Aufgrund meines großen Interesses für die Antike sowie für die griechische Mythologie, besitze ich ein ebenso großes Interesse daran, die Werke alter Meister zu lesen, welche sich mit solchen Thematiken beschäftigen. Heinrich von Kleist ist mit seinem Werk „Penthesilea“ einer von diesen.Ich wusste zwar, dass Penthesilea in modernen Ausführungen noch in zahlreichen Theatern aufgeführt wird, doch kannte ich das Werk noch nicht, schon gar nicht das Original. Mich hat daher zuallererst gefreut, dass das insgesamt 124 Seiten starke Buch die originale deutsche Sprache verwendet und nichts verschlimmbessert hat. Trotzdem ist das Werk leicht zu verstehen und auch relativ rasch durchgelesen, wenngleich ich persönlich empfehle, Penthesilea ruhig mehrmals zu lesen, um mehr und bessere Eindrücke zu gewinnen. Zumindest bei mir war dies der Fall.Interessant fand ich, dass von Kleist das Thema um Penthesilea und Achilles anders angeht, als das griechische Original, welches ich in der uns durch Gustav Schwab überbrachten Version kenne. So kämpfen Achilles und Penthesilea nicht direkt gegeneinander, sondern verlieben sich beim Auftreffen ineinander, nur um sich am Ende so sehr zu hassen, dass Penthesilea Achilles tötet, danach jedoch von einem sehr schlechten Gewissen geplagt wird, also das genaue Gegenteil des griechischen Originals, was ich sehr gut und erfrischend fand. Jedoch bringt sich Penthesilea, als sie bemerkte, was sie getan hatte, sogar selbst um. Doch es ist gerade dieser Grund, zusammen mit einigen anderen Gründen, wo ich mich, trotz mehrmaligen Durchlesens, frage, was von Kleist eigentlich ausdrücken wollte, denn mit den Amazonen haben manche ihrer hiesigen Verhaltensweisen, meiner ganz persönlichen Meinung und Ansicht nach, nur sehr wenig zu tun. Und ich will auch erklären, warum ich so denke und daher nicht fünf, sondern nur vier Sterne für dieses, trotzdem immer noch sehr gute und historisch wertvolle, Werk vergeben kann:Davon abgesehen, dass ich mir persönlich nicht vorstellen kann, dass sich die Amazonen, als ein nur aus Frauen bestehendes Volk, überhaupt in Männer verlieben können, so hatte mich doch die Geschwindigkeit überrascht, mit welcher sich Penthesilea und auch Achilles hier ineinander verliebten. Eine kurze Begegnung scheint bei Heinrich von Kleist wohl schon ausreichend zu sein. Doch auch der Grund für ihren, am Ende so plötzlich aufflammenden, Hass zueinander ist für mich ein fast schon lapidarer: Achilles will Penthesilea zu sich nach Griechenland holen, Penthesilea wiederum will Achilles jedoch lieber bei sich in der Amazonenhauptstadt Themiskyra haben und nur aufgrund dieses Streits, da keiner der beiden den Wünschen des anderen nachgeben will, bringt Penthesilea Achilles schließlich in einer gewaltigen Rage um, während Achilles selbst ebenfalls zu den Waffen greift, um Penthesilea ebenfalls im Kampf zu töten. Hierbei hat es mir jedoch sehr gefallen, mit welcher Brutalität sie Achilles umbringt, als sie ihre Kriegshunde auf ihn hetzt und selbst mit bloßen Zähnen seine Brust zerbeißt, sodass sogar das Blut des Achilles aus ihrem Mund tropft. Da ich mir persönlich die Amazonen als äußerst brutal und gnadenlos vorstelle, fand ich diese Szene sehr gut und wirklich passend, für dieses kriegerische und für mich doch so faszinierende Volk. Unpassend war für mich dafür jedoch die Tatsache, dass das Gefolge von Penthesilea, insbesondere die Oberpriesterin Prothoe, von diesem gewalttätigen Verhalten seiner eigenen Königin entsetzt ist. Ja, sie wollen Penthesilea am Anfang sogar noch davon abbringen, Achilles überhaupt anzugreifen, da sie auch die Methode der Königin, für diesen Angriff Kriegshunde und Kriegselefanten einzusetzen, wohl als besonders schrecklich und grauenhaft empfinden.Gerade bei solchen Textteilen habe ich mich beim Lesen gefragt, ob das überhaupt noch Amazonen sein sollen, über die von Kleist da schreibt, oder irgendwelche kleine Mädchen, die kein Blut sehen können. Nochmal, ich habe zwar sicherlich eine völlig andere Vorstellung von Amazonen, besitze jedoch kein Problem damit, wenn Heinrich von Kleist, der auch in einer völlig anderen Zeit lebte, andere Ansichten hat, doch eines war bei den Amazonen immer, wenngleich nur mythologisch, gesichert: Eine unwahrscheinliche Kriegslust, die logischerweise, auch in der Antike, mit großer Brutalität und gewaltigem Blutvergießen einherging und in ihrer Art nicht minder grauenhaft war, als die Kriegsführung der modernen Zeit. Vielmehr hätte ich auch erwartet, dass die Amazonen Penthesilea davon abhalten würden, Achilles überhaupt nach Themiskyra zu bringen, denn schließlich hätten Männer dort niemals Zutritt besessen. Gut, dies könnte man vielleicht noch damit erklären, dass Penthesilea hier wohl vor Liebe blind war und als Königin sowieso das letzte Wort besitzt. Doch ihre fast schon unerklärlichen Stimmungsschwankungen, die ich mir persönlich sehr gut vorstellen kann, sind mir bei von Kleist doch zu extrem und vor allem viel zu schnell und zu häufig vorkommend. Zwar stimme ich dem Buchrücken zu, wo steht, dass Heinrich von Kleist eine Penthesilea der rauschhaften Extreme darstellt, da sie hier sanft und grausam sowie Grazie und Furie zugleich ist, doch mir ging dies persönlich trotzdem alles viel zu schnell vonstatten. Das Heinrich von Kleist den Amazonen auch Kriegselefanten sowie Sichelwagen zuspricht, welche noch nicht einmal in der griechischen Mythologie als Einheiten der Amazonen Verwendung finden, während ich mir deren Einsatz von Kriegshunden jedoch sehr gut vorstellen kann, kann ich ihm jedoch mit Leichtigkeit verzeihen und verbuche dies unter die künstlerische Freiheit.Dies ist, wie bereits erwähnt, meine persönliche Ansicht der Dinge und doch sehe ich „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist immer noch als Paradebeispiel einer wunderbaren Erzählung an, in welcher die Amazonen nicht nur vorkommen, sondern auch die Hauptrolle spielen, allen voran deren Königin. Und ja, auch ich ertappe mich immer wieder mal dabei, das Buch doch noch einmal hervorzuholen und durchzulesen, denn es hat irgendwie seinen ganz eigenen Bann, was sicherlich auch an dem guten Schreibstil von Heinrich von Kleist liegt. Wer von Kleist mag, dem wird sicherlich auch dieses Werk gefallen und auch generelle Interessenten an historisch wertvoller Literatur werden hier sicher ihre Freude haben. Nur Fans von Amazonen, falls es solche gibt, oder vor allem Fans von griechischer Mythologie im Allgemeinen könnten vielleicht an ein paar einzelnen Details Anstoß finden. Und auch wenn ich einer dieser Fans bin, so hatte mir das Buch am Ende doch sehr gefallen und es ist aus meiner Sicht auch vollkommen zu empfehlen.