Was, wenn ein Lehrer beim Korrigieren der Klassenarbeiten plötzlich mit Menschenverachtung und Rassismus konfrontiert wird? Wenn er sich einer Klasse gegenübersieht, die von deraufziehenden Verachtungsideologie der Nazis infiziert ist, einer Generation, die am Verrohen ist?In Ödön von Horváths Roman von 1937 beobachtet der Ich-Erzähler, ein 34-jähriger Lehrer, genau das, nämlich eine Jugend ohne Gott, "Divisionen der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten", eine Gesellschaft ohne Wahrheit, Anstand und Moral.Und obgleich es den Lehrer beim Lesen des Schüleraufsatzes durchzuckt ("Sinnlose Verallgemeinerung!“), bewertet er den Satz ("Neger sind hinterlistig, feig und faul.") zwar nicht negativ ("Ich lasse den Satz also stehen, denn was einer im Radio redet, darf kein Lehrer im Schulheft streichen."), spricht den Schüler im Unterricht aber darauf an, worauf sich die Klasse gegen ihn wendet.Der Lehrer hadert und ringt mit sich, indem er sich in einer von Verrohung und Vermassung bedrohten Gesellschaft als aufrichtiges Individuum zu behaupten versucht. Er verhält sich aus Angst um seine Stellung, seine Pension, sein Leben jedoch nahezu passiv. ("Wenns auch weh tut, was vermag der einzelne gegen alle?")Geschickt bindet Horváth seine Sozial- und Zeitkritik im Weiteren in den Rahmen eines Kriminalstücks ein.Zusammen mit seiner Schulklasse fährt der Lehrer in ein vormilitärisches Zeltlager. Dort spitzt sich die Situation dramatisch zu. Ein Schüler wird erschlagen im Wald gefunden. Schnell wird ein mutmaßlicher Mörder gefasst. Der Lehrer aber weiß mehr und beginnt nach dem wahren Täter zu forschen. Schließlich muss er seinen Mut unter Beweis stellen und kann nicht länger schweigen…Wir wissen heute, welche Auswirkungen der Nationalsozialismus hatte. Von alldem konnte Horváth als er "Jugend ohne Gott" schrieb jedoch kaum etwas erahnen und hat sich mit seinem visionären (und zeitlosen) Jugendroman dennoch 1937 schon in aller Deutlichkeit gegen Militarismus, Befehlskultur und eine Gesellschaft, die ihre Menschlichkeit verloren hat, gewandt. Bereits im Frühjahr 1938 wurde der Roman auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt.Kurze Zeit später kam Horváth durch einen während eines Gewitters herabstürzenden Ast ums Leben."Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur der Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt."
KURZREZENSIONINHALT:Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten:Ein 34-jähriger Geschichtslehrer unterrichtet eine Klasse mit 14-jährigen Jungen am städtischen Gymnasium. Als einer seiner Schüler in einem Aufsatz rassistische Äußerungen von sich gibt, positioniert er sich - für ihn sind alle Menschen gleich. Dies bleibt jedoch nicht ohne Folgen und er muss zum Direktor, schließlich müssen die Schüler zu dieser Zeit moralisch zum Krieg erzogen werden. Die Schüler fangen daraufhin an, sich gegen den Lehrer aufzulehnen.Als der Lehrer kurze Zeit später die Klasse zu einem Camp für militärische Übungen in den Wald begleiten muss, gerät alles außer Kontrolle und jemand stirbt...MEINUNG:Der Autor schrieb das Buch 1937, setzt sich darin kritisch mit der NS-Zeit auseinander, weshalb die Lektüre 1938 durch die Nationalsozialisten verboten wurde.Das Buch zeigt u.a. auf, wie leicht sich die Jugendlichen von einem System beeinflussen lassen. Konflikte entstehen, ein Mörder wird gesucht und der junge Lehrer befindet sich mitten im Chaos, weshalb er schon lange nicht mehr an Gott glauben kann.Mit Klassikern habe ich mich bisher immer eher schwer getan. Zu viele langweilige Lektüren und schlechte Erinnerungen, die ich mit meiner früheren Schulzeit verbinde.Doch “Jugend ohne Gott“ ließ sich dafür für mich ganz gut lesen. Die Handlung bleibt interessant, die Thematik ist weiterhin aktuell, die Sprache ist recht gut zu verstehen, und das Buch ist nicht all zu lange.Daher kann ich es auch Leuten empfehlen, die (wie ich) noch nicht so viele Klassiker (freiwillig) gelesen haben und dies ändern wollen!Von mir gibt es daher eine Leseempfehlung und 4/5 Sterne!