Ich hatte schon einige Sorgen, was den neuesten Pynchon betrifft. Romane zum 11. September, das geht für gewöhnlich schief oder ist wie im Falle von Fury eine Werbelüge. Und ja, mehr oder minder schief geht es auch, doch es hätte schlimmer kommen können.Bleeding Edge ist über weite Strecken ein typischer Pnchon der leichteren Sorte. Eine gradlinige, durchgehend auf einen Hauptcharakter fokusierte Handlung, das gab es bisher einzig in The Crying of Lot 49. Viel Jargon, eine dialoglastige, entsprechend rasch dahinfliegende Handlung, das erinnert an den hervorragenden Roman V. Lange scheint sich Bleeding Edge vor allem um die Nachwehen des Platzens der DotCom Blase zu drehen, und hier hat der Roman seine besten, wenn auch belanglosesten Momente.Im Zentrum stehen die Ermittlungen der Datenanalystin Maxine. Die spürt Unregelmäßigkeiten bei Firmen nach, die auf Risikokapital angewiesen ist und entdeckt unter anderen ungewöhnliche Geldflüsse über das Hawala-Netzwerk sowie Leerverkäufe der Aktien zweier Airlines. Befreundet ist sie mit einer verschwörungstheoretisch angehauchten linken Bürgerrechtlerin und einem Online-Videopionier, der den beiden Aufnahmen von etwas zu spielt, was wie Training für einen Terroranschlag auf Flugzeuge aussieht. In den Kater nach einer wilden Party, die die DotCom Goldgräberstimmung reproduzieren sollte, platzen die Anschläge vom 11. September. Fortan werden verschiedene Verschwörungstheorien gewälzt, Spuren verfolgt, die ins Leere laufen, tot Geglaubte wandeln in den Straßen und manche Menschen scheinen über Nacht Jahrzehnte gealtert. Schließlich scheinen in den Türmen ermordete als Avatare in einem schwer zugänglichen Bereich des Deep Web wieder aufzutauchen, dessen Betreiberfirma Maxine zu Anfang des Romans wegen Unregelmäßigkeiten beauftragt hatte.Es ist nicht ohne Risiko, wenn einer, dessen zentraler literarischer Modus die Beschreibung der Welt aus dem Blick sich überlappender Paranoii ist, sich an so ein zeitgenössisches Thema macht. Immerhin, Pynchon war nie ein Autor, geschlossene Verschwörungstheorien zu entwerfen, sondern einer, der Unsicherheit an allen Ecken streut. Auch Bleeding Edge lässt zwar hier und da Truther-Perspektiven anklingen, thematisiert aber zugleich intensiv den antisemitischen Charakter fast aller Verschwörungstheorien rund um 9/11 – damit ist der Roman was Ideologiekritik betrifft fast allen literarischen Bearbeitungen des Themas über. Auf der anderen Seite fühlt es sich doch ein wenig falsch an, einen relativ typischen Pynchon, der letztlich jede Lösung von „unglaublicher Zufall“ über „Al-Quaida“ bis hin zu „jeder steckt mit jedem unter einer Decke“ zulässt, ausgerechnet an 9/11 aufzuhängen. Zumal die Erklärung, dass im Islamismus irgendwie der globale Süden, die Abgehängten, gegen den Westen und den Kapitalismus zurückschlügen, durchaus stehen bleibt.Gewiss, ein Roman ist ein Roman ist ein Roman und in erster Linie ob seiner ästhetischen Gestaltung zu bewerten. Doch wie in einem Roman über eine historische Persönlichkeit die Übereinstimmungen und Abweichungen von der verbürgten Biografie, die darauf entworfenen Perspektiven usw. zur ästhetischen Gestaltung gehören, gehört auch die Diskussion von 9/11 zur ästhetischen Gestaltung von Bleeding Edge. Und da wird einfach deutlich, dass man einen so einschneidenden Massenmord nicht zur bloßen Chiffre machen kann, die grenzenloses Spiel erlaubt.Der Roman untersucht wiederum in überzeugender, magisch-realistischer Verschiebung, wir die USA nach den Anschlägen eine andere wird. Nicht daran wächst, sondern zugleich älter und kindischer wird. Aber das zentrale Moment des Schocks, die Gründe, die die Frage nach dieser Veränderung überhaupt erst zu stellen erlauben würden, bleiben außen vor, weil 9/11 in einer Weise in die Sphäre des Beliebigen entrückt wird, wie es sich Pynchon – der auf ein ähnliches Problem ja durchaus schon einmal gestoßen ist – mit dem Nationalsozialismus in Gravitys Rainbow nicht erlaubt hat.Damit soll nicht gesagt sein, dass Bleeding Edge bei der Behandlung von 9/11 den nötige Ernst vermissen lässt, der den Anschlägen gebührt. Es ist vielmehr so, dass dieser 9/11-Roman gewissermaßen 9/11 selbst vermissen lässt. Der Anschlag wirkt wie ein bedeutendes Ereignis, das aber ebenso gut auch hätte ein anderes sein können, an dem viel Dialoggeplänkel und die DotCom Handlung aufgehängt sind. Immerhin, dass Pynchon den Terror ausgerechnet nutzt, um Maxine mit ihrem geschiedenen Ehemann wieder zusammenzuführen, ist eine Wendung, die man vom pre-9/11-Pynchon kaum hätte erwarten dürfen.Lesen sollte man Bleeding Edge dennoch. Erstens weil Thomas Pynchon auch mit einem durchwachsenen Roman noch besser ist als viele Zeitgenossen. Zweitens weil die hier entfaltete Kritik durchaus etwas ist, dem sich selbst nachzuspüren lohnt. Und für, weil wirklich fasziniert wie tief der mittlerweile immerhin über 70jährige Autor in die junge Computerkultur der späten Neunziger einzusteigen vermag. Ob Pynchon sich nun all die Details, von Pokémon und ihre Transformationsstufen, heißen Games seinerzeit wie Deus Ex usw angelesen hat oder selbst gespielt – im Gegensatz zu den popkulturellen Verweisen, die der gefeierte Bret Easton Ellis streut, und die selbst meine Oma aus der Gala hätte haben können, baut Pynchon das Universum glaubhaft auf. Wobei er natürlich auch hier (zum Glück) alles andere als naturalistisch vorgeht. Sein Internet wird immer mehr zum realen, begehbaren Ort, und gerade durch diese Überhöhung zur Metapher. Darin, aber auch nur darin, sind Vergleiche mit Cyberpunk-Romanen wie Gibsons Neuromancer angemessen.