Anlässlich des 100.Jahrestages des 1.Weltkrieges sind auch aus „deutscher“ Feder nach relativ langer Durstrecke einige Veröffentlichungen mit primär militär- bzw. operationsgeschichtlicher Schwerpunktsetzung erschienen. In diese Jubiläumsschriften reiht sich auch das vorliegende Werk von Oberst Gerhard P. Groß ein. Groß war von 2014 bis 2019 (?) Leiter des Forschungsbereichs "Militärgeschichte bis 1945" am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw, ehemals Militärgeschichtliches Forschungsamt).Bereits seit 2013 hat sich auch das ZMSBw in verschiedenen Fachtagungen des Themas angenommen und in der 1.Fachtagung als offenbar zentrales handlungsleitendes Motiv der ZMSBw-Arbeit formuliert:„Die Wahrnehmung des Weltkrieges ist bis heute in vielen Nationen von Heldenbildern und Geschichtsmythen geprägt. Im Mittelpunkt der Sektion stand daher die Dekonstruktion solcher Stereotypen, um ein weniger heroischeres Bild des Weltkrieges zu vermitteln.“Groß hat sich in seinem Buch nun dem Mythos „Dolchstoßlegende“ angenommen, zu dem es heißt:„In der sogenannten »Dolchstoßlegende« wurde die militärische Niederlage später auf die politische Unruhe im Land zurückgeführt. Warum es sich dabei um einen Mythos handelt und welche Umstände wirklich zum Scheitern des Kaiserreichs führten, erhellt dieses Buch.“M.E. ist das Thema „Dolchstoßlegende“ seit Langem - um bei den Worten des ZMSBw zu bleiben – hinlänglich „dekonstruiert“ worden und das Buch bringt von daher auch keine neuen Erkenntnisse zum Thema. Das wird jedoch auch vom Autor auch nicht behauptet.Das Buch beschreibt vielmehr die Entwicklungen des letzten Kriegsjahres. Schwerpunkte bilden die sog. „Große Schlacht in Frankreich“ und die „Schlacht bei Amiens“. Dabei wird nicht nur auf die strategische Gesamtlange und die operativen Planungen (inkl. Angriffspläne, Truppenstärken, Angriffsverfahren etc.) eingegangen. Punktuell wird auch die taktische Ebene exemplarisch an Hand des Feldartillerie-Regiments Nr.58 (FAR 58) aufgegriffen. Groß bettet diese m.E. in durchaus gelungener Weise in einen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Kontext, der schließlich erklärt, weshalb ein großer Teil der deutschen Bevölkerung der sog. „Dolchstoßlegende“ folgte. Dies gelingt Groß in dem vorgegebenen engen Rahmen der Publikationsreihe sehr gut. Er verlässt dabei die sachlich erklärende Ebene nur selten und legt einen angenehm lesbaren Schreibstil an den Tag, was längst nicht jedem Schreibenden seiner Zunft gelingt. Das Buch ist angemessen ausgestattet mit Bildern, Übersichten und Kartenmaterial.Dennoch möchte ich ein paar Aspekte kritisch anmerken:Auch wenn es offenbar in der gesamten Publikationsreihe nicht vorgesehen ist, mit wissenschaftlichen Zitierungen zu arbeiten (weshalb?) und somit für eine Nachvollziehbarkeit der Aussagen zu sorgen, wurde dies anders bei den Karten und Übersichten des Buches gehandhabt. Diese kommen regelhaft mit konkreten Quellenbezügen daher.Groß führt zwar weitgehend sachlich aus, weicht jedoch z.B. bei den Friedensverträgen ab. Während er den von Brest-Litowsk (03.03.1918) durchgehend als „Diktatfrieden“ bezeichnet, wird bei dem von Versailles stets von einem „Vertrag“ ausgegangen. Dabei dürfte unstrittig sein, dass in beiden Verträgen die äußerst einseitigen Bedingungen komplett vom Sieger diktiert wurden.Groß thematisiert auch den uneingeschränkten U-Bootkrieg:“ Als im Mai 1915 das deutsche Unterseeboot U 20 das Passagierschiff »Lusitania« versenkte und zahlreiche US-Bürger starben, drohte Washington mit einem Kriegseintritt…“ (S.18). Hier hätte m.E. im Sinne einer sachlichen Darstellung auch zwingend erwähnt werden müssen, dass die Lusitania erwiesenermaßen eben auch in großer Menge Kriegsmunition an Bord hatte.Zu den zahlreichen Versuchen von Friedensverhandlungen schreibt Groß u.a.: „Die Entente hätte, gestärkt durch den Sieg der Mittelmächte an der Ostfront [1917], den Mittelmächten einen Kompromissfrieden auf der Basis des Status quo ante anbieten können, aber das lehnte die OHL kategorisch ab.“ (S.31) Diese Einlassung halte ich für mehr als fraglich. Dieter Storz schreibt hierzu recht treffend in „Kriegsende 1918“ (S.53): „Die Geschichte der deutschen Friedensfühler des Jahres 1917 zeigt, dass die Friedensvorstellungen beider Seiten so weit auseinander lagen, dass eine Annäherung auf dem Verhandlungsweg keine Aussichten auf Erfolg besaß.