße verschärft und auf jegliche materielle Güter verzichtet, wird sich Gregorius von einem Fischer an einen Fels auf einer stürmischen Insel mitten im Meer anketten lassen. Sollte der Schlüssel, mit dem das Schloss versiegelt wurde, aus dem Meer, in das er geworfen wurde, jemals wieder auftauchen, habe Gott ihn von seinen Sünden freigesprochen. Der Schlüssel wird auftauchen, Gregorius wird die siebzehn Jahre durch Gottes Hilfe überleben – und am Ende dieses Romans in Rom zum Papst ernannt werden.Es mag eine seltsame, fast befremdliche Geschichte sein, die Hartmann von Aue seinen Leserinnen und Lesern hier vorsetzt. Eine Geschichte, in der man mit vielen Tabus der heutigen Zeit konfrontiert wird und feststellen darf: sie waren es auch damals. Nicht nur die Tatsache, wie unzensiert und direkt über die Fragen des Inzest bereits im Mittelalter geschrieben wird dürften verwundern, sondern auch die fast schon modern anmutende Art und Weise, in der sich Hartmann von Aue mit den aufbrechenden Konflikten auseinandersetzt. Ganz im Gegensatz zu französischen Texten, die ebenfalls diese Geschichte vom späteren Papst Gregorius erzählen, ist die Frage nach der Schuld und den Schuldigen bei Hartmann von Aue deutlich offener gestaltet als in den didaktisch anmutenden Parallelwerken. Allein die Tatsache, dass eine Geschlechterdebatte eröffnet wird, die eben nicht die Mutter als Frau als einzige Schuldige für die ganze Misere ausmacht (und dies könnte man von der misogynen Gesellschaft des Mittelalters ja durchaus erwarten), ist bereits eine große Überraschung, die dieser Roman mit sich bringt.Aber auch die intensive Auseinandersetzung mit der Frage nach dem guten Gott ist eine sowohl auf theologischer wie auch auf historischer und zweifellos literaturwissenschaftlich interessante. So steht zwar fest, dass Gregorius an der Sünde seiner Eltern keine Schuld trägt; er als Mensch als unbelastet ist, als er auf die Welt kommt. Sein Leben, das in Gottes Hand ruht und von diesem gelenkt und geleitet wird, verläuft allerdings dennoch in einer weiteren Sünde. Was ist also Gottes Ziel, wenn er Gregorius bewusst in das Dilemma stürzen lässt, das sich im zweiten Inzest mit der Mutter ausdrückt? Fragen, die aus heutiger Sicht banal erscheinen, aus mittelalterlicher Perspektive aber existentiell gewesen sein dürften. Hartmann von Aues Roman beweist, dass die mittelalterliche Gesellschaft alles andere als unreflektiert auf Gott und Religion geblickt hat; das, was in der damaligen Zeit eine unumstößliche Wahrheit gewesen ist (nämlich die Existenz Gottes), wurde dennoch immer und immer wieder durchdacht, hinterfragt und somit auch die klerikale Lehre auf die Probe gestellt. Eine verblendete, engstirnige und wenig weitsichtige Gesellschaft sieht zweifellos anders aus!Viele weitere interessante Aspekte stecken neben den hier angedeuteten auch im Roman, dürften allerdings eher Anlass für die Auseinandersetzung im Rahmen eines sprachgeschichtlichen Seminars sein als in eine Rezension gehören. Vielmehr soll hier noch auf die Frage eingegangen werden, warum ein Text wie dieser auch für die freiwillige Lektüre geeignet ist und nicht nur in den Kontext eines Germanistikstudiums gehört. Denn zweifellos hat uns auch der Text heute noch viel zu sagen. Er regt auf der einen Seite die beschriebene theologische aber auch historische Debatte an, ist auf der anderen Seite aber auch ein Buch über den Menschen als solchen und die Verstrickungen, in die er gerät. Fast schon soziologisch intelligent könnte man den Gregorius-Roman Hartmanns von Aue bezeichnen, der gekonnt die gesellschaftlichen Konflikte und ihr Brandmittel auslotet und auch heute noch die Frage nach der Art und Weise, wie wir unser Leben führen, stellt. Die Frage nach Schuld und Sünde mag im heutigen Diskurs vielleicht etwas lockerer geführt werden: dennoch sollte auch in der Gegenwart die Frage nach dem Lebensstil, nach der Verantwortung, die man seit seiner Geburt für die Welt und das Miteinander hat, nicht heruntergespielt werden. Romane wie diese, die noch ganz aus der Tradition der Moral und des Gewissens kommen, erinnern uns daran, dass wir – selbst in einer aufgeklärten und modernen Gesellschaft – nicht allzu sehr auf diese Grundwerte verzichten sollten.Denn (ganz abgesehen von den vielen technischen und industriellen Neuerungen, die unsere Gesellschaft vorangebracht haben) ist die Frage, ob das, was wir im Kontext des mittelalterlichen Lebens dargestellt bekommen, wirklich so viel primitiver, so viel rückständiger war als das, was wir heute in unserer Gegenwart sehen. Die Lektüre von mittelalterlichen Romanen wie diesem regt uns also an, die Gesellschaft in der wir leben in ihrer Modernität zu hinterfragen und Fortschritt so zu gestalten, dass das, was die Menschheit ausmacht und schon immer ausgemacht hat, auch in Zukunft als zentrales Fundament unseres Zusammenlebens bestehen bleibt.