Dieses Buch erfüllt seinen Zweck, nämlich eine kurze Einführung bzw. Übersicht in die Entwicklung und Relevanz der deutschen Sprache zu bieten, voll und ganz. Ich war vage mit der Geschichte unserer Sprache vertraut, habe aber in diesem kurzem Buch eine Menge über Dialekte und Entwicklung des Deutschen, ja über die deutsche Kultur an sich gelernt. Interessant fand ich auch die Erklärungen zum Unterschied zwischen schriftlichem und gesprochenem Deutsch. Mir ist jetzt jedenfalls klarer, welches Deutsch (und warum gerade dieses) im Fernsehen und Radio gesprochen wird, und welcher regionale Dialekt den größten Einfluss auf das geschriebene Deutsch hatte.Die (kurzen) Ausführungen zum Mittelalter, welches für die Entwicklung des Deutschen sehr wichtig war, habe ich im Gegenteil zu anderen Rezensenten nicht als langweilig empfunden. Viele gute (und teilweise sehr kuriose) Beispiele runden das Buch ab.Leser mit guten Vorkenntnissen werden hier wenig Neues finden, aber für dieses ist dieses Buch wohl auch gar nicht gedacht. Für interessierte Laien ist es genau richtig.
In Reclams neuer Reihe „100 Seiten“ - laut Verlagsaussage „zu aktuellen Themen, für einen schnellen Überblick, persönlich geschrieben, modern gestaltet, unterhaltsam präsentiert“ - wurde zum Thema „Deutsche Sprache“ der Germanist und emeritierte Professor an der Universität zu Köln Karl-Heinz Göttert (* 1943) beauftragt, der schon erheblich umfangreichere Werke zum Thema vorgelegt hat, nicht zuletzt das Deutsche Wörterbuch mit 100.000 Eintragungen (Köln 2008).Wer das Büchlein zur Hand nimmt, stutzt zunächst über Zweierlei: die Titelseite ist in konsequenter Kleinschreibung gestaltet. Beim Lesen erfährt man dann als eine von vielen staunenswerten Einzeltatsachen: das Deutsche Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (1852) verwendet bis zur heutigen Internet-Fassung (http://woerterbuchnetz.de) eben diese Kleinschreibung.Das Zweite ist ein kleines Ärgernis: Preiswertes sollte nicht billig gemacht sein; die Bindung ist schlampig, einzelne Seiten kleben aneinander.Was kann man auf 100 Seiten an Allgemeinbildung erwarten? Bei Göttert sind es 58 Seiten (also 58 Prozent) deutsche Sprachgeschichte, von Wulfilas gotischem Codex Argenteus von 500, über erste Ritter-Epik um 830, erste Prosa ab dem 13. Jahrhundert, Gutenberg, Luther, die erste Grammatik von 1531, den Aufklärer Christian Wolf 1720, J.Chr. Gottschedts Deutsche Sprachkunst 1748, J.H. Campes Wörterbuch der deutschen Sprache 1813 bis eben zu Grimm, dem „Begründer der deutschen Grammatik“ erfolgt ein Überblick über 1.500 Jahre deutscher Sprachgeschichte, wobei das Spezialgebiet des Verfassers, das Mittelalter, am ausführlichsten behandelt wird.Hierbei kann man für etwas Gelassenheit gegenüber heutigen Sprachentwicklungen durchaus aus der Geschichte lernen: schon im 12. Jahrhundert drang französisches Wortgut in unsere Sprache ein und nach „Wellen der Latinisierung“ erneut im 17. Jahrhundert: „1680 drohten französische Wörter das Deutsche geradezu zu ersticken“, was die „Fruchtbringende Gesellschaft“ 1645 veranlaßte, solche einzudeutschen. So wurde aus der adresse die Anschrift, aus der passion die Leidenschaft, während sich Meuchelpuffer für Pistole oder Jungfernzwinger für Kloster nicht durchsetzten. Nun erst überwiegen deutsche Drucke diejenigen in Latein, 1740 liegt ihr Anteil bei 70%, erst 1800 bei 95%. Eindeutschungsversuche romanischer Wörter im 19. Jahrhundert gelingen teilweise, etwa Erdgeschoß für Parterre, Stelldichein für Rendezvous, andere glücklicherweise nicht: die Dörrleiche für Mumie und der Zwangsgläubige für Katholik blieben uns erspart.Immer wieder weist der Verfasser darauf hin, daß es das Deutsche als Einheitssprache so nicht gab, sondern daß es sich aus der Bandbreite seiner Dialekte bildete. Der alte Witz, daß die Sachsen leider keinen Dialekt besitzen, erscheint in neuem Lichte: nicht nur durch Luther wurde das Meißnerische zur herrschenden Mundart im Hochdeutschen, sodaß Vertreter vor allem des Oberdeutschen von „sächsischer Tyrannei“ und „meißnerischem Diktat“ sprachen und Lessing wurde ausgeschlossen, weil er Schlesisches untermischte.Zwei Daten waren über alle Maßen verhängnisvoll für die Bedeutung des Deutschen: 1914-1918 der immer schärfere Nationalismus (“Der Krieg reinigt die deutsche Sprache“) und 1933-1945: während die Nazis einerseits „geradezu in Fremdwörtern schwelgten“, wurde „Sprachpflege zur Rassepflicht“, von „Aufnordung der deutschen Sprache“ war die Rede, „seither hat das Deutsche auf allen Gebieten verloren, den Rang einer Weltsprache wohl für immer verspielt.“In weiteren Kapiteln streift Göttert die heutige Situation der Dialekte, die Anglizismen, das Kietzdeutsch und die Stellung des Deutschen in der EU. Die Landkarte der Dialekte bedarf einer gründlichen Verbesserung: das deutsche Sprachgebiet ist größer als die Bundesrepublik, Dänisch und Sorbisch sind Sprachen und dürfen als solche nicht unter Dialekten aufgeführt werden, Niederdeutsch ist (wie im Textteil ausführlich geschildert) fast ganz verschwunden, wird hier aber als bestehend dargestellt, und dann noch in Gegensatz zu „Süddeutsch“ statt zu Oberdeutsch gesetzt.Einen Index und ein Literaturverzeichnis sucht man vergebens, es gibt ein paar wenige „Lektüretipps“, sehr wertvoll allerdings im Text die beiden Hinweise auf Quellen in Internet: das schon erwähnte Wörterbuch von Grimm, dazu der Deutsche Sprachatlas (DAS 1951-1980 https://www.regionalsprache.de/).Abschließend statt einer persönlichen Empfehlung Göttert im Wortlaut: „Deutsch ist eine starke Sprache, lebendig, in der Welt geachtet. Man kennt ihre Geschichte und kann daraus lernen.“Stephan Weidauer (in Die deutsche Schrift 1-2018)