Keine (Auto)biographie, kein Roman, kein Bericht ... man muss hier schon eher von Dichtung im wahrsten Sinne des Wortes sprechen, einer dicht gedrängten Fülle von Erinnerungsfetzen, Träumen und Bildern, bei denen der Erzähler und sein Gesprächspartner, Austerlitz, mehr und mehr verschmelzen.Manche Bilder tauchen immer wieder auf: allen voran Bahnhöfe. Bahnhöfe spielen für Sebald persönlich und für seine Emigranten zweifellos eine wichtige Rolle, und für Austerlitz eine ganz zentrale. Vor allem die von ?ewiger Düsternis erfüllte? der Liverpool Street Station in London, die Austerlitz als den Eingang zur Unterwelt beschreibt. Hier, im Halbdämmer des Wartesaals sieht er den Priester und seine Frau auf sich zukommen, als eines jener Kinder, die mit einem Kindertransport aus Prag nach England in Sicherheit gebracht wurden, um den KZ zu entgehen. Eine Sicherheit, allerdings, die mit unsäglichen Schmerzen und Opfern verbunden war: nicht nur dem Verlust der eigenen Habseligkeiten, der Kleider, des Rucksacks usw., sondern dem Absterben der Muttersprache, der Erstarrung der Gefühle, aber auch dem Vergessen, der Selbstzensur der Gedanken, und des Verlusts des Namens und damit der eigenen Identität. Andere häufige Bilder haben zu tun mit Dämmerung bzw. der Unmöglichkeit, Dinge deutlich zu sehen: zum ersten Mal im Nocturama in Antwerpen direkt vor der ersten Begegnung des Erzählers mit Austerlitz; dann die schwindende Sehkraft des Erzählers, die zur überraschenden erneuten Begegnung mit Austerlitz im Bahnhof Liverpool Street führt; die Düsterkeit des Wartesaals im Bahnhof Liverpool Street, das Halbunkel im Hause des Predigers, von dem Austerlitz sagt, es hätte in ihm jegliches Selbstwertgefühl ausgelöscht. Immer wieder auch Hinweise auf Sprache und Sprachlosigkeit: Die Sprache, die Austerlitz fehlt, als er vom Prediger und seiner Frau mit nach Wales genommen wird; später, mit Marie in der Kirche in Norfolk, als er die Worte nicht hervorbringt, die er eigentlich sagen sollte.Seltsam und mysteriös muten auch die zahlreichen weiblichen Randfiguren an, die wie Hüterinnen von Geheimnissen fungieren, etwa Penelope im Antiquariat, die Kreuzworträtsel löst und eine Radiosendung hört, in deren Verlauf Austerlitz sich bewusst wird, dass er mit einem Kindertransport nach England gekommen ist; die Büffetdame in Amsterdam, die sich die Fingernägel schneidet und von Austerlitz als die ?Göttin der Zeit? beschrieben wird; die strickende Wirtin; dann die Geranien gießende Frau Ambrosova im Prager Staatsarchiv, die Austerlitz die Adresse des Wohnhauses seiner Familie offenbart, und schließlich die alte Wärterin auf dem jüdischen Friedhof hinter Austerlitz? Wohnung in London. Diese weiblichen Gestalten dienen als eine Art Wegweiser, meist in die Vergangenheit, mit Ausnahme von Marie, die Austerlitz die Möglichkeit menschlicher Nähe aufzuzeigen versucht, aber scheitert.Als Austerlitz schließlich auf den Spuren seiner Vergangenheit nach Prag reist, ist es ihm, als sei er in diesen Gassen schon einmal gegangen; lange betäubt gewesene Sinne erwachen in ihm, und bei der Begegnung mit seinem ehemaligen Kindermädchen findet er seine Muttersprache wieder, ?wie ein Tauber, der durch ein Wunder das Gehör wiedererlangt.?Bezüglich seiner Gefühle widerfährt ihm keine solche Wendung, keine Genesung, obwohl sich ein Hoffnungsschimmer zeigt, als er mit Marie den Kurort Marienbad besucht: ?Tatsächlich bin ich nie zuvor in meinem Leben besser eingeschlafen als in dieser ersten mit Marie gemeinsam verbrachten Nacht.? Doch die Nähe mit einem anderen Menschen bleibt ihm grausam versagt (?In Wirklichkeit ist es dann aber ganz anders gekommen.?) Marie kann den Grund dieser Unnahbarkeit nur ahnen, aber ihm nicht daraus heraus helfen. Denn Austerlitz kann nicht ausbrechen aus seinem Ausgeschlossensein (?Auch hatte ich mich nie einer Klasse, einem Berufsstand oder einem Bekenntnis zugehörig gefühlt.?), kann die Furcht vor menschlicher Nähe nicht ablegen: ?Kaum lernte ich jemanden kennen, dachte ich schon, ich sei ihm zu nahe getreten ...?.Immer wieder auch der Hinweis auf das Unbehagen in Bezug auf Deutschland, das wir vom Autor W.G. Sebald kennen. ?Deutschland ... wohl das unbekannteste aller Länder, unbekannter noch als Afghanistan oder Paraguay ...?. Der Erzähler selbst geht 1975 nach Deutschland zurück, in der Absicht, dort nach neunjähriger Abwesenheit wieder Wurzeln zu schlagen. Doch ist ihm die Heimat so fremd geworden, dass er bereits ein Jahr später wieder auf die ?Insel? zurückgeht (was auch wie eine Flucht anmutet).Was Sebald uns hier vorlegt, ist ein wundersames Gewebe aus Wirklichkeit und Einbildung, Biographie und Autobiographie, eine Montage von Beobachtungen, Assoziationen und Schwarzweißfotos, die an tief Menschliches rührt und Geschichte auf empfindsame Weise aufarbeitet. Es ist ein Buch, das sich wohl kaum beim erstmaligen Lesen in seinem ganzen Reichtum erschließt und das man deshalb immer wieder neu lesen und entdecken kann.