HandlungErzählerin Heleen ist Patientin in einer Nervenklinik und legt in den stillen Stunden ihre Lebensbeichte ab, gegenüber einer schweigenden jungen Nachtschwester.Mal sagt Heleen selber, sie sei verrückt, mal streitet sie das vehement ab. Auf mich wirkt sie keineswegs verrückt – nach einer Kindheit und Jugend, in der sie ausgenutzt und über die Erschöpfung hinaus überarbeitet wurde, fing sie an, sich als junge Frau in verzweifeltem Egoismus alles zu nehmen, was sie bekommen konnte. Ihre Schönheit ermöglichte ihr einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg und das aufblühende Glück schien sich in der Beziehung zu ihrer großen Liebe Hannes zu vervollständigen… Und doch enthielt diese schon den Stachel des Unglücks.In Heleens Erinnerungen zeichnet sich ein tragisches Bild dessen, was sie in diese Klinik gebracht hat. Wir folgen ihrem Lebensweg bis zum Wendepunkt: unfähig, mit ihrem vermeintlich offensichtlichen Altern und dem somit drohenden Verlust ihrer Schönheit umzugehen, steigerte sie sich in Selbsthass und eifersüchtigen Wahn, mit schrecklichen Folgen.Der behandelnde Arzt beginnt schon nach dem ersten Gespräch, sie zu behandeln wie einen lästigen Gegenstand. Viele ihrer Mitpatientinnen in dieser Nervenklinik sind sicher ebenfalls nicht “verrückt” – die alten Menschen dort wirken in Heleens Schilderungen einfach dement, die jüngeren wie sie selbst überfordert von ihren Leben. Niemandem wird wirklich geholfen, die Patientinnen sollen den ganzen Tag im Bett bleiben und erhalten keine nennenswerte Therapie. Es scheint vor allem darum zu gehen, sie ruhig zu stellen.Die junge Nachtschwester gibt niemals Antwort, spricht im ganzen Roman kein einziges Wort. Aber du spürst ihre Neugier in den kleinen Signalen, die sie Heleen unwillkürlich gibt und die diese nicht unkommentiert lässt. Wahrscheinlich wurde der Schwester beigebracht, nicht mit den Patientinnen zu sprechen, sie nicht zum Reden zu ermutigen. Stille Patientinnen sind pflegeleichter – und wenn sie erstmal angefangen haben, zu reden, fangen sie vielleicht auch an, zu weinen oder sogar zu schreien.Das Buch wurde in den 30ern geschrieben, da war es vielerorts in den Nervenheilanstalten wahrscheinlich wirklich so. Die Autorin schildert das sehr authentisch, glaubhaft und sensibel, gleichzeitig lesen sich ihre Worte erstaunlich modern. In vielerlei Hinsicht ist Heleen eine Protagonistin, die nicht ins weibliche Idealbild der Zeit passt, und entsprechend wirkt auch die Sprache keineswegs antiquiert.Anfangs war ich sehr beeindruckt davon, mit welchen Mut sie schon als junges Mädchen unverhoffte Chancen ergreift. Ein halbes Kind… Und sich dennoch ihrer weiblichen Reize deutlich bewusst. Furchtbar, dass diese Reize ihr Ticket in ein besseres Leben sein mussten, denn als jungem Mann hätten ihr bei ihrer Intelligenz und ihrem Charisma die Welt offen gestanden. Dennoch kam ich nicht umhin, ihr Beifall zu zollen dafür, wie sie ihre Möglichkeiten nutzt, um als Frau erfolgreich zu sein.Mein Bild von ihr wandelte sich indes im Laufe der Erzählung immer wieder. Einerseits ist Heleen sehr oberflächlich, sie kann unglaublich manipulativ und berechnend sein – sie hat anscheinend kaum Bewusstsein für richtig und falsch, nur für schön und hässlich. Andererseits ist diese Persönlichkeit ein direktes Resultat ihres Lebens, daher fühlte ich trotz allem mit ihr.Sie spricht von sich, als sei ihre Schönheit ihr ganzer Wert, als könnten andere Menschen sie nur dafür lieben – wo es doch offensichtlich ist, dass SIE diejenige ist, die sich nur über diese Schönheit definiert und sich selber nicht lieben kann. Sie verrennt sich in diesen Schönheitswahn.Die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, der Verlauf ihres Lebens – das fand ich alles stimmig und hochspannend.Ein Teil des Endes war für mich eine Überraschung, einen anderen Teil hatte ich im Grunde so erwartet.Dass die Protagonistin in einer Nervenheilanstalt sitzt, ist die logische Konsequenz ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit. Die wiederum sind die logische Konsequenz ihrer harten, schwierigen Kindheit und Jugend. Mir tat Heleen bis zum Schluss immer noch leid, auch wenn sie sich im Laufe des Romans zunehmend als selbstsüchtig und wahnhaft herausstellte. Ich konnte und wollte einfach nicht vergessen, wie sich diese hässlichen Charakterzüge entwickelt hatten.Wenn du als Kind und Jugendliche nie mal nur an dich denken kannst, wenn du immer nur für andere schuften musst, dann ist die Versuchung sicher groß, nur noch an dich zu denken, sobald du es kannst. Wenn deine Schönheit immer dein einziges Kapital war, dann wirst du es so gut wahren und behüten, wie es geht, dann ist Schönheit deine Währung.FazitHeleen, Patientin einer Nervenklinik, erzählt der Nachtschwester die Geschichte ihres Lebens. Als Tochter einer armen, kinderreichen Familie wuchs sie mit knochenharter Arbeit auf, ergriff früh die Chance zur Flucht, baute sich mit ihrem Sinn für Schönheit und Stil eine Karriere auf – ein beeindruckender gesellschaftlicher Aufstieg. Doch eine große Liebe löste einen fatalen Zyklus von Eifersucht, Selbsthass und Schönheitswahn aus.Die Originalausgabe des Buches erschien bereits 1930, beim Lesen war ich immer wieder erstaunt, wie modern sich sowohl Stil als auch Protagonistin lasen. Der Roman packte mich schnell und ließ mich dann bis zur letzten Seite nicht mehr los – ein intelligent geschriebener Pageturner mit ungemein feiner Charakterisierung einer außergewöhnlichen Protagonistin.
