In Faust zeigt die deutsche Dichtung, was sie kann. Das Werk ist sehr formenreich gestaltet und benutzt eine einzigartige Sprache blendender Schönheit. Es handelt sich um keine trockene Schullektüre. Vielmehr steckt das Buch voller Leben und Leidenschaften.Es ist jedoch schade, dass das Buch in einem so einfachen Cover von Reclam daherkommt. Schließlich darf man nicht vergessen, dass Goethe über 60 Jahre an seinem Faust geschrieben hat und es quasi ein Lebenswerk von ihm ist. Da hat Faust meiner Meinung nach ein viel besseres Cover verdient. Gerade bei dieser Ausgabe gilt: Don’t judge a book by its cover! – Beurteile ein Buch nie nach seinem Umschlag!Der lebens- und wissensdurstige Faust ist kein individueller Charakter, sondern repräsentiert einen Typus, der das Streben und Irren des Menschen an sich widerspiegelt. Es ist das rastlose Streben nach Wissen und die nie gesättigte Begierde eines mit seinem Leben unzufriedenen Menschen, der sich dem Teufel verschreibt und das Leben eines unschuldigen Mädchens zerstört, um sein Verlangen nach Erkenntnis und Lust zu stillen. Die Lehre ist unverkennbar: Man soll genügsam leben, anstatt nach immer mehr zu streben.★ Zueignung ★Ich sehe im lyrischen Ich Goethe, der quasi in einem Vorwort zu uns Leser spricht. Das lyrische Ich schwankt, ob es versucht, uns „festzuhalten“, also ob es uns dazu animieren kann, das Buch zu Ende zu lesen. Es fragt sich selbst, ob es noch an diesem Vorhaben, den es als Wahnsinn deklariert, festhält. Das Publikum (wir Leser) scharrt sich um das lyrische Ich und es fühlt sich von der Atmosphäre der Masse überwältigt.Wir schwelgen in frohen Erinnerungen, teilweise wehmütig. Wie in einem Märchen erinnern wir uns an die erste Liebe und die Freundschaft. Die Erinnerungen daran schmerzen jedes Mal aufs Neue. Wir beschweren uns erneut über den Lauf des Lebens, dessen Weg einem Labyrinth gleicht. Wie es in einem Labyrinth so üblich ist, wird viel ausprobiert und neue Pfade gegangen, wovon einige uns weiter an das Ziel bringen und andere in eine Sackgasse. So ist es auch im Leben, manches bringt uns weiter, manches nicht (Irrung). Man soll sich auf die guten, glücklichen Momente im Leben fokussieren (bzw. nennen), die vergangen sind.Das Publikum ist nach dem vorherigen Absatz bereits gegangen und der Sprecher steht alleine da. Die vorbeigehenden Leute (unbekannte Menge) applaudieren. Das lyrische Ich ist darüber besorgt. Vermutlich weil es die Menschen wachrütteln und nicht erheitern will, was ein Hinweis auf die sehr ernsten Scherze von Goethe ist. Diejenigen, die sich daran erfreuen, haben den Sinn des Lebens nicht begriffen, sondern irren zerstreut durchs Leben.Obwohl das lyrische Ich die Sehnsucht längst abgelegt hatte, sehnt sie sich nach Langem nach stille, ernste Gedankengänge. Das lyrische Ich achtet nicht mehr auf die Tonlage, da es innerlich zu aufgewühlt ist, wodurch es erschauert und sogar weint. Die Hartnäckigkeit (Strenge) weicht, es scheint aufzugeben, sein Wissen weitergeben zu wollen. Der Besitz (also das Wissen über das Leben) erscheint dem lyrischen Ich nunmehr unwichtig (wie im Weiten), stattdessen bleibt ihm die Ignoranz der Leute, die weggehen und ihm nicht bis zum Ende zuhören.★ Vorspiel auf dem Theater ★Der Direktor will der Menge, die viel gelesen und somit gebildet sind, eine Show bieten, um einen Verkaufsschlager zu erzielen. Es soll aber nicht nur neuartig sein, sondern auch Kontext mit Bedeutung sein. Dem Dichter geht es nicht um die Entzückung der Menschenmenge. Vielmehr will er dieser entkommen und sich dem künstlerischen Anspruch hingeben. Er erwägt, dass der Inhalt zuerst falsch aufgenommen werden könne und im nächsten Monat richtig erfasst werde. Den vollen Gehalt erfasse man aber oft erst nach Jahren und sei für die Nachwelt. Die „lustige Person“ meint, dass die Menschen im Hier und Jetzt bespaßt werden sollten. Ihr geht es also um die innere Struktur, der Unterhaltung. Wer gut kommunizieren könne, der verärgere nicht die Laune des Volkes. Auch die Präsenz eines braven Jungen könne durch Fantasie, Vernunft, Verstand, Empfindung und Leidenschaft eine spannende Geschichte werden. Der Direktor möchte viele Handlungsstränge in dem Stück abarbeiten, um die breite Masse für sich zu gewinnen, damit jeder sich etwas davon herauspicken kann, denn das tun die Leute eh, auch wenn man ihnen nur ein Thema vorlegt. Daraufhin erwidert der Dichter, dass viele Themen nicht angemessen für einen Künstler seien, sondern Pfuscherei. Der Direktor verweist auf die unterschiedliche breite Masse und dass dort viele Themen angebrachter seien. Aber der Dichter beruft sich auf die Einheit und belegt diese mit Naturbeispielen. Die „lustige Person“ unterbreitet den Vorschlag, etwas aus dem Menschenleben zu nehmen und es mit Geheimnissen, Irrtümern und etwas Wahrheit zu verpacken. Es würde vor allem junge Menschen erfreuen, da ältere immer etwas zum Nörgeln fänden. Der Dichter möchte selbst wieder jung sein, als die Welt noch voller Wunder schien, er die Sehnsucht nach der Wahrheit verspürte und seine Emotionen tief in sich spürte. Dies ist eine Anspielung auf Fausts Charakter. Die „lustige Person“ beschwichtigt, dass alte Herren genauso verehrt würden, deren Pflicht es sei, in bekannte Handlungsstränge mit einem Ziel einzugreifen. Der Direktor beendet sodann den Dialog, indem er klarstellt, dass alle angesprochenen Elemente in der Theaterinszenierung umgesetzt werden müssten. All dies versucht Goethe mit seinem Werk Faust abzudecken.~ Fazit ~Insgesamt ist es ein schönes Doppelband, welches sein Geld allemal wert ist. Faust hat so viel zu bieten. Ich würde aber empfehlen, sich zusätzlich noch den Lektüreschlüssel XL (ebenfalls von Reclam) zu holen, um ggf. noch einmal einen ganz neuen Blick auf das Geschehen zu bekommen.Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, um meine Rezension zu lesen. Ich hoffe, dass meine Rezension für Sie nützlich gewesen ist und Sie einen kleinen Eindruck von dem Buch Faust Teil 1 und Teil 2 von Johann Wolfgang von Goethe erhalten konnten.