Wer geht nicht gerne auf Reisen? Mal schnell ans Meer oder in die Berge? Oder lieber einen Städtetrip? Heutzutage kein Problem. Doch wie sah es im Mittelalter aus, in dieser für uns eher düster anmutenden Zeit? Auch damals ist man schon gerne gereist. Wenn auch nicht aus Vergnügen. Meist waren es im weitesten Sinne Geschäftsreisen, um Handel zu treiben, diplomatische Beziehungen zu knüpfen oder neues Gebiet zu erobern. Auch Pilgerreisen und Kreuzzüge zählen zu den Gründen für eine Reise im Mittelalter.Der Autor nimmt uns in diesem Buch auf viele mittelalterlichen Reisen mit. Es geht von Nürnberg nach Aachen, nach Rom und Jerusalem und sogar nach Indien. Nur um einige Stationen zu nennen. Dabei beschreibt er die Lebenssituationen, die Gepflogenheiten und auch die Beschwernisse und Gefahren, denen Reisende damals ausgesetzt waren. Ganz authentisch und euphorisch schildert er die jeweilige Reise, denn fast alle Routen ist er selbst nachgereist. Das nenne ich mal Forscher- und Entdeckergeist.Das Buch ist für ein Sachbuch wirklich spannend geschrieben. Kein ödes Buch, bei dem man sich durch jede Seite quält. Im Gegenteil. Das Buch ist relativ dick, und doch hätte ich gerne noch mehr gelesen. Das lag vielleicht, neben dem sowieso schon interessanten Thema und den sprachlich gut formulierten Darstellungen, auch daran, dass der Autor zwischendurch immer kleine lustige und auffrischende Wissenshappen untergebracht hat. Zum Beispiel darüber, was zu den guten Manieren in einer Taverne gehörte: Sei nicht übellaunig, fummele nicht an deinem Hosenlatz herum und schnaufe Respektspersonen nicht mit deinem Mundgeruch an. Oder: Hüte dich stets davor, deine ‚hinteren Geschütze abzufeuern‘ (= nicht furzen!).Kurz und knapp: Ein Sachbuch, das richtig Spaß macht!- Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar erhalten. Meine Meinung ist davon unabhängig. -
Reisen, das Entdecken fremder Länder und Kulturen, ist ja schon in der heutigen Zeit spannend und birgt so einige Abenteuer. Wie war das wohl erst im Mittelalter? Ich konnte es mir kaum vorstellen und gerade deswegen wurde mein Interesse geweckt.Der Aufbau des Buches ist bestechend logisch. Wir fangen zuhause bei der Reisevorbereitung an und reisen dann quasi einmal um die Welt. Am Ende des Buches erfahren wir auch ein wenig über die Sichtweise derer, die vom anderen Ende der Welt ihre Reisen starteten.Da ich in der Nähe von Ulm wohne, hat mich das Buch natürlich direkt gefesselt, weil wir sehr früh über Reisen nach Ulm erfahren haben. Wenn man schon in den erwähnten Gasthäusern gespeist hat, hat man natürlich einen besonderen Bezug zum Buch. Doch auch die anderen Städte und Länder haben mich abgeholt. Der Schreibstil ist so locker und flüssig, dass man kaum bemerkt, ein Sachbuch zu lesen. Ich habe es tatsächlich nahezu wie einen Roman runtergelesen. Der Inhalt ist aber bestens recherchiert. Besonders gefallen haben mir immer die Einschübe, meist am Ende der Kapitel, die direkt aus dem Mittelalter stammen. Das übersetzte Gespräch in einem Sprachführer lies mich schallend lachen. In heutigen Sprachlehrbüchern sind die Dialoge oft so sinnbefreit, es würde mich kaum wundern, dort genau diesen Dialog zu finden. Ebenso in Erinnerung geblieben ist mir die 1428 auf See geschriebene Ballade und die Kreaturen Indiens. Lesen Sie sich die Beschreibung des Einhorns durch und stellen Sie sich das auf einem Kinder Shirt vor!Dieses Buch gibt einen wirklich interessanten Einblick in das Reisen im Mittelalter und ich habe wirklich Hochachtung vor all den Reisenden und bedanke mich aber auch für den ein oder anderen Schmunzler.Eine kurzweilige, sehr informative Lektüre für Fans des Mittelalters sowie Freunde des Reisens.
