Ich habe Schwierigkeiten wirklich zu erklären was mich stört. Vorneweg der Schreibstil und die Hexen aus dem Dunkelwald waren sehr gut. Die Hexen und ihre Inszenierung war extrem gut. Ich hätte mehrere Kapitel nur bei den Hexen verbringen können, aber:Es war definitiv nicht feministisch. Es endet tatsächlich damit, dass der neue Machthaber ihr sagt, dass sie ihre Rolle gespielt hat und sie sich jetzt zurücklehnen kann (und die Männer wieder spielen lässt). In dem Zuge fiel auch Immanuelles Interaktion mit der Hexerei extrem unzufriedenstellend aus.Aber der Reihe nach.Die Protagonistin Immanuelle ist die Dame, die sich für den Leser den dunklen Mächten stellt. Entwicklung ist jedoch kaum zu sehen. Der Glaube nimmt einen großen Stellenwert für sie ein, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie tatsächlich glaubt. Fromme Phrasen gegenüber anderen Figuren folgten nicht sonderlich frommen Gedanken. Sie waren nicht böse, aber sie vermittelten auch nicht das Maß an Frömmigkeit, das im Klappentext beschrieben wird. Das sogenannte Protocol wurde meist nur benannt, aber nie ausgeführt. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Falschheit des praktizierten Glaubens erfolgt erst kurz am Ende mittels eines empörten Rants. Immanuelle entwickelt sich nicht. Die Schwierigkeiten verursachen kein Umdenken, keine Auseinandersetzung. Ihr Standpunkt ist von Anfang an fest und verändert sich nicht.Grundsätzlich zieht sich das als Problem durch das ganze Buch. Es werden einige schwere Themen angesprochen wie Missbrauch und eine zutiefst misogyne Gesellschaft und Glaubensvorstellung bis hin zum Massaker von Unschuldigen Frauen und Mädchen, aber es wird eben nur angesprochen. Am Ende ein empörter Rant. Davor aber, scheint es nicht zu existieren. Frauen werden eigentlich nicht unterdrückt (außer ab dem Zeitpunkt wo es passt), aber Hexerei ist durchgehend schlecht und böse. Mir fehlte hier sehr stark die solide Basis. Dass frauenverachtende Sicht- und Handlungsweisen im Alltag eingebunden sind als wären sie normal, dass sie auch von den Frauen reproduziert werden als seien sie normal. Und dass später ein Umdenken bei den Figuren stattfindet, ein Hinterfragen. Am Ende gibt es diese Rants von Immanuelle, aber das löst für mich nichts.Und damit komme ich zur Hexerei/Feminismus. Diese beiden Begriffe sind untrennbar miteinander verbunden. Die vier Hexen aus dem Dunkelwald wollen Bethel vernichten und haben sich dafür vier Plagen ausgedacht. Immanuelle gerät in den Wald und trifft zufällig auf sie. Und damit hier eine Spoilerwarnung. Ich werde einige explizite Stellen nennen, die relevant für den Plot des Buches sind. Und eine Triggerwarnung für alle, die sich nicht mit sexueller Gewalt auseinandersetzen möchten oder können. Ich drücke mich weniger weich als das Buch in diesen Dingen aus. (Zum Übersrpingen den nächsten Block überspringen.)Wie bereits gesagt ist Immanuelle in ihrer Meinung bezüglich Hexerei von Anfang an sehr....fest. Das ändert sich auch nicht, aber damit kommen einige Probleme, da sämtliche Ansichten nicht zufriedenstellend aufgelöst werden. Die Plagen, die das arme Städtchen Bethel heimsuchen, werden durch einen Zauber durch Miriam (Immanuelles Mutter) kreiert. Das ist der erste Punkt, da Miriam damit mehr oder weniger der Ursprung des Bösen ist. Obwohl sie sehr nachvollziehbare Gründe für ihre Taten hat. (Der Mann den sie liebt wird bei lebendigem Leibe verbrannt von ebenjenem Typen, der sie in eine arrangierte Ehe zwingen und damit jahrelang vergewaltigen wollte. Sie war 16 zu diesem Zeitpunkt.) Aber für Immanuelle ist Mommy die Böse.Der Fluch wird von Miriam ausgesprochen, braucht aber einen Auslöser. Das Mittel der Wahl ist die erste Periode unserer Heldin. Immanuelle wird ein