„1941 besetzten die Deutschen das Königreich Jugoslawien, in Kroatien übernahm die faschistische Ustascha die Macht. Der Schriftsteller Slavko Goldstein, der im vergangenen Jahr (2017) gestorben ist, erzählt in seinem letzten Buch von diesen Wochen und Monaten, die er selbst als Jugendlicher erlebt hat.Slavko Goldstein war 13 Jahre alt, als sein Vater aus seiner Buchhandlung in dem kroatischen Städtchen Karlovac abgeholt und in ein Lager verschleppt wurde, wo er gemeinsam mit allen anderen Häftlingen umkam.Das Jahr 1941 hat dem Jungen eine unabänderliche Prägung für seinen Lebensweg gegeben. Mehr noch als die folgenden Jahre der Angst, der Gefahr, der Trennung von der Mutter und dem kleinen Bruder, wurde dem Jungen – und auch noch dem jungen Mann – das Andenken an den liberalen, zionistisch empfindenden Vater zum Kompass.In einem Buch aus dem Besitz seines verschleppten Vaters fand der Sohn einen angestrichenen Dichtervers:„Sterben wirst du, wenn du anfängst alleinAn deinen Idealen zu zweifeln.“Aber, schreibt der Sohn in seiner Biografie: „Ich habe inzwischen doppelt so lang gelebt wie mein Vater. So ist mir genug Zeit geblieben, um an meinen eigenen Idealen, aber auch an Kranjčevićs Versen zu zweifeln. Das 20. Jahrhundert hat die größten Hoffnungen der Menschheit hervorgebracht, aber es hat die meisten von ihnen unter sich begraben. Es hat uns gelehrt, dass die Ideale meistens verführbare Chimären sind und dass der Zweifel keine unverzeihliche Schwäche, sondern ein notwendiges Aufbäumen gegen verhängnisvolle Überzeugungen ist.“In Kroatien herrscht Streit über die VergangenheitDer Zweifel wird ihm zum neuen Kompass. 1941, das Jahr, das nicht vergeht, heißt das Buch auf Deutsch; das Jahr, das wiederkehrt, so der Titel des kroatischen Originals.1941 überfiel die deutsche Wehrmacht Jugoslawien, teilte das Land auf und schuf in seiner Mitte den „Unabhängigen Staat Kroatien“, regiert von der Ustascha, einem Terror-Regime, das bei der Stadt Jasenovac ein eigenes Vernichtungslager unterhielt und überall im Land Serben und Juden willkürlich und anlasslos ermorden ließ. Im Westen Europas, auch in Deutschland, scheinen die Jahre von 1933 bis 1945 wirklich und endgültig vergangen zu sein – durch die „Bewältigung“, die intensive Beschäftigung mit Krieg und Holocaust, durch eine fest etablierte Gedenkkultur. In Kroatien dagegen wird wieder mit aller Härte über die Vergangenheit gestritten. Wer an die Opfer der Ustascha erinnert, muss sich vor allem aus Kreisen der katholischen Kirche kommunistischer und antikroatischer, pro-jugoslawischer Sympathien zeihen lassen. Den ermordeten Serben, Juden und Roma werden die zehntausenden gefangenen Soldaten und Kollaborateure der Ustascha entgegengehalten, auch zwangsrekrutierte, die nach Kriegsende von den kommunistischen Partisanen niedergemetzelt wurden.Goldstein, und das ist das Besondere an diesem Buch, stellt sich seinem persönlichen Dilemma, das zugleich das Dilemma seiner Generation und seines Landes ist: der totalitären Entgleisung – viele würden sagen: dem totalitären Charakter – seiner Befreier.Um die Morde der Partisanen, den sogenannten „kroatischen Kreuzweg“, rankt sich heute „ein politisierter Mythos“, schreibt Slavko Goldstein, geschaffen, „um das noch größere Verbrechen von 1941 vergessen zu machen“.Der Autor entkommt der Falle des Aufrechnens mit sachlicher und moralischer Präzision. Er verwebt seine Erzählung mit erforschten Fällen, Morden, „Säuberungen“ mit dem historischen Hintergrund und mit grundsätzlichen Reflexionen. Aber er tut es so, dass man immer weiß, was er selbst erlebt, was er gehört und was er recherchiert hat und welche Gedanken von damals und welche von heute sind.Flucht nach IsraelDenen, die sich nachher für die Verbrechen der eigenen Nation schämten und entschuldigen wollten, hört Goldstein sehr genau zu – Vinko Nikolić zum Beispiel, einem prominenten Emigranten, der in seiner Jugend dem faschistischen Staat diente und der später von Argentinien und dann von Barcelona aus ein unabhängiges Kroatien forderte.„Oft hat er sein‚ sensibles dichterisches Herz betont und wie sehr es mit den eigenen unschuldigen Opfern leidet, ein Mitgefühl, das er für die unschuldigen Opfer der anderen nicht aufbringen konnte. Für ihn war das Lager Jasenovac ‚eine große kroatische Wunde‘, dass es aber für Serben, Juden und Roma eine mindestens ebenso große Wunde war, findet er an dieser Stelle nicht einmal erwähnenswert.