Charlotte Bronte erzählt in diesem hervorragenden Roman das Leben von Miss Lucy Snowe als Charakterstudie und philosophisch- theologischen Diskurs - und als Liebesgeschichte.Lucy ist eine gut erzogene junge Frau, die als verarmte Waise selbst ihr Geld verdienen muss. Sie wagt sich aus England nach Frankreich und wird dort Lehrerin in einer Mädchenschule in der kleinen Stadt Villette. Dort behauptet sie sich sowohl gegenüber der intriganten Schulleiterin als auch gegenüber den gedankenlosen und boshaften Schülerinnen. Aus dem freudlosen Dasein, dass sie in Depressionen stürzt, wird sie durch ihre Patin gerettet, die sie freundschaftlich unterstützt. Nachdem ihre Liebe zum Sohn ihrer Patin enttäuscht wird, wendet sich Lucy dem deutlich älteren, exzentrischen Monsieur Paul Emanuel zu, der ebenfalls Lehrer ist. Diese Beziehung, die platonisch und teilweise sehr prosaisch ist, steht ebenfalls unter keinem guten Stern, denn das Paar trennen der Glaube, eine eifersüchtige Verwandtschaft und auch das jeweilige Temperament. Wie immer bei Charlotte Bronte steht die Entwicklung der Hauptfigur, die als Ich-Erzählerin auftritt, im Mittelpunkt. Sie ist, auch das typisch für die Autorin, ein bißchen "trocken-brötchen-haft", sehr diszipliniert, protestantisch und prosaisch, aber zum Glück trotzdem mit tiefen Gefühlen, viel Mut und einem starken Willen, selbst bestimmt und zufrieden zu leben, ausgestattet. Sie lässt sich weder durch persönliche Enttäuschungen noch durch die Hindernisse, die missgünstige Mitmenschen ihr in den Weg stellen, unter kriegen, auch wenn sie manchmal vor Kummer und Angst fast vergeht. Vielmehr beharrt sie auf ihrer Selbständigkeit, ihrer Meinung und ihrem Glauben. Lucy Snowe ist eine sehr moderne Heldin, die nicht nur für sich selber sorgt, sondern trotz aller Sehnsucht nach einer Liebesbeziehung nie die Vernunft und den Stolz ausschaltet.Bronte erzählt wie immer psychologisch versiert und spannend. Ihre Heldin ist realistisch und manchmal sehr witzig und die Nebenfiguren sind liebevoll und mit einer großen Tiefe gezeichnet. Damit ist das Buch eine schöne Schilderung der gutbürgerlichen Gesellschaft und der Situation junger, mittelloser Frauen in England und Frankreich am Anfang des 19. Jhd. Daneben ist es ein brillantes Psychogramm einer klugen Frau. Besonders an diesem Roman aber sind die theologischen Ausflüge, die Charlotte Bronte einbaut. Lucy Snowe ist eine überzeugte, aber unaufgeregte Protestantin, während Paul Emanuel ein Jesuitenschüler und tiefgläubiger Katholik ist, der zudem dem intensiven Einfluss eines nicht ganz selbstlosen Beichtvaters ausgesetzt ist. In Lucys Gedanken findet ein umfassender Vergleich der beiden Konfessionen statt, der (nicht sehr überraschend) nicht zugunsten Roms ausgeht. Dabei bleibt Bronte durchaus fair und lässt sich nie auf die Ebene der Religionsbeschimpfung herab. Und sie findet eine Möglichkeit, eine solche Beziehung trotzdem zu ermöglichen. Für die Entstehungszeit des Romans mE eine große Leistung.Vielleicht der beste Roman von Charlotte Bronte, der aber mindestens aus dem Niveau von Jane Eyre steht.
Ein über 750 Seiten dicker Schmöker, und das um eine Handlung auszubreiten, die eigentlich in 2 Seiten grob erzählt wäre... oder nicht?Jemand der nichts übrig hat für seitenlange Charakterstudien, jemand der nichts mit der komplexen Gedanken- und Gemütswelt einer Frau anfangen kann ;-), der hat mit diesem Buch sicher wenig Freude. Aber Ironie beiseite: Ich fühlte mich mehr als einmal überfordert. Abgesehen von den langen Sätzen, fühlte ich mich mehr als einmal geistig nicht in der Lage, die volle Tiefe und Bedeutung einzelner Passagen zu begreifen. Oft habe ich mir jemanden gewünscht, der sich auf diese Art Literatur versteht und der sie mir ein wenig "erklären" könnte.Warum nur 4 Sterne? Einerseits wegen etlicher Schreibfehler, andererseits, weil ich, trotz aller Bewunderung für Charlotte Brontë, manchmal das Gefühlt hatte, sie hätte sich beim Schreiben ein wenig verloren und einiges, darunter auch die Handlung (unglaubliche Zufälle) ein wenig übertrieben. Auch das Ende hat mich sehr enttäuscht und im ersten Moment musste ich den Kopf darüber schütteln, um dann aber irgendwie einzusehen, dass es zum ganzen Rest des Buches passt: Ein von vorne bis hinten melancholisches Buch, wie ich finde. Auf jeden Fall ein großes Stück Literatur.