Kate Tempest gelingt ein einzigartiges Psychogramm der modernen Gesellschaft. Am Beispiel Londons zeigt sie die Irrungen, Wirrungen und Chance des Lebens in einer scheinbar nur schwer zu kontrollierenden Umwelt.Sie nutzt dazu verschiedene Charaktere, die aus ihrem ebenfalls sehr empfehlenswerten Album Everybody Down (2014) bekannt sind. Obwohl die Protagonisten sich in ihren späten 20ern befinden, gelingt es Tempest über geschickte Einbettung der familiären Situationen und Abhängigkeiten, ein generationenübergreifendes Bild zu zeichnen.In exzellenter (englischer) Sprache zieht sie den Leser tiefer und tiefer in die Geschichte. Die erzählerische Finesse, ausgezeichnet gewählte Rückblenden, Entschleunigungen, atmosphärische Dichte und psychologische Tiefe machen The Bricks That Built the Houses zu einem Werk, von dem etablierte Autoren noch etwas lernen können.Mit Kate Tempest hat die oft erbärmlich beschriebene Generation um die 30 eine Stimme bekommen, die mit ihren Gedichten, Songs und diesem Buch ausdrückt, was Worte oft nicht zu sagen wissen.Dieses Buch ist eine klare Empfehlung und für mich persönlich das literarische Highlight 2016.
Ich muss zugeben, dass ich sehr gespalten bin, was dieses Buch angeht. Ich kenne keine anderen Werke von Kate Tempest, musste mich also auf das verlassen, was sie im Buch erzählt.Ich hatte mir die Leseprobe heruntergeladen und fand den Einstieg sehr gut. Prinzipiell hat mir auch der Roman gefallen, allerdings fand ich ihn zwischendurch seeeehr detailliert und dadurch langatmig. Dass man sehr lange nicht weiß, worauf sie eigentlich mit all den einzelnen Berichten hinwill, macht das Lesen mühsam. Die entscheidenden Kapitel (Geburtstagsfeier) sind dann jedoch sehr gelungen!Das Ganze Roman zu nennen, finde ich gewagt. Okay, es gibt eine Handlung, wenn sie auch kaum zu erkennen ist. Die einzelnen Kapitel, Berichte - wie immer man es nennen will - fand ich gut zu lesen und interessant. Deshalb vergebe ich auch 4 Sterne. 3,5 wären mir lieber gewesen. "Kurzgeschichtensammlung, Milieustudien oder ähnliches" wäre für mich die bessere Bezeichnung gewesen.Das Ende bzw. der Nachtrag (1 Jahr später) ist in meinen Augen unnötig und unklar.
Dafür, dass die Protagonistin Becky ihren Lebensunterhalt durch bestimmte sexuelle Dienstleistungen als Masseuse auf Bestellung verdient, um ihre schon recht illusionären Versuche zu finanzieren, mit 29 Jahren noch professionelle Tänzerin zu werden, zeigt die Erzählerin viel Verständnis. Nicht aber dafür, dass Pete, ihr eifersüchtiger Freund, einen in der Tat fragwürdigen Versuch unternimmt herauszufinden, wie weit ihre sexuellen Dienstleistungen gehen. Ebenso hat die Erzählerin keinerlei moralische Probleme damit, dass ihre andere Protagonistin, Harry, als Drogendealerin eine Menge Geld zusammenbringt, um sich schließlich ihr eigenes Lokal leisten zu können. Die Erzählung tendiert eher dahin, die brüchigen Lebensverhältnisse dieser Figuren zu romantisieren bzw. deren persönliche Beziehungen – besonders auch die erotischen – in den Mittelpunkt zu stellen, als die Fragwürdigkeit ihrer Lebensentwürfe auszuloten.Insofern bleiben die wirklichen Abgründe und Probleme dieser Personen weitgehend ausgespart. Stattdessen gibt es die erwartbaren Schilderungen der zerrütteten Verhältnisse, aus denen die Personen kommen, und der Unmöglichkeit, unter solchen Umständen ein erfolgreiches und gesichertes Leben zu führen. Die Personen finden sich trotz mancher Bemühungen irgendwie mit ihren schwierigen Herkunfts- und Lebensbedingungen ab, sie richten sich in ihrem perspektivlosen Leben ein (vgl. z.B. das Ende!). Die Ambitionen gehen kaum darüber hinaus, sich mit Freunden wohlzufühlen, das schnelle Geld zu machen und das Leben zu genießen, soweit das möglich ist.Hier zeigt sich dann auch die starke Seite des Romans: eine sinnliche, oft geradezu lyrisch-sinnliche, vitale Vergegenwärtigung der Atmosphäre in der Kneipen-, Drogen-, Sex- und Drop-Out-Szene Londons. Darüber hinaus schreibt die Erzählerin relativ konventionell und realistisch gut nachvollziehbar. Dabei scheut sie auch vor ziemlich unwahrscheinlichen Zufällen bei der Konstruktion ihres Plots nicht zurück. Sie hat ein gutes Gefühl für Menschen und ihre Beziehungen untereinander und holt weit aus, um das Leben ihrer Protagonisten verständlich zu machen. Aber wie gesagt, es gibt letztlich zu wenig wirkliche, tiefe menschliche Themen, stattdessen eine gewisse Verklärung der Verhältnisse.