Und Jimi Hendrix ist nie in der Ukraine aufgetreten. Vermutlich hat er noch nicht einmal gewusst, dass es diese schöne alte Vielvölkerstadt, ein bevorzugter Spielball geschichtlicher Wirrnisse, überhaupt gibt. Dass er dort ein zweites Grab hat, in dem seine – das lesen Sie besser selbst, Sie werden das ohnehin nicht glauben – entspringt der überbordenden Fantasie von Andrej Kurkow, der sich diese skurrile Geschichte ausgedacht hat. Aber Fans hatte der Musiker auch hinter dem Eisernen Vorhang und Hippies, mittlerweile ergraute Langmänige, einst kritisch beäugt vom KGB, gab es auch da.Hauptmann Rjabzew war so einer, der bei diesen Freigeistern herumschnüffelte. Die Geschichte ist auch über ihn, der im Lauf der Überwachung zum Hendrix-Fan wurde, hinweggegangen: Kleine Rente, unbedeutende Existenz, Taubenzüchter, der die Nähe zu dem bunten Völkchen sucht, um, ja was, vielleicht Vergebung für sein einstiges Wirken zu erbitten. Die zeigen sich misstrauisch und zugeknöpft, wer könnte es ihnen verdenken.Dann ist da Taras, ein junger Mann aus einer anderen Zeit, der in der Nacht mit seinem alten Opel durch die holprigen Straßen der Altstadt jagt und sich so seinen Lebensunterhalt verdient. Mit dem Medizinstudium hat es schon früh nicht mehr geklappt, aber er hat eine unfehlbare Methode entwickelt, wie Leidgeprüfte ihre Nierensteine loswerden können. Er holpert mit ihnen nach einem ausgeklügelten Plan über die nächtlichen Straßen der Stadt, in der es in diesem Buch immer nass, kalt und nebelig ist. Die Steinchen seiner dankbaren Kundschaft sammelt er und das verdiente Geld, oft Dollars, bringt er zu der Wechselstube, wo er sich in die junge Frau verliebt hat, die dort in einem verschlossenen Käfig die Nachtschicht hat. Da sie allergisch auf Geld reagiert, trägt sie stets Handschuhe und trinkt mit Taras Kaffee aus Aschenbechern. Tassen sind zu hoch für die Mulde, in der das Geld hin- und hergewechselt wird. Das ist so ungefähr der Sound dieses Buches, das seinen Lesern viel Vergnügen bereitet, sofern sie über eine bestimmte Art von Humor verfügen.Noch viel mehr Leute bevölkern dieses zuweilen märchenhaft anmutende Buch, so zum Beispiel Jurij Wynnytschuk, einer der populärsten Schriftsteller der Ukraine, oder Alik, der Lebenskünstler und eben Althippie, der sich zögerlich auf den alten Geheimdienstler einlässt, der mit seinem Motorroller durch die Stadt flitzt, wann immer er gebraucht wird. Es ist fast immer Nacht in diesem Buch, tagsüber wird überwiegend geschlafen, während in der Dunkelheit gegessen wird, Sprotten, Algensalat, Salzgurken, solche Sachen und natürlich wird Wodka getrunken, nicht zu knapp, das östliche Allheilmittel gegen alle Widrigkeiten, die das Leben so bereithält. Und davon gibt es viele. Warum nur riecht es in der Stadt, die weit entfernt ist von der Küste, an manchen Orten nur immer wieder stark nach Meer? Warum treiben Möwen ihr Unwesen, die kreischend am Himmel kreisen und ziemlich angriffslustig sind? Kommt das karpatische Meer, längst vergangen, zurück an den Ort, wo es vor unfassbar langer Zeit einmal war? Was hat der obdachlose Seemann damit zu tun? Das muss dringend geklärt werden und Alik erinnert sich bei dieser Gelegenheit daran, dass er und seine Freunde nun doch nie in San Francisco gewesen waren, eine Stadt, die noch heute ganz gewiss am Meer liegt. „Weißt du“, erklärt sein Freund Audrjus, „manche Städte gibt es nur, damit jemand davon träumen kann, dort hinzukommen. Das Träumen ist manchmal wichtiger als das Hinfahren…“Das könnte wahr sein und vielleicht sollten wir, die einstigen Reiseweltmeister, von den Asiaten von Platz 1 verdrängt, einmal nach Lemberg fahren, wenn es die geopolitische Großwetterlage zulässt. Nach der Lektüre dieses Romans glaube ich ganz sicher, dass das eine gute Idee ist. Auf alle Fälle aber lohnt es sich, Bücher von Andrej Kurkow zu lesen und die des Jurij Wynnytschuk werde ich auch im Auge behalten. Gerade eben ist wieder ein Buch von ihm auf Deutsch erschienen. Zum Glück erweitert nicht nur Reisen den Horizont, das Lesen bewirkt das auch.Helga Kurz14. Dezember 2014
Der Roman ist ein modernes Märchen. Eine zunächst mysteriöse, dann fantastische Geschichte hält die sieben Protagonisten, die im heutigen Lemberg leben, schwer auf Trab. Möwen, die es in Lemberg gar nicht geben dürfte, attackieren Passanten, hie und da werden Krabben und Seesterne auf der Straße gesichtet und Salzwasser kommt aus der Wasserleitung. Ist Lemberg verwunschen oder bedroht?Die Rahmenhandlung beinhaltet zwei Erzählstränge die sich mehrfach zart berühren. Dies ist sehr schön gemacht. Leider gibt es einige Ungereimtheiten, die den Lesespaß stören: Da rasiert sich einer, um sich keine halbe Seite später, oder zehn Minuten erzählte Zeit, Tränen durch die Bartstoppeln laufen zu lassen. Oder es sind auf einmal 4 Stunden vergangen, obwohl die beschriebene Handlung maximal und mit viel Toleranz höchstens für eine Stunde reicht. Was außerdem sehr schade ist, dass Kurkow in seinen letzten Romanen immer auf viele Protagonisten setzt. Diese sind zwar auch sehr schrullig und mit Liebe gezeichnet, aber es fehlt einfach an Tiefe, wenn wir es mit den Pinguinbüchern oder Petrowitsch vergleichen.Wer Kurkow liebt, sollte den Roman lesen, wer Kurkow noch nicht kennt, sollte besser ein früheres Werk wählen - dieser ist leider nicht der beste Roman, aber auch nicht der schlechteste.