Ui, wie kann man nur so was schreiben? Den Gedanken hatte ich mehrmals am Ende vieler Kurzgeschichten. Die Geschichten kommen so schlau, so einfühlsam und tiefsinnig daher, dass es mich schon gruselt. Warum? Ich frage mich, wie man es schafft, auf so wenigen Seiten einer Kurzgeschichte ein ganz neues Universum aufzumachen, dass man sofort davon mitgerissen und berührt wird.Normalweise sind Ausgaben mit Kurzgeschichten bekannter Autoren ja eher trocken, verkopft und so lala. Um so überraschter war ich, dass mir dieser Band genauso gut gefällt wie Wells Romane.Manche Geschichten sind humorvoll und kurzweilig, andere zutiefst ergreifend und ein bisschen nostalgisch. Besonders gefallen hat mir, dass die kurzen Geschichten immer auf den Punkt genau enden, mal mit einer bildhaften Beschreibung, mal mit der passenden Auflösung.Eine weitere Stärke des Buches ist, dass verschiedene Genres bedient werden, die Wells alle problemlos meistert. Ich könnte mich jetzt nicht auf eine Lieblingsgeschichte festlegen, obwohl "Das Franchise" natürlich heraussticht und man Lust hätte, diese Geschichte als Film zu sehen.Ein paar Zitate, die ich mir rausgeschrieben habe:"Die gesamte Bibliothek war im Grunde nichts als ein gigantischer Bahnhof voller Figuren und Geschichten." (Die Nacht der Bücher)"Wenn ihre Erinnerung ein Kino war, dann waren die Jahre mit ihm ein Klassiker, der noch immer jeden Abend lief. " (Richard)"Liebe, das war in ihrer Vorstellung ein kahler Raum mit schlechter Beleuchtung, in dem ein paar Männer saßen, an die sie besser nicht mehr dachte. " (Die Muse)Ich kann das Werk nur empfehlen, ich habe das Buch heute morgen an einem Rutsch durchgelesen. Wells Werke sind wie ein gutes Dessert, köstlich und bewegend, aber nie zu zuckrig oder schmalzig.