Zunächst ist einmal eine Klarstellung notwendig: Ich beziehe mich hier auf die Reclam-Ausgabe, ein dickes gelbes Büchlein, übersetzt von Herman Breitenbach. Sie umfasst auf beinahe achthundert Seiten die fünfzehn "Bücher" dieses Werkes, darunter natürlich auch so bekannte Erzählungen wie die von Philemon und Baucis. Die Warnungen, die hier in einigen Rezensionen ausgesprochen werden, es handle sich um eine unvollständige Ausgabe, trifft auf die Reclam-Ausgabe nicht zu. Es wäre schön, Amazon würde unterscheiden, ob sich eine Rezension auf den literarischen Gehalt im allgemeinen bezieht, oder spezifisch auf eine bestimmte Ausgabe. Dann könnte man die spezifischen Rezensionen nur unter der Ausgabe zeigen, auf die sie sich beziehen, und hätte nicht ein solches Durcheinander.Das Büchlein lohnt sich zu lesen, ich empfand es als kurzweilig. Manche Verwandlungsgeschichten sind von Ovid nur summarisch behandelt, andere schildert er sehr ausführlich. In einigen, zum Beispiel Medea, beschreibt er lange die Gedanken, die Argumente hin und her, die Unentschlossenheit der handelnden Person. Besonders interessant fand ich, wie er im fünfzehnten Buch den Philosophen Pythagoras auftreten lässt. Dieser lehrt, dass sich alles wandelt, und dass zum Beispiel die Seele eines Menschen auch in einem Tier wieder geboren werden kann. Solches Gedankengut gibt es also nicht nur im Buddhismus, es gab es auch in der Antike in Europa. Aus der Vorstellung, dass auch Tiere beseelt sind, in manchen Fällen sogar mit einer Menschenseele, leitet "Pythagoras", das heisst eigentlich Ovid, ein eindringliches Plädoyer gegen tierische Nahrung ab.Geschrieben hat Ovid das Werk in Rom, vollendet hat er es ungefähr im Jahre acht n.Chr., also etwa mit 52 Jahren. Er bringt die vielen mythologischen und legendären Erzählungen der Antike in eine chronologische Reihenfolge, als ob er eine fortlaufende Geschichte erzählen würde, von der Erschaffung der Welt bis zu seiner Gegenwart unter Kaiser Augustus.An die Verse muss man sich ein bisschen gewöhnen, doch im ganzen ist der Text gut lesbar. Wie oft bei Reclam, gibt es eine gute Einführung und viele Anmerkungen. Dazu ein Register, das einem ermöglicht, die Namen der Protagonisten aufzufinden. Wer also wissen will, wer zum Beispiel Polycrates war, kann das hier nachlesen, das Ganze ist beinahe eine Art Lexikon der Antike.
Vollständige Ausgabe aller 15 Bücher - aber nur in deutscher Übersetzung (leider habe ich einer Rezension geglaubt, die besagte, daß das dicke Büchlein Texte in Latein und mit deutscher Übersetzung beinhaltet)