Die armen Bibliothekarinnen und Bibliothekare, denen die Aufgabe zufällt, dieses Buch alphabetisch korrekt einzureihen. Denn weder auf dem Cover, noch auf dem Buchrücken ist ein Autorenname zu finden. Etwas sibyllinisch heißt es, dass eine Psychoanalytikerin Helene und Wolfgang Beltracchi trifft. Oder „Künstlerpaar trifft Jeannette Fischer“.Besagte Frau Fischer hatte sich während und nach ihrem Studium der Vergleichenden Religionswissenschaften auf die Freud’sche Couch gelegt. Was ihr dadurch bewusst wurde, wissen wir nicht. Aber auf ihrer Webseite teilt sie uns mit, dass diese Erfahrung zu einem Berufswechsel führte. Denn von 1986 bis 2016 arbeitete Jeannette Fischer als Freud’sche Psychoanalytikerin mit eigener Praxis. Zudem beschäftigt sie sich seit den 1990er-Jahren intensiv mit Kunst. Diese Kombination führte nun dazu, Gespräche mit dem Jahrhundertfälscher Wolfgang Beltracchi und seiner Frau Helene zu führen. Aufgrund dieser Gespräche versucht die Psychoanalytikerin zu ergründen, was Wolfgang Beltracchi dazu trieb, neue Bilder von weltbekannten Künstlern zu malen, deren Namen darunterzusetzen und durch seine Frau Helene in den Kunstmarkt einzuschleusen. Allerdings hatte Wolfgang Fischer, wie er vor der Heirat mit Helene Beltracchi hieß, das Geschäft zwanzig Jahre lang alleine betrieben.Das ging jahrelang so gut, dass nun in vielen Sammlungen Fälschungen hängen und die Beltracchis zu einem beträchtlichen Vermögen kamen. Als das Ganze durch einen dummen Fehler aufflog, wurde sie zu vier, er zu sechs Jahren Haft verurteilt. Aus dem Gefängnis entlassen, verkauft er Bilder unter seinem eigenen Namen so erfolgreich, dass er sogar Schulden in Millionenhöhe zurückzahlen konnte.Erlebnisse im Umfeld meiner Familie trugen sicher ebenfalls dazu bei, dass ich die Faszination für Fälscher und Hochstapler gut verstehen kann. Allerdings halte ich es mit der Absolution anders als Jeannette Fischer. Sie findet es zwar richtig, dass Urkundenfälschung bestraft wird, hält den Beltracchis aber zugute, dass die ja „nur“ einen Marktplatz betrogen haben, auf dem Betrügen doch zur Tagesordnung gehört. Zudem habe Beltracchi ja keine bestehenden Bilder gefälscht, sondern „nur“ neue von bekannten Künstlern geschaffen und seinen Namen verheimlicht. Solche Rechtfertigungen werden bei denen nicht gut ankommen, die für eine Fälschung viel Geld ausgegeben hatten und den Wertverlust sicher nicht lustig finden. Aber wegen Klärungen moralischer Fragen muss niemand dieses Buch lesen.Interessant ist es wegen der Thesen von Jeannette Fischer. Denn freudianisch geprägt, sieht sie einen Zusammenhang zwischen Beltracchis Suche nach der eigenen Identität und seinem traumatisierten, vom Krieg gezeichneten Elternhaus. Das könnte banal klingen, ist es aber nicht. Denn wie Wolfgang Beltracchi das Leck im Familienboot zu stopfen versucht, ist ziemlich einzigartig. Verkürzt gesagt: In die Identitäten der Maler schlüpfen, deren Kunst er imitiert und sein Ich durch den Verkauf der Bilder zurückgewinnen.Mein Fazit: Würde Jeannette Fischer bei ihren Analysen auch neue Erkenntnisse über die Rolle des Unbewussten und Vorbewussten berücksichtigen, wäre ich von den Aufzeichnungen ihrer Begegnungen mit den Beltracchis begeistert. Aber weil sie das leider nicht tut, drängt sie den freien Willen in Rollen, die er nicht einnehmen kann. Neurowissenschaftler, die sich mit der Schuldfähigkeit von Narzissten und Psychopathen beschäftigen, würden Jeannette Fischers Argumentationsketten jedenfalls an vielen Stellen problemlos aufreißen können.