Viel wurde geschrieben über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Dem Ereignis, welches das "kurze" 20. Jahrhundert einläuten und das die europäischen Kultur aus lichten Höhen ins jähe Verderben, in die Hölle des Krieges, des Hasses und der kulturellen Selbstentleibung senden sollte. Natürlich drängt sich die Frage der "Schuld" auf. Wer ist verantwortlich zu machen für den Selbstmord Europas? Für die (Pyrrhus-) Sieger des Krieges von 1914 stand der Schuldige von vornherein und als einzig Verantwortlicher fest: Deutschland. Zwar wurde dieses Verdikt bereits in den 1920er Jahren nicht nur von deutschen Historikern und Politikern hinterfragt, aber der lange Schatten, den der anschließende 2. Weltkrieg über die Geschehnisse werfen sollte und die Epoche als Zweiten 30-jährigen Krieg verklammert, die unabstreitbare deutsche Verantwortung an Greueln im Osten seit 1941 und die krachende Niederlage 1945, haben letztlich lange Jahrzehnte den Blick auf die tatsächlichen Verhältnisse vor 1914 verstellt. Man kommt nicht umhin, anzumerken, dass gerade viele deutsche Historiker, die die Alleinschuldthese nach 1945 lautstark bekräftigten (so bspw. Fritz Fischer) selbst oftmals schuldhaft verstrickt waren in das NS-Regime (Fischer war SA-Mann der ersten Stunde) und es in dieser und der folgenden Generation so unendlich schicklicher und einfacher vorkam und noch vorkommt, besser Deutschland an allem die Schuld zu geben, als nach der eigenen Schuld zu fragen - oder zu schweigen.Die deutsche Geschichtsschreibung hat sich aus der Forschung mehr oder weniger unrühmlich verabschiedet, Nabelschau, Schuldstolz und Gesinnungsethik vertragen sich eben schlecht mit objektiver Wissenschaft.Angelsächsische Autoren, zumal solche die qua Biographie keine intimen Bindungen Europa oder eine der damals am Kriege beteiligten Nationen haben, treten in den Vordergrund und zu jenen gehört unbestritten der Australier Christopher Clark an erster Stelle genannt. Nicht nur hat er in zwei vorangegangenen Werken eine Ehrenrettung Preußens unternommen und in der Biographie Wilhelms II. einige liebgewonnene deutsche Geschichtsmythen entlarvt; er hat mit dem vorliegend rezensierten Werk auch den Fokus über die Vorgeschichte des Großen Krieges von Deutschland weg auf die größeren Zusammenhänge verlagert.Serbischer Irredentismus, befeuert durch russische Ambiguität in der Frage der balkanischen Hinterlassenschaften des moribunden Osmanischen Reiches und die permanente Infragestellung der Existenzberechtigung des KuK-Doppelstaates bilden die Plattform, den Sprengsatz, wenn man so will, an den mit tatkräftiger französischer Unterstützung die Lunte gelegt wurde. Die Einkreisung Deutschlands durch Frankreich und Russland war keine "Verschwörungstheorie", sie war real und der Alpdruck der Geographie der auf Deutschland lastete und noch immer lastet bildet den Hintergrund vor dem so manche "abenteuerliche" Entscheidung der deutschen Führung vor 1914 doch immerhin nachvollziehbar erscheint. Auch wenn es in gewissen Kreisen nicht behagt, Deutschland hat dasselbe Existenzrecht wie jede andere Nation auch und selbstverständlich das Recht, nein, sogar die Pflicht, sich in der Sphäre des Politischen selbst zu behaupten. Die Rolle Großbritanniens ist undurchsichtig bis zur Unaufrichtigkeit; man wähnt sich im Abwehrkampf gegen ein aufstrebendes Deutschland, dem man doch kulturell näher steht als jedem anderen Volk in Europa und zugleich will man sich aber auch nicht mit den russischen und französischen Intriganten gemein machen (jedenfalls nicht öffentlich; in Geheimabsprachen aber sehr wohl). Es ist ein Verdienst Christopher Clarks, doch deutlicher als je zuvor herausgearbeitet zu haben, dass die Kriegshetzer und diejenigen die den Krieg billigend in Kauf nehmen wollten, eben nicht nur in Berlin und Wien saßen, sondern eben auch in Paris, St. Petersburg, London und Belgrad zugleich. Die Motivationslagen mögen verschieden gewesen sein, allen war gemeinsam, nur im Krieg, in der Gewaltanwendung eine Lösung der Fragen der Zeit zu erblicken.Die deutsche Rolle wird etwas stiefmütterlich behandelt und stellt letztlich eine Funktion des österreichischen Agierens dar, was so wohl nicht ganz korrekt ist. Die deutsche Feldzugsplanung war auf Vabanque gespielt offensiv nach Westen und Osten und kalkulierte auf rasche Schläge, die eine Entscheidung bringen sollten, bevor der Krieg außer Kontrolle geriet. So verteilte Deutschland nach dem 01.08.1914 und der gerechtfertigten Kriegserklärung an Russland (Russland führte gegen Österreich Krieg) reihum Kriegserklärungen anstatt auf Defensive zu spielen, fiel ohne Ankündigung in Belgien ein ( das sich wider Erwarten wehrte und den Kriegseintritt Großbritanniens provozieren sollte - ein Tiefpunkt britischer Unaufrichtigkeit) und lieferte damit den Kriegsgegnern den moralisch überlegenen Stand der angegriffenen Unschuldigen, die sich gegen preußischen Militarismus und deutsche "Weltmachtpläne" zur Wehr zu setzen hätten. Dass es letztlich Deutschland war, das sich, wenn auch offensiv, wehrte, wen kümmerte das?Es ist das große Verdienst dieses Buches, herausgearbeitet zu haben, was geschieht, wenn Politiker glauben, dass es keine Alternative gäbe außer der einen wahren Alternative und wenn diese Krieg bedeutet, dann bedeutet sie eben Krieg. Die Nonchalance, mit der der Krieg von allen Beteiligten betrieben wurde, die Unfähigkeit zu einem Interessenausgleich zu gelangen, das "Blockdenken" und das Primat militärstrategischer Überlegungen in allen beteiligten Staaten, verschlägt einem den Atem. Man täusche sich nicht, in Zeiten in denen Politiker gerne wieder TINA zitieren (There Is No Alternative), wo es wieder um Einflussphären und Machtbereiche geht, wo nationales Prestige wieder einen Wert an sich darzustellen beginnt, da sind die Schlafwandler nicht weit.
How could the single act of a Serbian nationalist lead to a war between the world powers? Germany, Austria-Hungary, England, France, and Russia lurched into World War I like sleepwalkers, writes Christopger Clark: alert yet blind to the threat of a Great War. Clark highlights the complexity of the balance of powers at the beginning of the 20th century, in which every event had to be interpreted and weighted -- which ultimately led to fatal miscalculations. The war, Clark argues, was not the result of a continuous evolution but the consequence of a series of short-term shocks to the international system. In this respect, the book is perhaps more relevant today than ever.