Ich habe bisher alle Bücher von David Mitchell geliebt (und ja, ich habe alle gelesen), aber dieses ist einfach ganz besonders "meins": In mitchelluntypisch linearer Erzählweise (okay, natürlich mit Rückblenden), wird die Geschichte einer englischen Rockband in den späten 60ern erzählt. Manche schreiben, dass das zu einfach gestrickt ist; manche schreiben, dass die Cameos zu schwach sind (John Lennon has lost his mind under the table), dass nicht alles genau in die Zeit passt und spätere Ideen in die 60er vorverlegt worden seien - meinen Glückwunsch all denjenigen, die es so genau wissen ;-) Aber am Ende des Tages ist Utopia Avenue einfach ein Musterbeispiel für britische Literatur (sich selbst nicht so unerträglich ernstnehmed wie die deutsche, saftig und zart und mit Mut zur Albernheit) und für Mitchell at his best - und dass der Name des genialen Bandgitarristen "de Zoet" lautet, wird Mitchellerfahrene völlig zurecht erwarten lassen, dass es auch hier wieder Verbindungen zu früheren Mitchell-Romanen gibt. Klare Leseempfehlung für alle, die einfach gerne in intelligent geschriebene Bücher abtauchen und ihren 60er-Jahre-Anarcho-Geist noch nicht auf dem Altar des Neokonservativismus geopfert haben... Ach ja, und mit Rockmusik sollte man schon etwas anfangen können!
⚠ SPOILERFREIES REVIEWWie viele, hat mich Cloud Atlas zu Mitchell gebracht. Jahre vor dem Film. Ich habe danach sofort seine älteren Sachen gelesen. Ich habe jedes weitere Buch sehnsüchtig erwartet. Und ich habe gelernt, dass nicht jeder Roman automatisch mein Geschmack sein muss, nur weil ich Mitchells andere Romane mag. The 1000 Autumns of Jacob de Zoet war so ein Fall. The Bone Clocks hingegen hat mich wieder komplett umgehauen und hier ist nun "Utopia Avenue", ein wilder Ritt durch die Popwelt der ausklingenden 60s, voller Musik, Drogen, Sex und Revolution.Mitchell hat sich für mich als ein Autor etabliert, der so ziemlich jeden Charakter glaubhaft vermitteln kann. Egal ob nun eine rebellische Teenagerin, ein Kriegsreporter im Irak, einen rüpelhaften Rentner oder eben eine Gruppe sehr diverser Typen, die zusammen in den 1960rn eine Psychedelic Folk Band gründen und damit sogar einigermaßen Erfolg haben. Egal ob nun die anfangs schüchterne Folksängerin Elf, der ruppige Drummer Griff, der Lebenskünstler und Bassist Dean, der in sich gekehrte, eigenbrötlerische Gitarrenvirtuose Jasper oder ihr flamboyanter Manager Levin ... jede dieser individuelle Perspektiven wird in diesem Setting ausgiebig ergründet und miteinander verknüpft. Und das halt sehr gekonnt.Es wäre nicht Mitchell, wenn der Aufstieg und die Anekdoten rund im die Band Utopia Avenue schon der ganze Roman wären. Mitchell gibt den Charakteren das Spotlight, all ihren Verstrickungen und persönlichen Konflikten, Hintergründen, ihren Leben. Nichts ist einfach in diesem Roman, genau wie in der Realität. Und wenn das Buch, nach einem zugegebenermaßen sehr ruhigen Einstieg, dann so langsam an Fahrt gewinnt, macht es sich auch bezahlt, sämtliche anderen Mitchell-Bücher gut zu kennen. Denn die üblichen Querverweise, Reminiszenzen und Charakter-Cameos mal außen vor, wird hier gegen Ende auch auf Vorwissen aus seinen vorherigen Werken gesetzt (kein Spoiler, da man bereits bei den Namen der Hauptcharaktere 1 und 1 zusammenzählen kann).Erzählt ist Utopia Avenue fantastisch, auch die Aufteilung des Werkes in Alben und Songtitel mit dem jeweiligen Autoren des Songs als Protagonisten des jeweiligen Kapitels ist sehr clever. Mitchell spielt auch hier sein Gespür für interessante, sympathische Charakterstudien aus, ohne dass diese einseitig oder zu freundlich werden. Auch sein Faible für ausgiebige Recherche wird hier wieder offensichtlich. Die Ära und ihr sozialer wie politische Kontext sind sehr gut portraitiert und erschaffen eine vielschichtige Bühne für die Protagonisten. Hier und da verliert der Autor sich auch ein wenig in Details und ausufernden Referenzorgien, aber im Großen und Ganzen mochte ich diese Reise in die späten 60er, vor allem aber die vier wunderbar ergründeten Bandmitglieder Elf, Griff, Dean und Jasper.FAZIT: großartiger Roman über 4 sehr verschiedene Menschen, die zusammen eine sehr verrückte Phase ihres Lebens in einer der kulturell aufregendsten Zeiten der modernen Geschichte verbracht haben, mit sämtlichen Höhen, Tiefen und Popstar-Gastauftritten, die man sich vorstellen kann. Hier und da zwar etwas zäh, aber absolut lesenswert.