Sprache als Mittel der Täuschung, Verblendung und AusgrenzungDas Buch:>> Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt,sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung da. <<Victor Klemperer analysiert in seinem längst zum Standardwerk gewordenen Buch Lingua Tertii Imperii - LTI, wie die Nationalsozialisten mit der Sprache umgingen und mit Worten Politik machten.Jedoch hat das Dritte Reich die wenigsten seiner Worte selbstschöpferisch geprägt,vielleicht, wahrscheinlich sogar, überhaupt keines.Immer wieder geht der Autor in LTI auf die Wurzeln einzelner Wörter ein.Gleichsam wie ein Arzt seziert er die, aus der Antike, der germanischen oder der Epoche der Romantik stammenden (Anm. des Verfassers: nach Friedrich Schlegel die Zeit von 1795 - 1848), Wortbedeutungen, und setzt diese in Bezug ihrer Verwendung nach im Nazismus.>> Aus der gleichen Ackerkrume wächst das Unkraut und die Blume ... und die Wurzel des Nazismus heißt Romantik! <<Diese subjektive Sicht Klemperers kann man aber durchaus in Frage stellen, vor allem aber, in der vorliegenden, rigiden Form!Begründung: In seiner Charakterisierung der Romantik beruft sich K. hauptsächlich auf einen Vertreter der französischen Romantik - Arthur de Gobineau (* 14.07.1816; gest. 13.10.1882) - und lässt dabei dessen Landsmann - Alfred de Musset (*.1810; gest. 1857) - völlig außer Acht, obwohl dessen Werke (u.a. " Le Male de Du siecle" - Die Krankheit des Jhdt.) zu gegensätzlichen Aussagen führen. Gänzlich unbeachtet bleiben außerdem die Aussichten, Ziele und Wirkungsweise der deutschen Romantik.Klemperer definiert die nationalsozialistische Sprache als bettelarm. Diese bemächtigte sich mit der Machtergreifung der Nazis 1933, aller öffentlichen und privaten Lebensgebiete.Hitlers >> Mein Kampf << (erstmals 1925 erschienen) wurde signifikanter Ausdruck der Erbärmlichkeit der Sprache des Dritten Reiches.Ziel der LTI war es, den einzelnen um sein individuelles Wesen zu bringen, ihn als Persönlichkeit zu betäuben, ihn zum Gedanken-und willenlosem Werkzeug zu machen.>> Denn ein Wort, eine Wortfärbung-oder Wortwertung gewinnen erst da innerhalb einer Sprache Leben, sind erst da wirklich existent, wo sie in den Sprachgebrauch einer Gruppe oder der Allgemeinheit eingehen und sich eine Zeitlang darin behaupten. <<V.K. erschöpft sich aber nicht nur darin, die Sprache der Nazis zu analysieren, sondern er beschreibt in LTI auch immer wieder metaphorisch seine Erlebnisse und welche konkreten Auswirkungen diese auf sein weiteres Fühlen und Denken sowie für seine Tagebuchaufzeichnungen hatte.In den letzten Kapiteln seines Buches widmet sich Klemperer dem Phänomen der LTI, viele Superlative (alte und neu kreierte) sowie Begriffe aus dem Sport zu verwenden. Anschaulich gibt er dazu Beispiele aus den Reden Adolf Hitlers und Joseph Goebbels,Hitlers >> Mein Kampf << , der Presse (Das Reich, Der Stürmer) und den damaligen Wehrmachtsberichten wieder.Die weitaus meisten, die einprägsamsten und dazu allerrohesten Bilder sind aber durchweg dem Boxsport entnommen. Originaltext und Ton von Joseph Goebbels:>> Wir wischen uns das Blut aus den Augen, damit wir klar sehen können, und es geht in die nächste Runde, dann stehen wir wieder fest auf den Beinen. Und ein paar Tage darauf: Ein Volk, das bisher nur mit der Linken geboxt hat und eben dabei ist, seine Rechte zu bandagieren, um sie in der nächsten Runde rücksichtslos in Gebrauch zu nehmen, hat keine Veranlassung nachgiebig zu werden. <<Der Autor:Victor Klemperer (* 9. Oktober 1881 in Landsberg an der