JKR hat mich wieder. Sie ist und bleibt die Meisterin der Feder. Mit stilistisch ganz einfachen Mitteln kann sie ein bezauberndes Märchengeflecht knüpfen. Eine Parabel voll subtiler Sozialkritik. Wunderbar.„The Ickabog“ führt ins kleine Land Cornucopia. Wie dessen Name schon verheißt, leben die meisten Menschen dort im Überfluss. Neben der im Süden gelegenen Hauptstadt Chauxville, die für ihre feinen Bäckereien berühmt ist, gibt es drei weitere Städte der Reichhaltigkeit, die für Käse, Fleisch und Wein stehen. Regiert wird das Reich von König Fred the Fearless, einem gar eitlen und oberflächlichen Blaublut, das die Jagd und Schmeicheleien liebt.Des Königs beste Freunde, das glaubt er zumindest, sind Lord Spittleworth, ein hagerer, gerissener Intrigant; sowie Lord Flapoon, ein dicker Speichellecker. Diese beiden Höflinge sorgen dafür, dass Fred sorglos in den Tag hineinlebt, vor allem aber, dass er keine Frau findet, auf die er mehr als auf sie selbst hören könnte.Bert Beamish und Daisy Dovetail sind sieben Jahre jung. Ihre Eltern arbeiten alle in hohen Positionen für den Palast. Der dickliche Bert wird von anderen Kindern gerne als ‘Butterball‘ verspottet. Die schlanke, ranke, vife Daisy nimmt ihn stets mutig in Schutz gegen die Mobber. Die zwei sind unzertrennlich, bis Daisys Mutter, oberste Hofschneiderin, aus Erschöpfung stirbt, während sie für den König ein Prunkgewand herstellen musste. Als Daisy voller Kummer und Zorn gegen den eitlen Monarchen lautstark das Wort erhebt, attackiert sie Bert vor aller Augen – auch körperlich.Zerbricht die Freundschaft daran dauerhaft? Welche Rolle spielen die mürrischen Marschländer, ganz im Norden Cornucopias, auf deren Land nur gummiartige Pilze wachsen und dürre Schafe trockenes Gras abweiden? Welchen Platz wird Lady Eslanda, die dem nachtragenden Lord Spittleworth einst einen Korb gab, einnehmen? Und…was hat es mit dem Ickabog auf sich, einem Monster aus dem entlegensten Winkel des Marschlandes, von dem alle Eltern Cornucopias ihren Kindern Schauergeschichten erzählen?JKR hatte „The Ickabog“ ihren eigenen Sprößlingen vorgetragen, als diese noch klein waren, doch nicht zu Ende geschrieben. Die Manuskriptseiten wanderten auf den Dachboden, wo sie gut zehn Jahre blieben. Erst als die Covid-19-Pandemie einsetzte, holte sie den Ickabog wieder aus seinem staubigen Eck hervor und stellte die Geschichte kapitelweise kostenlos online, um den Kindern im Lockdown märchenhaft die Zeit zu versüßen.Das Hardcover-Buch selbst ist schön verarbeitet, die beigefügten Zeichnungen stammen allesamt von Kids rund um den Erdball, von Irland über Indien bis Australien.Mit Daisy Dovetail schuf JKR eine starke, selbstbewusste Mädchenfigur, vergleichbar mit Hermione Granger, für die man sofort Sympathie empfindet und Partei ergreift. Der Ickabog weckt in mir Erinnerungen an Lewis Carrolls Jabberwocky. Mal wird er als drachen-, dann als schlangen- oder wolfsähnlich beschrieben. Ich empfange Ahnungen und Vibrationen, dass er missverstanden wird. Mal sehen…Auf meiner Wanderschaft durch diese mit Witz, Ironie und feiner Tiefe verfasste Geschichte bin ich noch am Anfang unterwegs, sozusagen im Flachland, habe bisher keine reißenden Dialogflüsse überquert oder steile Dramaturgieberge genommen. Das Spannendste kommt also noch, aber ich bin jetzt schon in den Bann gezogen und rate freundlich aufgeregt an, mir auf der Wanderschaft durch Cornucopia zu folgen.