weiteres Mal in den Wald gelockt und geht "zufällig" zu dem Zeitpunkt in dem magischen Teich baden in dem ihre erste Periode losgeht. Es landet also ein bisschen Blut im Wasser, das "zufällig" eine alte Opferstätte für die Mutter der Dunkelheit ist. (Achja der große Ursprung allen Übels ist eine GöttIN.) Unsere Heldin erkennt diese Verbindung nach einer Weile natürlich auch und macht sich dann fertig dafür. Dass es ihre Schuld war, dass ihre bloße Existenz diesen Fluch über Bethel gebracht hat, dass sie der Fluch IST. Passend dazu, kommt auch raus, dass Miriam ihre Tochter noch im Mutterleib verzaubert hat, sodass sie jetzt eben untrennbar mit dem Fluch verbunden ist. Immanuelles Abstammung von Hexen über die Linie ihres Vaters tut den Rest. Im Endeffekt taugt die Periode also dazu Flüche zu beschwören. Egal, ob du es willst oder nicht. Passt also auf wohin ihr hinblutet Mädels. Jemand könnte es als Opferung verstehen.Der Spaß wurde also ins Rollen gebracht und die vier "bösen" Hexen können spielen gehen. Böse habe ich in Anführungszeichen gesetzt, da auch sie MEHR als nachvollziehbare Gründe für ihr Handeln haben. Unter dem Deckmantel eines heiligen Krieges wurden vor langer Zeit unzählige Frauen und Mädchen (einschließlich Kleinkinder) missbraucht, gefoltert und getötet. Wir reden von wirklich vielen. Die Vier Hexen waren zu der Zeit unter den Opfern. Inwiefern die Hexen zu Lebzeiten wirklich böse gehandelt haben ist unbekannt. Die Leiche der Zirkelanführerin wurde selbst nachdem Tod noch geschändet, in dem man anstelle ihres eigenen Kopfes einen Hirschschädel anbrachte und sie über dem Tor aufhing. Ich lehne mich jetzt Mal aus dem Fenster und behaupte den Hexen ging es nicht wie im Buch (bis zum Schluss behauptet) um Rache, sondern um Gerechtigkeit. Ich meine wirklich, wer würde nach dieser Behandlung nicht die ganze Stadt niederbrennen wollen? Ich hätte sie machen lassen. Wenn ihr bis hierhin gelesen und den Eindruck gewonnen habt, dass ich leicht angepisst bin.....ja. Denn was passiert nicht? Nein, die armen Frauen und Kinder (wir reden wirklich von Hunderten) erfahren keine Gerechtigkeit. NICHT EINMAL WENIGSTENS DARIN, DASS IHR LEID ANERKANNT WIRD. Because Witchcraft is bad. And poor Bethel has to be saved.Immer wieder wird Hexerei als Übel und Böse dargestellt. Die einzige Macht, die Frauen in diesem System haben, um Gerechtigkeit zu erhalten, wird kontinuierlich von der Hauptfigur als Böse dargestellt. Es erfolgt keine Auseinandersetzung mit den Hintergründen der Tat, kein Hinweis darauf, dass Immanuelle die Opfer des Massakers nachvollziehen oder nachfühlen kann.Deswegen ist die fehlende Auseinandersetzung mit der Hexerei gleichzeitig ein Fail in punkto Feminismus. Frauen, denen schreckliches Unrecht angetan wurde, und die nun selbst versuchen es zu berichtigen mit der einzigen Macht, die sie haben, werden bis zum Schluss als Übel dargestellt. Ein Übel, das vernichtet wird. Und am Ende hat die tapfere Immanuelle ihre Rolle gespielt und kann wieder den Männern den Spielplatz überlassen.Also nein. Ich halte es nicht für Feminismus. Eher das Gegenteil, weil eine angeblich überlegende Moral zulasten der Gerechtigkeit bevorzugt wird.Das Buch hätte das Zeug gehabt wirklich gut und finster zu werden. Die Inszenierung der Hexen beweist es. Aber es mangelt an.... ich nenne es jetzt Mal "Reife". Schwere Themen sind vorhanden, aber es fehlt eine wirkliche Auseinandersetzung mit ihnen. Es fehlt der moralische Kampf der Hauptfigur in dem sie hinterfragt, zweifelt und wenigstens kurzzeitig vom Weg abkommt, weil die richtige Antwort nicht so einfach ist. Die Autorin hat den richtigen Riecher, aber noch nicht das Zeug dazu. Die Geschichte ein paar Jahre liegen zu lassen, hätte sicherlich gut getan.