Das dunkle Mittelalter war gar nicht so rückständig und finster, wie es auch heute immer noch dargestellt wird. Die mittelalterliche Welt war über Kontinente hinweg vernetzt, sowohl über den Handel als auch den monastischen Austausch und die Fernrouten zeigten zu gewissen Zeiten fast schon Züge von Massentourismus. Rom und Jerusalem wurden im 15. Jahrhundert von Pilgern regelrecht geflutet, und es entstand parallel eine florierende Reiseliteratur, die an neuzeitliche Lonely Planet Ausgaben erinnert. Anthony Bale hat in seinem Buch Quellen vom 11. bis frühen 16. Jahrhundert für ein Laienpublikum aufgearbeitet und dabei ein überaus detailreiches und schillerndes Bild der Reisekultur gezeichnet. Gefährlich war das Reisen in jedem Fall, alleine schon durch die gesundheitlichen Risiken, aber auch Wegelagerer, Naturkatastrophen und das Klima machten den Reisenden zu schaffen. Auf der anderen Seite gab es schon im 13. Jahrhundert Strecken, die relativ sicher und für die damalige Zeit komfortabel zu bereisen waren (Marco Polo war z. B. NICHT der erste europäische Kaufmann im tatarischen China!). Herrscher aller Zeiten und Religionen haben immer wieder erkannt, dass Handel Wohlstand bringt und Handel nur blüht, wenn die Kaufleute sicher an ihr Ziel kommen.Bale fokussiert zunächst auf den Pilgertourismus in Europa (die im Klappentext unnötig in Initialstellung gebrachten „Pilgerinnen“ sind de facto die beiden einzigen (spät)mittelalterlichen Frauen, die schriftliche Zeugnisse zu ihren Reisen hinterlassen haben, verglichen mit unzähligen Männern). Das ist ein guter Einstieg, denn er beleuchtet eine der Haupttriebfedern für das frühe Reisen: Der Glaube. Im erweiterten Sinn gehören dazu auch die Kreuzzüge, die Bale ebenfalls einbezieht, denn auch hier wurde eine gefahrvolle Reise gegen das Seelenheil „eingetauscht“. Kulturkonflikte bleiben dabei nicht aus, wobei mir aufgefallen ist, dass die angebliche Toleranz des mittelalterlichen Islam, die heute gerne zitiert wird, ein Mythos ist. Gerade der Islam zeigt in dieser Zeit einen extremen Hang zu Gewalttätigkeit und Unterdrückung, angefangen mit der Zerstörung der Jerusalemer Grabeskirche (VOR den Kreuzzügen, wohlgemerkt!), der Umwandlung christlicher Kirchen in Moscheen, der Zerstörung von Pilgerstätten, bis hin zu Zwangskonvertierungen und natürlich zu Schutzgeldern speziell für Ungläubige. Die Liste ist erschreckend lang und zieht sich über den gesamten Untersuchungszeitraum, ohne dass Anthony Bale das dahinter liegende Problem direkt anspricht. Kritik am europäischen Kolonialismus lässt er dagegen nie aus. Selbst eine mythische Heilquelle, die angeblich dunkle Haut weiß bleichen sollte, wird als verkappter kolonialer Rassismus diskutiert. Dieses Messen mit zweierlei Maß ist in akademischen Kreisen leider derzeit Mainstream, auch wenn es wissenschaftlich bewusst in die Irre führt.Trotz der etwas bedenklichen ideologischen Schieflage sind Bales Darstellungen der mittelalterlichen Reiserealität überaus spannend und erstaunlich detailreich, wenn man bedenkt, wie alt die Quellen sind. Man kann als Leser fast schon etappenweise den Spuren bekannter und vor allem vieler unbekannter Reisender folgen, wobei Bale die geografischen Kreise immer weiter zieht: Von Europa zunächst bis zum Nahen Osten, dann weiter über Indien bis nach China. Afrika ist nur im Norden erschlossen, Japan noch gar nicht. Aber ansonsten ist die damalige Welt überraschenderweise von einem dichten Routennetz durchzogen und Informationen über die Reisepraxis wurden in Pilger- und Händlerkreisen schon früh als Ware gehandelt.Ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen und bis auf den offensichtlichen blinden Fleck bei gewissen ideologisch aufgeladenen Themen halte ich es für ein mitreißend und kompetent geschriebenes Sachbuch, das ein helles Licht auf ein gar nicht so dunkles Mittelalter wirft.(Das Buch wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auf meine Rezension wurde kein Einfluss genommen, der Inhalt stellt meine persönliche Meinung dar.)