Das Firmen-Und im Titel ist vieldeutig: das eine über das andere, das andere über das eine, sowohl das eine als auch das andere. So sind wir mitten in Shohana Felmans 1982er These, dass bei der Besetzung der mit „Et“ aufgerufenen Sparringspartner im Falle von Literatur und Psychoanalyse geschriebene Literatur und deutende Psychoanalyse, aber auch die ein schriftliches Medium suchende Psychoanalyse und die dabei ihr behilflich seiende Literatur gemeint sein können: dass also gerade diese beiden recht ineinander gefaltet sind...Denn zum einen geht es natürlich auch um die bekannteste Literaturtheorie der Psychoanalyse, die „Psychobiographie“, die das ödipale Deutungsschema vom direkt dem Analytiker klagenden Patienten einfach auf den abwesenden Autoren überträgt, der nun auch ungewollt, auf jeden Fall ungefragt dem freudianisch eingestellten Leser mit seinen textlichen Äusserungen zeigt, wie es ihn doch zur Mutter zieht, wie er gegen den Vater rebelliert...Daneben kümmert sich das Handbuch aber auch um das ästhetisierte Schreiben der Literatur, deren „Techniken“ sich ja auch Freud selbst in Vignetten und Novellen-artigen Krankengeschichten zu Nutze macht, um Wissenschaftsprosa zu schreiben. So gesehen ist eigentlich jedermann Literat, der eine „manifeste“ Darstellungsform sucht, während eben jenes Interesse an Stil oder am Eingemachten des je eigenen menschlichen Dasains durch die Poren dringen darf.Was im Alltagsgebrauch der Sprache einfach mitrausrutscht, wird von Dichtern, von antiken Tragikern, von modernen Romanciers und eben von Freud lediglich klarer oder spannender metaphorisiert und metonymisiert (laut Freud zugleich auch die Premium-Traumtechniken, weshalb zwischen „ich sage“ bzw. belle-lettristisch „ich schreibe“ und dem unbewussten „mir träumt es“ nur noch ein gradueller Unterschied besteht).Unser (un-)bewusster Gedankenstrom ist so gesehen jederzeit schon literalisiert - und zugleich mit den psychoanalytischen Themen menschlicher Grundkonflikten unterfüttert.Drittens unterstreicht also das Triebkraft & Darstellung, Wille & Vorstellung trennende wie verbindende „&“ ihre mutuelle Bezogenheit, die letztlich die subordninierende Aufteilung in „manifest“ (sag- und schreibbar) und „latent“ (die dahinterstehende Phantasie) in Frage stellt. Genau dies war der Punkt, den die im Handbuch wiederholt zitierte Felman machte, dass nämlich nicht der (psychoanalysierende, psychobiographisierende) Interpret der Herr, der Text entsprechend der in seiner eigentlichen Motivation entlarvte Knecht sei, sondern das Machtverhältnis - gerade in Folge von Lacans Idee des unbewusst so zielsicheren Buchstabens - auch umkehrbar sei.Mit dieser Einsicht spielt es dann aber auch keine Rolle mehr, wer hier Herr und wer hier Knecht sei, vielmehr geht es um den Versuch, ein Sowohl-als-Auch zu denken: die Psychoanalyse zeigt das Unbewusste der Literatur auf (die Interessegeleitetheit von Aussagen), während ihr Aufzeigen selbst unbewussten Mechanismen der Versprachlichung unterliegt, die „belles lettres“ ein vielleicht ganz eigenes Ziel verfolgen...Dass der Gründervater der Psychoanalyse eher noch die Kräfte messen wollte, wird hier treffenderweise als „Freuds Komplex“ bezeichnet, sprach er zwar 1907 von einer „Bundesgenossenschaft“ der Psychoanalytiker-Shrinks und der Dichter, begann aber kurz darauf, die Literaten degradierend zu pathologisieren als weltfremde Tagträumer, vom Penner oder auch von den unbewussten Kräften der „Traumwerkmeister“ nur getrennt durch das Talent, dem Leser den Privattrip ästhtesiert als Denkanstoss anbieten zu können, ihm dabei „Ersatzlüste“ zu verschaffen.Freud war zwar keineswegs ein Seinsvergesser, aber manchmal doch ein Deutungsvergesser, was sein Kollege Wilhelm Stekel zur „Psychobiographie“ ausbaute und der literturkritischen Seite der Psychoanalyse zu Recht einen schlechten Ruf bei verwandten hermeneutischen Disziplinen einbrachte.Philosophisch wird nach Eckart Goebels Neu-Eröffnung des vor fast vier Jahrzehnten von Felman abgesteckten Feldes leider nicht viel nachgeschoben, denn das gut 700 Seiten starke Kompendium fragt v.a. im Detail nach, welche Theorieströmungen (Rhetorik, Gender-Studies etc.), welche Literaturgattungen (Tragödie, Krimis, moderne Literatur usw.) und welche literarischen Figuren (etwa Ödipus oder Antigone) der Psychoanalyse auf welche Weise ihren Stoff gaben.Über das Literatur und Psychoanalyse gemeinsame Thema, wie genau der Buchstabe uns leitet und was ein „McGuffin“ damit zu tun hat, davon hätte man gerne noch mehr gelesen (denn wo Lacan in Poes Detektiv-Story schon den blossen Briefumschlag als Auslöser eines Eiertanzes aller Beteiligten identifiziert, empfiehlt Angus MacPhail den Drehbuchautoren, ominöse Gadgets in ihre Plots einzubauen, z.B. ein auffälliges Gepäckstück unbekannten Inhalts, aber mit komischem Namen als Handlungstreiber:Man sieht, Umschlag wie Koffer ziehen v.a. die Aufmerksamkeit auf sich, der Inhalt ist jeweils nur angedeutet, aber auch selber sind diese Quatsch-Objekte, die wie heilige Grale gejagt werden eigentlich völlig belanglos und austauschbar. Im Zeitalter des Internets wären wohl „Clickbaits“ ähnliche Interessefänger ohne schwerwiegenden Content: einfach der Stein des Anstosses, den ein Sisyphos unserer Zeit bereit ist, den Berg hinaufzurollen...).Bemerkenswert ist in jedem Falle noch der Versuch, die Geschichte vom Träumen, Aufwachen, Traumerinnern und -Nacherzählen auf die Literaturgeschichte zu übertragen: Diese erwacht gewissermassen von nebulöser traumartiger Lyrik über das zurückbleibende Gefühl von Drama-tischem hin zu geglättet weitererzählter Prosa.Dies liesse sich nochmals abstrahieren zur Abfolge Prosodie, Sprache, Schrift.Dass gerade der psychoanalytische Schriftbegriff damit aber nicht ganz deckungsgleich ist, wäre eine andere Geschichte...