Am besten ist es, dieses Buch direkt im Anschluss an den Roman von Charles Dickens, „Große Erwartungen“ zu lesen. Ich habe es so gemacht und habe die erste Hälfte, die stark auf dieses Buch Bezug nimmt, wie im Fluge geschafft, während einige andere Rezensenten nach eigenen Aussagen mit der ersten Hälfte Schwierigkeiten hatten.Der neuseeländische Autor Lloyd Jones erzählt die Geschichte von Matilda (Ich-Erzählerin), die in der ersten Hälfte 13 bis 15 Jahre alt ist und die sich mit Pip, dem Ich-Erzähler aus den Großen Erwartungen, identifiziert, obwohl sie schwarz und ein Mädchen ist. Als Grund gibt sie an, dass ihr „das Buch, als sie es dringend brauchte, eine andere Welt geöffnet hat“(S.256).Schauplatz des Romans ist eine abtrünnige Provinz von Papua-Neuguinea. Hier herrschte in den Jahren 1991 bis 1993, in denen der Roman spielt, ein blutiger Bürgerkrieg, der hierzulande nahezu unbekannt geblieben ist.Matilda gelingt es schließlich, der Hölle zu entkommen. Sie wird zum Flüchtling und gelangt nach Australien, wo sie weiter zur Schule geht, studiert und später ihre Doktorarbeit über Dickens schreibt.Das Buch ist in Teilen sehr spannend zu lesen und regt besonders über folgende Fragen zum Nachdenken an:Macht und Ohnmacht der LiteraturDer Lehrer liest mit den Schülern den Roman von Dickens und ermöglicht ihnen damit, der grausamen Wirklichkeit auf ihrer Insel zu entfliehen. Der Lehrer, eine wichtige Figur für die Schüler, bleibt letztendlich ohnmächtig und wird auf grausame Weise zu Tode gebracht.Blick des EmigrantenAls Matilda viel später die Schauplätze des Dickens-Romans in England besucht, betrachtet sie diese mit dem Blick der Emigrantin. Sie verfällt ebenso wie Grace, eine weitere Figur aus dem Buch, in eine Depression und macht sich Gedanken, warum.Creative Writing: vermischt die Welt der Insel und des viktorianischen EnglandDer Lehrer lässt (ebenso wie der Autor, Lloyd Jones) die Verwandten der Kinder zu Wort kommen und die mündlich überlieferten Geschichten ihrer Insel erzählen. Dies vermischt sich mit den kreativ weiter entwickelten Geschichten aus den „Großen Erwartungen“. Dass Dickens auf moderne Autoren des „Creative Writings“ einen produktiven Einfluss hat, habe ich schon bei der Lektüre von T.C.Boyles „Wassermusik“ bemerkt.Ein unbekannter, sehr brutaler BürgerkriegDie Insel Bougainville, auf der eine australische Firma eine Kupfermine betrieb und dabei die Umwelt so zerstörte, dass sich eine „Revolutionäre Armee“ bildete und die Mine bekämpfte, war mir bisher unbekannt. Lloyd Jones hat nicht einfach ein Buch über diesen Bürgerkrieg geschrieben, sondern dieses Thema sehr interessant verpackt. Und trotzdem beschönigt er nichts.RassismusDer Lehrer, Mr. Watts, ist der einzige verbliebene Weiße in Matildas Dorf. Die Schüler machen sich Gedanken, wie es wohl ist, weiß zu sein und bekommen darauf eine interessante Antwort. Das ändert nichts daran, dass Mr. Watts für einige zum Sündenbock wird. Seine Hauptwidersacherin verteidigt ihn aber schließlich als „guten Menschen“ und wird dafür umgebracht.Fazit: Der Roman „Mister Pip“ ist eine sehr interessante zeitgenössische Adaption des Dickens-Romans und bietet viel Stoff zum Nachdenken. Ich bewerte ihn mit 4 Sternen.