In Tel Aviv eine bezahlbare Wohnung zu finden, gleicht inzwischen einem Sechser im Lotto, ein ganzes Haus zu vertretbarem Preis kaufen zu können, einem Wunder. Osnat und Dror entscheiden sich daher für ein nicht ganz so tolles Viertel, die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass der Wohnungsmarkt sehr aktiv ist und auch vormals unattraktive Quartiere plötzlich zu trendigen Hotspots werden können. Schon vor dem Kauf hatten sie sich vergewissert, dass es dort normale Familie gibt, wie ihre mit den beiden Töchtern Hamutal und Hannah, und nicht nur seltsame Figuren wie ihr Nachbar, mit dem die erste Begegnung schon zu Streit führte. Doch auch nach dem Einzug bleibt immer ein seltsames Gefühl: sind sie wirklich sicher dort in der Gegend, war die Entscheidung richtig oder haben sie sich und die Mädchen direkt in die Katastrophe geführt?Noa Yedlin ist in ihrem Heimatland eine erfolgreiche und bekannte Schriftstellerin, deren Romane auch regelmäßig verfilmt werden. In „Leute wie wir“ greift sie ein seit vielen Jahres hochaktuelles Thema der israelischen Hauptstadt auf: die Preise auf dem Immobilienmarkt sind explodiert und drängen gerade Familien immer mehr an den Rand der Stadt. Die Situation zehrt unweigerlich an den Nerven und selbst nachdem die Osnat und Dror ein passendes Haus gefunden haben, sind sie noch lange nicht wieder in ruhigen Gewässern, ganz im Gegenteil, das Drei-Fünf-Viertel mit seinen Bewohnern bringt auch ihre Beziehung an ihre Grenzen.My home is my castle – was aber, wenn der ältere Nachbar von nebenan immer im Garten sitzt und alles Tun kritisch beäugt und kommentiert? Es dauert nicht lange, bis er zum roten Tuch wird und Osnat und Dror in ihm den Hauptverdächtigen bei allerlei seltsamen Vorkommnissen (Kakerlaken, der zerstörte Briefkasten, ein möglicher Einbruch) sehen. Doch er ist nicht der einzige, der bei ihnen gemischte Gefühle hervorruft. Michal und Jorge machten eigentlich einen sympathischen Eindruck, als sie sie bei ihrer Stadtteilerkundung kennenlernten. Doch ihre Ansichten und Vorurteile sind zweifelhaft, vor allen Dingen passt ihr Handeln und das, was sie sagen, so gar nicht zueinander. Auch Shani und Lior sind nicht die Freunde, die sie sich ausgesucht hätten, aber irgendwie werden sie sie nicht mehr los, vor allem, da die Töchter Freundschaft geschlossen haben. Ihre Kampfhunde und die zweifelhafte Einstellung gegenüber Behörden lassen bei Osnat immer wieder alle Alarmglocken läuten.Sie wollen eigentlich mit ihrer kleinen Familie nur in Ruhe auf ausreichend Raum leben, aber nicht unbedingt mit Menschen aus dem falschen Milieu oder da, wo die Schulen nicht den besten Ruf haben. Als sie zum ersten Mal mit Gewalt konfrontiert werden, müssen sie akzeptieren, dass sich nicht alle Wünsche vereinbaren lassen. Aber die Alternative, ein kleines Appartement in einer besseren Gegend, ist auch nur bedingt attraktiv. Sie wollen sich abgrenzen von den Menschen, die in ihrem neuen Viertel leben und doch müssen sie immer wieder erkennen, dass sie eigentlich gar nicht so anders sind. Das, was ihnen an ihrem Nachbar und den beiden befreundeten Paaren missfällt, ist oft genau das, was sie sich selbst auch zuschreiben müssen.Bei allen sozio-politischen Facetten, die angesprochen werden, ist für mich jedoch ganz klar die Beziehung zwischen Osnat und Dror und das, was der Dauerstress mit ihnen macht, der stärkste Aspekt des Romans. Sie raufen sich zusammen, prallen voneinander ab, bewegen sich wieder auf einander zu, kollidieren und finden keine wirkliche gemeinsame Richtung. Sie leben einen Alltag, wie viele, der sie gefangen hält und nur manchmal ein klein wenig eine Tür zu einem anderen Leben aufstößt.Ein außergewöhnlicher Roman, der einerseits humorvoll bis absurd, zugleich aber auch verstörend wirkt.
„Leute wie wir“ sind jene Nachbarn, die wir durch das Fenster im Arbeitszimmer beobachten, die wir verdächtigen, unseren Briefkasten zerstört zu haben, die das Auto unserer Gäste zuparken und sich nicht einmal entschuldigen. Es sind die Freunde, deren bedingungslose Liebe zu Kampfhunden wir nicht verstehen, mit denen wir uns nur abgeben, weil wir etwas von ihnen brauchen - oder weil unsere Kinder in der derselben Sportgruppe sind.Noa Yedlins Roman handelt von uns und unserem Leben in den Vierzigern - zwar spielt er in Tel Aviv, doch eigentlich könnte Osnats und Drors Geschichte in jeder Metropole angesiedelt sein, in der wir darauf spekulieren, dass das Viertel, in dem wir soeben eine Immobilie erworben haben, das nächste große Ding auf der Gentrifizierungsliste wird. Osnat ist eine wie wir. Sie will, dass ihre Kinder auf eine gute Schule gehen und dass ihre Familie sicher ist. Nach und nach stellen wir fest, dass auch Osnats und Drors Weltbild voll ist mit Vorurteilen, mit Distanz und Ablehnung. Besonders der direkte Nachbar Israel ist während des im Roman beschriebenen ersten Jahres der Familie im neuen Haus das Ziel all ihrer ungeprüften und vorurteilsbehafteten Glaubenssätze.Yedlins Protagonisten sind du und ich. Es braucht nicht viel an Erklärung um zu verstehen, dass die Autorin uns hier meisterhaft einen Spiegel vorhält. Sicherlich hat sich jeder von uns schon erwischt, dem Alten von nebenan zu misstrauen. Was unsere Vorurteile jedoch bewirken und wie sie den Lauf einer Geschichte bestimmen können, das wird hier unglaublich gut und authentisch erzählt. Und es gibt sogar so etwas wie eine Erklärung, warum wir uns mit uns selbst und unserem schnellen Urteil von Menschen, die wir kaum kennen, begnügen: „Vielleicht werden die Leute so zu Aasgeiern“, schreibt Yedlin zum Ende ihres Romans, „man kauft alles um sich herum auf […], kauft und kauft, denn immer gibt es einen Zaun und jemanden jenseits davon.“Die Autorin zeigt den Alltag ihrer Protagonisten in vielen auf den ersten Blick profanen Episoden. Auch ihre Dialoge erscheinen zunächst plump und wenig intensiv - erst beim genaueren Hinsehen entdecken wir, wie geschliffen sie sind, und wie traurig es doch eigentlich ist, dass sie so wahrhaftig und ehrlich sind.Yedlins Geschichte von Vorurteilen besteht aus konsequenten Messerstichen in den Rücken - „Leute wie wir“ tut so weh, weil es wir sind, um die es geht.