"Nein, ich bin nicht verrückt - mir ist jetzt klar, dass dies hier nicht die Hölle ist - bis auf die wenigen Male, die ich wieder vergesse, dass ich in einer Nervenklinik in der normalen Welt bin." (Buchauszug)Während zwei Nächten in einer Nervenklinik vertraut Heleen der Nachtschwester vom Dienst ihre Lebensgeschichte an. Dabei erzählt sie von ihrer Kindheit in einer protestantischen Großfamilie. Als Älteste der Kinder muss sie schon früh im Haushalt mithelfen und ihre anderen acht Geschwister versorgen. Als dann der Vater einen Unfall erleidet und fortan bettlägerig ist, erhält sie noch mehr Verantwortung. Unverhofft kommt dann noch ihre jüngste Schwester Lientje zur Welt, für die Heleen fast wie eine Art Mutterersatz wird. Eine viel zu frühe Anstellung lässt sie dann aus ihrem Elternhaus entfliehen. Durch ihre Schönheit findet sie später einen reichen Mann, den sie heiratet und mit dem sie nie glücklich wird. Erst nach der Trennung von ihm lernt sie ihre wahre Liebe kennen, die sie durch ihre Eifersucht und Zweifel selbst zerstört.Meine Meinung:Die Geschichte "Die Beichte einer Nacht", entstanden im Jahr 1930, ist in vielen Dingen eine Geschichte, die noch immer modern ist. Selbst heute noch können Ängste, Zweifel, Depression und Eifersucht oft zu Katastrophen führen. Aufgebaut ist sie einzig und allein auf Heleens Monolog in diesen beiden Nächten.Trotz allem ist dies kein einfacher Roman, den man mal so nebenbei liest, da er doch recht anspruchsvoll und deprimierend ist. Schon alleine die Kindheit von Heleen, die im Grunde gar keine hatte, da sie viel zu früh Erwachsen sein musste. Zudem heute völlig unverständlich, dass ein Ehepaar zehn Kinder in die Welt setzt, obwohl sie körperlich und von ihren Verhältnissen aus sich diese gar nicht leisten können. Doch sicher waren Kinder zur damaligen Zeit die Altersversorgung der Eltern. Sie mussten sich um die Eltern kümmern, ob materiell oder fürsorglich sie später oft noch pflegen. Von daher hatten gerade ärmliche Familien viele Kinder, um im Alter gut versorgt zu sein. Außerdem war zu dieser Zeit das Thema Verhütung natürlich nicht so weit wie heute und bei einer gläubigen Familie schon gar nicht. Waren doch für sie Kinder ein Geschenk Gottes. Doch zurück zu Heleen, die in zwei Nächten einer Krankenschwester ihr ganzes unglückliches Leben beichtet. Wenn man es liest, kann einem diese Frau wirklich leidtun. Hat sie doch in ihrem Leben nie richtig das Glück gefunden und als sie es hatte es sich selbst kaputtgemacht. Die Niederländerin Marianne Philips schildert hier ein Frauenbild, das zu jener Zeit, als das Buch entstand, sicherlich prägnant war. Kein Wunder, das ihr Buch zur damaligen Zeit viele Skeptiker hatte. Man muss sich vorstellen, dass zu jener Zeit Frauen oft noch gar nicht oder erst seit Kurzem wählen durften. Man musste die Ehemänner um Erlaubnis fragen, wenn man einen Beruf ausüben oder zur Schule gehen wollte und der Haushalt lag einzig und alleine in den Händen der Frau. Genauso erging es meist den Töchtern, die oft nie eine andere Wahl haben, sich ihr Leben selbst auszusuchen und stattdessen in eine Arbeitsstelle oder Heirat gedrängt wurden, wo sie vielleicht nie glücklich wurden. Kein Wunder, das diese Frauen oft mit Ängsten, Zweifel, Sehnsüchten und Depressionen behaftet waren wie Heleen. Jedoch sie versucht aus diesem Teufelskreis auszubrechen und heiratet einen reichen Mann. Leider entdeckt sie erst viel zu spät, dass sie ihn gar nicht liebt, sondern sogar abstoßend findet. Dass sie sich von ihm scheiden lässt, war damals sicherlich genauso selten gewesen. Die Autorin selbst, ebenfalls geprägt durch ihre schwere Kindheit und den viel zu frühen Tod ihrer Eltern, musste sich wie Heleen um ihre Geschwister kümmern, statt die Schule abzuschließen. Kein Wunder also, das sie versucht von der Familie weg zukommen, ihre Schule nachholt und eine leidenschaftliche Aktivistin wird, um für Verbesserungen und die Rechte von Frauen zu kämpfen. Diese Leidenschaft spiegelt sich selbst in diesem Buch wider. Zudem ist viel Biografisches enthalten, dass die Autorin eigens erlebt hat. Sie war sicherlich ihrer Zeit voraus, als sie hier diese Gedanken zu Papier brachte und sie wäre garantiert glücklich über das heutige Frauenbild. Selbst das ich mit Heleens persönlicher Sichtweise nicht immer klargekommen bin, was wahrscheinlich an ihrer psychischen Erkrankung lag, gebe ich dem Buch 4 von 5 Sterne.