Ernst Toller, in Samotschin bei Bromberg geboren, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Getreidehändlers, hat diesen Lebensabriss und flammenden Appell an das Gute im Menschen 1933 im Exil im niederländischen Querido-Verlag veröffentlicht. Es legt Zeugnis ab nicht nur von seinem außergewöhnlichen Mut, seinem rhetorischen und dramatischen Talent und dem unbedingten Willen, etwas zu bewegen in diesem autoritär-chauvinistischen, verknöcherten Deutschland nach dem ersten Weltkrieg, sondern eben von dieser schrecklichen Zeit des Umbruchs. Es gab eine noch kaum korrumpierte, idealistische Leidenschaft der Intellektuellen für eine gesellschaftliche Revolution, die sich ganz in marxistischer Tradition nicht mehr mit dem Klein-Klein der „Weltverbesserer, Wohltätigkeitsstifter und philanthropischen Winkelreformer“ zufrieden geben wollte, sondern Umsturz, Revolution, eben Nägel mit Köpfen wollte. Die rollten dann oder wurden zum Schweigen gebracht, durch einen unglaublichen Hass und einen oft im Stile der Selbstjustiz exerzierten Schlussstrich der „Weißen“ unter diesen phantastischen und improvisierten Versuch, aus einem Jahrhunderte lang autoritär und staatsvergottend erzogenen und eingeübten Deutschland eine Räterepublik zu machen und auf die überzeugende Rede zu setzen. Fast alle ihre Repräsentanten, Eisner, Landauer, Mühsam, Leviné haben es mit dem Leben bezahlen müssen. Toller hatte Glück und kam mit dem Leben und fünf Jahren Festungshaft davon. Dabei mag mitgespielt haben, dass sich namhafte Persönlichkeiten wie Thomas Mann und Max Weber, auch Romain Rolland für ihn verwandt haben. Von diesem „Glück“ erzählt Toller gegen Ende seines kleinen Buches. Was es hieß, in Niederschönenfeld inhaftiert zu sein als linker Politischer und nicht zu residieren wie Hitler in seiner sogenannten Festungshaft in Landsberg. Toller war ein Feuerkopf, fast eine Art Danton. Getrieben von zyklischen Stimmungschwankungen, die später mehr und mehr depressiven Charakter annahmen, liebte er, wie man in Weidermanns „Ostende“ oder „Träumer“ nachlesen kann, durchaus die Selbstinzenierung, den Luxus und die große Geste. Das ändert aber nichts daran, dass er mit unbestechlichem Blick und einem links schlagenden Herzen die militaristisch-revanschistische Grundierung, die selektive Blindheit der Justiz und die betrogenen einfachen Leute thematisierte. Schlimme Zeiten und ein labiler, sich moralistisch ständig überfordernder Charakter haben hier zusammengewirkt und in die persönliche Katastrophe, den Suicid 1939 in New York, geführt. Insgesamt ein bewegendes Zeugnis „einer Jugend in Deutschland“. Fluch und Abscheu über die reaktionären Kräfte und die phantasielose Brutalität der Macht und gleichzeitig eine leidenschaftliche Liebeserklärung an Kreativität und Leben.