Warthe; gest. 11. Februar 1960 in Dresden)war ein deutscher Literatur, -und Sprachwissenschaftler (Philologe) und Romanist.Im Jahr 1935 wurde er auf Grund des nationalsozialistischen Reichsbürgergesetzes aus seiner Professur an der TH Dresden entlassen. Er konzentrierte sich daraufhin auf die im Juli begonnene Arbeit zur Geschichte der französischen Literatur im 18. Jhdt., die in zwei Bänden 1954 und 1966 erschienen.Als dann den nach den nationalsozialistischen Rassengesetzen als Juden geltenden auch der Zugang zu Bibliotheken und das Abonnieren von Zeitungen und Zeitschriften verboten wurde, waren ihm die Hände gebunden und er musste diese wissenschaftliche Arbeit vorläufig einstellen. (>> ... damit hat man mir meine begonnene Lebensarbeit aus der Hand geschlagen. <<)Umso intensiver widmete er sich darum seinen Tagebüchern. Während der Kriegsjahre legte er mit seinen Tagebuchaufzeichnungen die Grundlage für seine geplante Abhandlung zur Sprache des Dritten Reiches, der LTI - Lingua Tertii Imperii.(erschienen 1947)Im ausführlichen Tagebuch zeigt sich Klemperer als genauer, kritischer aber auch selbstkritischer Beobachter seiner Zeit und seines Milieus. Ab 1933 lässt sich mit verfolgen, wie K. langsam und systematisch ausgegrenzt wurde,zunächst nur in der Wissenschaft, später auch im privaten Leben.LTI gilt heute als wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und ist Standardwerk für den Geschichte, -und Deutschunterricht.*) *) Quelle: Wikipedia Stand: 17.12.2010Das Fazit:Der Leser merkt an der Wortwahl, dem Satzbau und der Verwendung von Fremdwörtern:Klemperer war von Beruf Philologe! So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass man beim Lesen von LTI, doch das eine oder andere Mal den Duden und/oder das Fremdwörterlexikon bemühen muss.Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb, verbleibt beim Leser stets eine gewisse Spannung,die auch in keiner Weise ermüdend wirkt. Überhaupt glänzt LTI erst durch Klemperers vergleichende Ausführungen zu Wörtern und Begriffen, hinsichtlich ihrer geschichtlichen, philologischen und kulturhistorischen Entwicklung und Verwendung.Aber LTI ist weit mehr als ein reines Tagebuch oder eine philologische Wörtersammlung.Man erfährt einiges über deutsche Geschichte und über die historische Einordnung literarischer Strömungen und bedeutsamen kulturellen Epochen.Ein weiteres erklärtes Ziel von Victor Klemperer:>> Ziel von LTI ist neben dem wissenschaftlichen ein erzieherischer Zweck! << und>> Nichts führt uns dichter an die Seele eines Volkes heran, als deren Sprache! <<Leider darf ich nur 5 Sterne vergeben. LTI hätte durchaus mehr verdient!Meine Bewertung: 5 Sterne Herzlichst Th.S.
Dieses Buch des Romanisten Victor Klemperer sollte Pflichtlektüre an allen Schulen Deutschlands und Österreichs sein.V. Klemperer hat die Sprache des Dritten Reiches wie kein anderer in einzigartiger Weise gesammelt und analysiert. Ein Werk bei dem selbst dem Unbedarftesten nicht nur ein Licht, sondern ein ganzer Kronleuchter aufgehen müsste. In Zeiten wie diesen, wo AfD und andere rechtsradikale Gruppierungen in Europa Zulauf in erschreckendem Ausmaß haben und der Antisemitismus wieder erstarkt, ein Buch, das in keinem Haushalt fehlen sollte. Wenn es schon die Schulen nicht tun, bitte, liebe Eltern, Großeltern oder wer sonst Zeit für unsere Jugend hat, lest das Buch zusammen mit den Kindern und Jugendlichen. Erklärt ihnen, was für ein mächtiges Instrument Sprache ist, im positiven wie im negativen Sinne.Daher von mir eine unbedingte Kaufempfehlung!