Nachdem ich unlängst Ewans jüngstes Werk "Solar" gelesen habe, ist die nachfolgende Lektüre des einige Jahre älteren "On Chesil Beach" für mich aufs Neue Anlass zum Staunen ob des Facettenreichtums dieses Autors. Die ungewöhnliche Feinfühligkeit mit der Ewan sogar in die Gefühlswelt einer Frau zu schlüpfen vermag (die junge, just vermählte Florence) ist einfach frappierend. Nicht dass beispielsweise "Solar" unsensibel wäre, aber ich habe dieses doch eher als ein "männliches" Werk erlebt.Edward und Florence sind Opfer einer Zeit, in der das Sprechen über Gefühle, noch dazu sexueller Natur, noch verpönt ist. So bleibt jeder einsam gefangen in seinem Gewirr aus Ängsten, Mutmassungen und Wünschen bezüglich der bevorstehenden ersten sexuellen Begegnung, die dann unweigerlich in ein Desaster mündet. Was folgt ist traurig, denn zwei Menschen, die doch so viele gute Gefühle füreinander haben, schaffen es nicht aus der Isolation der einseitigen Interpretation des Erlebten herauszutreten und verlieren sich dabei. Der Leser hätte sich ein klärendes Gespräch gewünscht, dass das unweigerliche Auseinanderdriften der beiden noch hätte verhindern können. Aber dieser Wunsch wird nicht erfüllt.Ich finde diese Novelle sehr berührend, vor allem im ersten Teil, in dem das Hochzeitsessen im Hotelzimmer und das anschliessende disaströse sexuelle Missgeschick beschrieben wird. Die fast tragische Eskalation des Unbehagens wird so hautnah spürbar, dass ich mich über lange Strecken völlig im Bann der Erzählung befand. Diese enorme Kraft wird in der zweiten Häfte nicht mehr erreicht, was vielleicht so auch nicht möglich ist.
Soweit ich weiß hat ihr das Buch gefallen. Ich selbst habe noch nichts von dem Autor gelesen, aber für mich ist es immer ein bisschen schwierig etwas für meine Schwestern in Australien zu finden ...
Sprachlich und bildsprachlich großartig, der englische Frühling, der englische Sommer und die englische Countryside kommen geradezu aus dem Buch heraus, oder der Leser geht hinein. Aber dann doch auch ein nicht überzeugender und verkrampfter Versuch, einen ganz großen Liebesroman zu schreiben, eine nicht-lebbare Liebe zu beschreiben. Kern des Dramas: Sex - oder auch: Nicht-Sex. Soll das ein Plädoyer sein für mehr Aufklärung? Für vorehelichen Sex? Aber damit haben die potentiellen Leserinnen und Leser sicher kein Problem (mehr) - und auch im Jahr 1962 waren die Eltern dem Vernehmen nach voll aufgeklärt und ziemlich unverklemmt - und so stellt sich schnell die Frage: Was soll das? Oder ein Plädoyer für den asexuellen Menschen? Oder das Thema Sex als Metapher für alles Mögliche, das zu Missverständnissen zwischen Eheleuten führen kann, und gewählt, um kein episches Vom Winde Verweht schreiben zu müssen, weil die Hochzeitsnacht ganz am Anfang kommt?Im Ergebnis: ein Autor, der sein Handwerk gelernt hat, dem aber keine gute Geschichte eingefallen ist.Herr McEwan, schreiben Sie doch einfach mal was Leichtes. Bei Atonement war es überzeugend, aber dieser Zweitaufguss des Themas, wie leicht ein Mensch in einer Nacht sein Leben und das anderer für immer zerstören kann, ist einfach zu bemüht.Schade!