“Als nach dem Verschwinden des Vaters auch die Mutter ins Gefängnis kam, war der 13-jährige Slavko über Monate ganz auf sich allein gestellt, bevor er sich in italienisch besetztes Gebiet absetzen konnte, Mutter und Bruder wiederfand und sich als Kurier den Partisanen anschloss. Nach dem Krieg trat er, 17-jährig der KP bei. Als er dann aber im Auftrag der Partei Bauern ihre Ernte abpressen sollte, flüchtete er sich in einen Kibbuz in Israel. Heimweh trieb ihn schon bald zurück nach Zagreb. Der KP trat er nie wieder bei. Dennoch gestand das kommunistische Jugoslawien ihm die Rolle eines maßgeblichen Verlegers und führenden Intellektuellen zu. 1990 setzte Goldstein sich für die Unabhängigkeit Kroatiens ein, widersetzte sich aber dem Serbenhass und dem Geschichtsrevisionismus, die schon damals gefährlich in den Vordergrund drängten.Die gelungene, elegante Übersetzung seiner Biographie ins Deutsche, das er übrigens perfekt beherrschte, hat der Autor nicht mehr erlebt – und seinen Kampf um Aufklärung und historische Gerechtigkeit in Kroatien hat er nicht gewonnen.Am Tage seines Todes postete der katholische Ortspfarrer der Ferieninsel Hvar auf Facebook: „Die Nachricht vom Tode Dr. Slavko Goldsteins hat mich glücklich gemacht. Es freut mich, dass ein Hasser Kroatiens von der Weltbühne verschwunden ist.““Artikel von Norbert Mappes-Niediek
Der Autor wurde als (säkularisierter) Jude im Königreich Jugoslawien geboren und wird bis zur deutschen Besetzung behütet groß, da der humanistisch geprägte Vater eine Buchhandlung in Karlovac besaß. Er hat Umgang mit Serben, Kroaten, Nationalisten und Mitgliedern der kommunistischen Partei. Diese Welt zerbricht durch den Einmarsch der deutschen Truppen, die den im italienischen Exil lebenden Ustascha Mitgliedern die Rückkehr ermöglicht. Im Gegensatz zum Jahr 1933 in Deutschland erfolgt die Machtübernahme wesentlich brutaler, da offenbar ein gesellschaftlicher Konsens vieler Kroaten bestand, die eigene Nation als ethnisch "reine" Nation zu begründen. So kommt es zu Massenmorden an Serben und Juden, auch an Mitgliedern der kommunistischen Partei, die von der Mehrheit der Kroaten so hingenommen wird, wie bei uns die Verfolgung der Juden und Linken. Die Morde waren mit Berlin abgesprochen, wobei die Spaltung der Bevölkerung auch von den deutschen Besatzern und vor allem von den Italienern durchaus kritisch gesehen wurde. Es ist jederzeit zu spüren, wie sehr der Autor den handelnden Personen gerecht werden möchte, denn er schildert deren Motive und auch die Zwänge, unter denen sie standen, durchaus mit viel Verständnis. Die Ereignisse führen Goldstein zu den Partisanen, deren Handlungen keineswegs einseitig positiv geschildert werden. Aber für einen kroatischen Juden gab es wohl kaum eine Alternative, wenn man nicht die Flucht (z.B. über Italien) wählte. Ich bin selbst kurz nach dem Zerfall Jugoslawiens in der Nähe der hier beschriebenen Orte als Urlauber gewesen und habe z.B. an den Plitvitzer Seen (s. die Winnetou Filme) die abgefackelten Häuser und Kirchen der Serben gesehen. Angesichts der Ereignisse Anfang 1941 scheint der Gefühlshaushalt der Kroaten vergleichbar gewesen zu sein. Ich habe das damals auf eine Unterdrückung in Titos Jugoslawien zurückgeführt, aber das Buch von Goldstein zeigt, dass diese Erklärung zu kurz greift. Der Autor kehrt 1945 als "Sieger" in seine Heimat zurück und setzt sich intensiv mit Tätern und Opfern des Jahres 1941 auseinander, was bis zum Zerfall Jugoslawiens ja auch möglich war. Ab 1990 dreht sich wieder die Geschichte und man sieht das Aufleben der alten Konflikte in voller Härte. Slavko Goldstein schreibt ein versöhnliches Buch mit viel Verständnis für die handelnden Personen und es scheint mir kaum vorstellbar, dass er, wenn er den Holocaust als deutscher Jude heute so beschreiben würde, bei uns nicht als moralische Autorität anerkannt würde. Diese Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung mit der Geschichte scheint es in Kroatien noch nicht zu geben. Ich weiß auch nicht, ob es ein solches Buch auf serbischer Seite gibt oder geben könnte.
Wer sich für die Geschichte des Balkans, genauer gesagt für die Geschichte Kroatiens interessiert, sollte dieses Buch lesen. Der Autor hat als Kind die Zeit des zweiten Weltkrieges selbst erlitten und beschreibt detailliert und gut recherchiert den Ungang Tito-Jugoslawiens mit der eigenen Geschichte. Dabei bleibt er auch bei der Beschreibung der Lebenswege der Täter ohne Hass, sondern versucht, deren Entscheidungen zumindest aus deren Biogafien und Lebensumständen nachzuvollziehen, wobei seine Bewertung der begangenen Verbrechen absolut klar bleibt. Das hat mich beeindruckt. Die Auseinandersetzungen auf dem Balkan sind ohne Kenntnis der Konflikte des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen und von außen überhaupt nur schwer zu beurteilen. Von den begangenen Verbrechen abgesehen, deren Abscheulichkeit außer Zweifel steht, verbietet sich eine uninformierte Parteinahme für eine Volksgruppe oder einen der derzeitigen Staaten Ex-Jugislawiens. Das Buch ist eine anstrengende, aber lohnende Lektüre.