Martin Buber hat diesen geistesgeschichtlich zentralen Text verfasst in einer Zeit, die spirituell gleichsam ausgetrocknet und verdorrt war. "Ich und Du" ist ein Zeitgenosse der faschistischen Unmenschlichkeit und der bolschewistischen Menschenverachtung. Mittendrin leuchtet es mit dem Licht des menschlichen Herzens, ein Licht tradiert in allen großen Religionen aber hier mit der besonderen Färbung des jüdischen Glaubens. Die besondere Emphase des jüdischen Gottesbildes liegt in der Andersartigkeit Gottes. Andere Glaubensrichtungen und spirituellen Systeme mögen die Einheit mit Gott, die Unio Mystica lehren. Das Judentum beharrt auf der letztlich unüberbrückbaren Kluft zwischen dem gläubigen "Ich" und dem angebeteten "Du" Gottes. Buber schreibt aus dieser Tradition heraus, will uns aber etwas universelles, für alle Menschen wichtiges mitteilen. Zwar leugnet er nicht die Möglichkeit der inneren "Einung", der Erfahrung gewissermaßen, dass alle inneren Fakultäten und Impulse, die sonst durcheinander zu schießen scheinen, auf einen Faden aufgereiht, in eine Linie gebracht werden können, so dass dann das Innere wie "aus einem Guss" erscheint. Buber lehnt aber die Flucht aus dem Menschsein in die - in einem solchen Missverständnis bloß angemaßte - Einheit mit Gott ab. Für ihn ist das lebendige Gegenüber von "Ich und Du" kein Unfall, es ist vom Schöpfer von Anfang an gewollt, und Erleuchtung kann nur in der Ausrichtung auf diesen Willen des Schöpfers bestehen.Gleichzeitig weist uns die kosmische Konstante, so könnte man sie nennen, von "Ich und Du" auf die grundlegende Art hin, wie wir mit der Mitschöpfung, also auch unseren Mitmenschen umgehen können. Da wäre einmal ein "Ich und Es", eine Behandlung der Welt als Mittel zum Zweck, die Verdinglichung und Versachlichung alles Lebendigen und eben letztlich auch des anderen Menschen. Eine Haltung die letztlich unserem Egoismus und Egotismus dient und am Ende auf ein, aller menschlicher Bezüge entleertes und dadurch hohles, totes, jedenfalls unlebendiges Dahintreiben der fälschlich absolut gesetzten Ich-Hülle hinausläuft. Eine Entkernung des essenziell Menschlichen, die letztlich auch die Unmenschlichkeit des Nazismus und anderer Totalitarismen ermöglicht.Auf der anderen Seite steht die Annahme des Ich-Du-Verhältnisses, eine Haltung die ihren Ursprung hat in einem demütigen Sich-Einlassen auf den Schöpferwillen im oben ausgeführten Sinne, das Akzeptieren eines beständigen Dialogs mit der Mitwelt und die Schaffung eines lebendigen Netzwerkes der Kommunikation und Verbindung, in der Individualität und Individuation nur gelingen kann im Dienst an eben dieser Individuation aller Menschen. In anderen Worten, die Grundhaltung des "Ich und Du" ermöglicht ein Wachstum über das Ich hinaus, in der Anerkenntnis des Gegenübers als zu achtendem Geschöpf und Teilhaber an der Heiligkeit der Schöpfung.Buber schreibt in einer Zeit einen spirituellen Text, in der bis auf eine ungesunde Neigung zum Okkultismus vom tiefen spirituellen Wissen der Menschheit kaum noch etwas bekannt ist, zumindest in der westlichen Welt. Er muss sich dem Thema von der philosophischen Seite nähern, um überhaupt verstanden und ernst genommen zu werden. Dadurch wirkt seine Schreibe manchmal etwas verschroben oder dunkel. Spätere Texte wie zum Bespiel "Haben oder Sein" von Erich Fromm sprechen in einer klareren Sprache von den beiden möglichen Modi des Weltbezuges. Aber da hat bereits das Zeitalter der allgemeinen Psychologisierung begonnen und es stehen andere Termini zur Verfügung. Bubers Text bleibt aber immer noch eine Erleuchtung.
Martin Bubers Werk lässt sicht zunächst eher intuitiv als logisch verstehen.Bei genauerem Hinterfragen lassen sich seine Thesen unmittelbar auf das eigene Leben und die heutige Zeit betrachten.Der Aspekt des Zwischenmenschlichen, wie wir zu anderen und zu der Welt in Beziehung treten wird heute meine Meinung nach oft außer Acht gelassen, weil viele Menschen so Ich-Zentriert sind. Es macht Spaß, sich damit auseinander zu setzen!Die Ausgabe lässt sich gut lesen und bietet Platz für Anmerkungen.Fazit: Gut, günstig und unbedingt lesenswert!