“ Aber offenbar sieht dies Groß selbst so, indem er bereits im nächsten Absatz schreibt: „Die deutschen Friedenssondierungen wurden allerdings durch einen territorialen Forderungskatalog der Ententemächte beantwortet.“ (S.32) Weshalb er wenig später noch betont, dass ein Verzicht Elsass-Lothringens „…bei der durch Propaganda beeinflussten deutschen Bevölkerung“ (S.32) nicht vermittelbar war, erschließt sich mir nicht. War denn die Bevölkerung anderer Kriegsteilnehmer nicht auch in erheblichem Umfang durch Propaganda beeinflusst, gerade was das dominante Kriegsziel Frankreichs einer Eroberung Elsass-Lothringens angeht?Groß schreibt auf Seite 53: „Am 21.März 1918 kamen daher nur vier A7V, neun andere Panzer aus deutscher Produktion und fünf britische Beutetanks zum Einsatz.“ Gerade hier hätte mich die Quelle interessiert, denn der A7V war bekanntermaßen die einzige deutsche „Serienproduktion“ mit gerade einmal 20 Exemplaren. Zu anderen Panzern aus deutscher Produktion kann ich keine Hinweise in der einschlägigen Literatur finden. Bei Cron (Geschichte des Deutschen Heeres …, S.223) heißt es u.a.: „So konnten denn bis zum Beginn der großen Offensive 1918 fünf „Sturm-Panzerkraftwagen-Abteilungen“ ins Feld gestellt werden, die teils aus A.7.V.-Wagen, teils aus erbeuteten englischen Tanks bestanden.“Auf Seite 78 ist zu lesen: „Seit Angriffsbeginn [21.03.1918] bis Juli 1918 hatten die Deutschen durch Tod, Verwundung, Gefangennahme und Krankheit ca. 1 Million Mann – davon allein 425 000 Gefallene – verloren.“ Auch ohne näheres Detailwissen fällt auf, dass die Zahl der Gefallenen absolut erheblich zu hoch gegriffen ist und auch in keinem plausiblen Verhältnis zu den 1 Million Abgängen insgesamt steht. Merkwürdigerweise besteht hierbei auch eine Inkonsistenz innerhalb des Buches. Denn auf Seite 119 kommt Groß nochmals auf das Thema zurück und führt unter Bezug auf Band 14 des Reichsarchivwerkes (korrekt müsste es dort jedoch Beilage 42 statt 36b heißen) eine monatliche Verlustübersicht an, die für das gesamte deutsche Westheer (nicht nur die am Angriff beteiligten Armeen) vom 01.03.-31.07.1918 zu rd. 139.000 Gefallenen und 126.000 Vermissten kommt. Bei den Vermissten ist anzumerken, dass diese neben unauffindbar Gefallenen insbesondere auch die Gefangenen umfassen.Wie bereits erwähnt, greift Groß wiederholt exemplarisch auf die Regimentsgeschichte des FAR 58 zurück, das Bestandteil der 13.Infanterie-Division war, jedoch von Groß stets ungenau mit 13.Division angegeben wird (es gab schließlich insb. noch Reserve- und Landwehr-Divisionen). Auch das Gliederungsschema der Division auf Seite 101 muss ich bemängeln. Die Bezeichnungen der Einheiten sind tlw. nicht vorhanden oder ungenau und das FAR 58 als elementarer Bestandteil ist nicht einmal aufgeführt.Wie bei anderen ZMSBw-/MGFA-Veröffentlichungen kommt auch dieses Buch mit einem mehrfarbigen Kartenmaterial daher, was meist einen sehr guten Überblick zu den beschriebenen Kriegsverläufen bietet. Mich irritiert dabei lediglich die Karte auf Seite 86 („Angriffspläne der Entente 24.Juli 1918“), die keine Armee-Eintragungen enthält, obwohl dies gerade die Ebene ist, an der sich Groß im Textteil entlang bewegt. Auch wenn dies bei der Original-Vorlage aus Band 14 des Reichsarchivwerkes ebenfalls so ist, hätte man dies m.E. problemlos ergänzen können.In diesem Zusammenhang ein kurzer Exkurs: Der 1944 nahezu fertiggestellte Band 14 des Reichsarchivwerks wurde 1956 vom Bundesarchiv in einer Kleinauflage von 500 Stück (Die ersten Bände erschienen mit jeweils knapp 30.000 Exemplaren) mit schwarz-weißem Kartenmaterial herausgegeben. Ein Nachdruck ist nach meinen Erkundigungen weder seitens Verlages noch Bundesarchivs beabsichtigt (faktisch ausgeschlossen) und die farbigen Kartenvorlagen sind dort ohnehin nicht mehr auffindbar. Vor diesem Hintergrund ist das Bemühen des ZMSBw um eine „Übersetzung“ eines Teiles dieses sw-Kartenmaterials in einen modernen Mehrfarbendruck besonders zu begrüßen.Auch wenn meine kritischen Anmerkungen einen größeren Raum einnehmen, halte ich das Buch von Groß für eine recht gelungene Überblicksdarstellung und gebe dafür 4 Sterne.