Packend und kunstvoll gearbeitet fand es eine Auswahl von hochrangigen Kritikern, die für die BBC die besten englischsprachigen Romane seit 2000 auswählen sollten und setzten es unter über 150 Büchern auf Platz 9. Ich bin froh, der Empfehlung gefolgt zu sein, auch wenn ich mich etwas plagen musste. Nur Muttersprachler oder echte Zweisprachler lesen anspruchsvolle Literatur ohne Mühe, ich bin weder das eine noch das andere. Ich schätze die Arbeit von Übersetzern, aber eine noch so gute Übersetzung kann die Begegnung mit dem Original nicht ersetzen, zumal wenn es sich in diesem Fall um ein stilistisch herausragendes Werk handelt. Selten hat sich die Mühe so gelohnt.Der Roman bietet fein ziselierte Porträts von Individuen und gesellschaftlichen Verhältnissen in Friedens- und Kriegszeiten über einen Zeitraum von 100 Jahren, wenn man einige Rückblenden und den langen Epilog dazurechnet. Dazu ein atemberaubendes Bild der Fratze des Krieges im Vorfeld der Evakuierung der britischen und französischen Truppen bei Dünkirchen 1940. Als Infanteristen treffen wir dort einen unschuldig Verurteilten und seines Lebenstraumes Beraubten und zur gleichen Zeit in einem Londoner Hospital die Schuldige als Schwesternschülerin Briony (Nurse Tallis) auf der Suche nach Vergebung für eine Schuld, die sie 1935 auf dem Landsitz ihrer Eltern auf sich geladen hatte, als sie den Geliebten ihrer älteren Schwester Cäcilie durch ihre Falschaussage ins Gefängnis brachte. Wird das Paar die Belastung überstehen, wird sie warten können wie versprochen, wird er überleben?So auf das Handlungsgerüst reduziert, könnte man meinen, man könnte dergleichen auch woanders lesen. Vielleicht, aber nicht auf diesem Niveau. Familienbande (nach Karl Kraus hat das Wort einen Beigeschmack von Wahrheit), Freund- und Feindschaften, Standesdünkel (Robbie ist der Sohn einer Hausangestellten, ein hochbegabter Medizinstudent), Schuld und Sühne, Treue und Vergeltung. Das erfordert einen Stilisten von Gnaden. McEwan trifft unter vielleicht fünfzig englischen Ausdrücken für Reden oder Fortbewegen den jeweils in der Situation einzig Richtigen, er hält die Balance zwischen Stimmungsbildern, ruhigen Beschreibungen und unbarmherzig vorangepeitschten Handlungen. Da ist kein Wort zuviel, eine verzogene Tür im Elternhaus und ein heruntergekommener viktorianischer Tempel in einem See stehen für die Risse in einer dekadenten Zwischenkriegsgesellschaft, die erst in der Gefahr einer drohenden Invasion zu sich selbst und zu den alten Tugenden findet.Liebhaber schriftstellerischer Rafinesse werden einen ausführlichen Brief goutieren, in dem der Herausgeber einer Zeitschrift, m.E. unverkennbar das Alter Ego McEwans, der Schwesternschülerin Briony erklärt, warum er ihre autobiographisch gefärbte Erzählung wegen gewisser Schwächen nicht veröffentlichen kann, sie aber gleichzeitig zum Weitermachen ermutigt. McEwan taucht noch einmal auf, in anderer hier nicht zu verratender Gestalt im Epilog, wo es um Fiktion und Realität geht. Hat sich nicht auch mancher Leser gefragt, wie es wirklich war?Auf Niveau B2 bzw. C1 und Leseerfahrungen mit anspruchsvoller Literatur lässt sich die Herausforderung mit Gewinn bestehen, meine ich. Notfalls hilft die Wörterbuchfunktion des Kindle, ganz Eifrige können eine Vokabelsammlung aufbauen und nochmals Revue passieren lassen, sogar im Kontext der Originalstellen, außerordentlich hilfreich.
The Atonement ist eine anspruchsvolle Lektüre von Ian McEwan. Sprachlich wie immer sehr ausgefeilt und meisterhaft erzählt. So fand ich die erste Hälfte des Buches, die sich auf dem englischen Landsitz einer gutsituirten Familie abspielt einfach genial. McEwan gelingt es, sich in die unterschiedlichen Charaktäre seiner Geschichte hinein zu versetzten und diese absolut glaubhaft und authentisch zu vermitteln. Er wechselt die Erzählperspektiven scheinbar mühelos und baut dabei eine Spannung auf die ihresgleichen sucht. Man glaubt ihm die ehrgeizige 11 jährige Brionny genauso, wie die kapriziöse Lola oder ihre hyperaktiven Zwillingsbrüder. Die ganze scheinbar idyllische Sommerstimmung auf dem Gut ist durchwachsen von vielen persönlichen Konflikten und Dramen der einzelnen Protagonisten und verdichtet sich in einem schicksalhaften, äußerst dramatischen Höhepunkt. Cut. Und jetzt kommt der zweite Teil des Buches.Der Schauplatz ändert sich schlagartig und alle uns bekannten Charaktäre aus dem ersten Teil sind vorerst auf Eis gelegt. Plötzlich ist das keine Geschichte aus der Perspektive Brionnys mehr, sondern wird zu zu der Erzählung eines Soldaten im Krieges. Zwar gelingt McEwan am Ende der Bogen zurück zum ersten Teil, doch fand ich den zweiten Teil des Buches wesentlich uninteressanter und weniger virtuos als den Ersten. Trotz allem ein Buch, was man unbedingt lesen sollte.